Der Kurs II

21.11.2006

Wir blickten alle wie betäubt zu den mächtigen Reitern auf. Lautlos galoppierten sie über den Himmel, und ich überlegte mir einen Moment abwesend, ob es einen mächtigen Knall geben würde, wenn sie vorübergezogen waren, wie bei einem Flugzeug, das die Schallmauer durchbrach.

Hanna zitierte weiter die Offenbarung des Johannes, und wieder rissen sich meine Gedanken von dem Anblick über mir los und ich wunderte mich, ob sie wohl die ganze Bibel auswendig gelernt hatte. Und falls nicht, wieso ausgerechnet die Offenbarung? War sie vielleicht das Opfer von ultrareligiösen Eltern, die sie wie eine Gefangene hielten und sie zwangen, jeden Tag auf trockenen Erbsen kniend die Bibel zu lesen?

Viele der Leute die mit uns nach draussen gestürmt waren, fielen ebenfalls auf die Knie und begannen zu beten. Die einen leise, die anderen flehten laut zum Himmel. Um Vergebung, um Verschonung. Einen Moment war ich versucht, es ihnen gleich zu tun. Als Katholikin aufgewachsen zu sein, hatte seine Spuren hinterlassen. Es riss mich förmlich auf die Knie. Doch ich hatte schon lange entschieden, dass dieser Gott nicht in mir wohnte, also war es unnötig, ihn um Vergebung zu bitten. Sollte es ihn geben, und war er nun wirklich dabei die Menschheit zu richten, konnten die Gebete der Knienden ja vielleicht nicht schaden. Wie wohl die Angehörigen anderer Religionen dies alles erlebten? Hatten die Katholiken am Ende doch Recht?

Ich stand also da, unentschlossen, was ich tun sollte, als sich sich erhoben. Beinahe hätte ich laut gelacht. War es also wahr? War die Hölle unten, oder genauer gesagt in der Mitte der Erde? Hatten die Menschen instinktiv gewusst, dass der glühende Kern unseres Planeten die ewige Verdammnis unserer bemitleidenswerten Überreste war? Wie bleiche Geister stiegen die Seelen aus der Erde auf und stiegen langsam auf, dem roten Zentrum zu, aus dem die vier Reiter erschienen waren. Zu tausenden erhoben sie sich langsam aus ihrer Ruhe. Lautlos durchschwebten sie Wände und Menschen. Es gab keinen Fleck, an dem nicht plötzlich ein Kopf erschien. Sie verbanden sich zu einem gewaltigen weissen Stom, und immer kamen noch mehr. Fast erwartete ich, dass einer der Menschen um mich herum vor Schreck starb, und auch seine Seele sich auf den Weg nach oben machte. Es war Zeit, etwas zu unternehmen.

„Hanna“, sprach ich sie an. Ihre Augen waren unverwandt auf die Reiter gerichtet. Das musste schon fast wehtun, so sehr wie sie ihre Augen auf riss. Tat es zumindest bereits beim zusehen. „Hanna“, rief ich etwas lauter und rüttelte sie an der Schulter. Langsam wandte sie ihren Blick von dem schaurigen Schauspiel ab und sah mich an. „Hanna, was passiert als nächstes?“

„Und als es das fünfte Siegel auftat, sah ich unten am Altar die Seelen derer, die umgebracht worden waren um des Wortes Gottes und um ihres Zeugnisses willen.
Und sie schrien mit lauter Stimme: Herr, du Heiliger und Wahrhaftiger, wie lange richtest du nicht und rächst nicht unser Blut an denen, die auf der Erde wohnen?
Und ihnen wurde gegeben einem jeden ein weißes Gewand…“

„Das ist recht beeindruckend Hanna, aber ich dachte eher an eine Kurzfassung. Was wird passieren?“
„Bist du sicher, dass du das wirklich wissen willst?“, fragte Beat. Ich hatte angenommen, dass er wie die anderen in den Himmel starrte und sprang fast einen Meter hoch vor Schreck.
„Himmel, bist du verrückt? Beinahe hätte ich mich diesen Seelen angeschlossen wegen dir!“
„Hä?“
„Ach vergiss es. Und ja, ich will wirklich wissen, was als nächstes passiert. Also?“, fragend drehte ich mich zu Hanna um.

„Und ich sah: als es das sechste Siegel auftat, da geschah ein großes Erdbeben und die Sonne wurde finster wie ein schwarzer Sack, und der ganze Mond wurde wie Blut, und die Sterne des Himmels fielen auf die Erde, wie ein Feigenbaum seine Feigen abwirft, wenn er von starkem Wind bewegt wird.“

„Hm, Sonne und Mond sind ja bereits finster. Erdbeben und fallende Sterne macht mir nun aber wirklich Sorgen… Irgendeinen Plan, Beat?“
„Was heisst hier, irgendeinen Plan, Beat? Ich dachte, du hast einen Plan?“, kiekste er mit entsetzter Stimme.
„Ähm, nein, tut mir echt leid. Annabelle? …. Annabelle?“