Der Kurs VI

09.01.2007

„Was machen wir jetzt?“, brach ich schliesslich die Stille. Mir unheimlich zumute in dem stillen, leeren Haus. Von draussen fiel indirektes, rotes Licht hinein, und zauberte Monster zwischen die Möbel von Beats Eltern. Ich spürte das Adrenalin durch meine Venen toben und wunderte mich einen Moment, dass es möglich war, mich noch mehr zu fürchten. Seit dem Stromausfall, mit dem alles begann, hatte mich eine seltsame Ruhe befallen. Doch nun war ich nervös. Alles trieb mich aus dem Haus, dass doch eigentlich Sicherheit versprach. Obwohl ich sie zu ignorieren versucht hatte, waren Hannas letzte Worte mir ins Bewusstsein gekrochen:

„Und in jenen Tagen werden die Menschen den Tod suchen und nicht finden, und werden wünschen zu sterben, und der Tod wird vor ihnen fliehen.“

Was war, wenn Beats Eltern zerstückelt im Pool lagen, regungslos unter der undurchsichtigen Oberfläche in ihrem eigenen Blut schwammen, und plötzlich zu Zombies wurden? Ich hatte genug Endzeitfilme gesehen, um auf solche Dinge gefasst zu sein. Ich wollte jedoch die anderen nicht unnötige beunruhigen, nur weil meine Fantasie mit mir durchging. „Wohin sollen wir?“, fragte ich also noch mal.

Beat blickte ans Sofa gelehnt nachdenklich aus dem Fenster, Annabelle trank andächtig ihre Coke und Hanna hatte angefangen, mit dem Oberkörper vor und zurück zu wippen. Jemand musste eine Entscheidung treffen. Doch wohin? Was sollten wir tun? Wir waren hierher gekommen, weil uns ein Gefühl hergebracht hatte. Und nun zog es mich weiter. Plötzlich mussten wir uns beeilen. „Wir fahren weiter!“, erklärte ich mit bestimmter Stimme. Die anderen stellen ohne ein Wort ihre Getränke hin und wir verliessen das Haus. Gerade rechtzeitig, um ihn zu sehen: Aus dem roten Schlund am Himmel kam er, der grosse feuerrote Drache, welcher sieben Häupter und zehn Hörner und auf seinen Häuptern sieben Diademe hatte.

Ich wunderte mich wie er mit sieben Köpfen nur zehn Hörner haben konnte. Hatte er die restlichen vier Hörner bei Kämpfen verloren? Oder war das ein Verweis auf die zehn Gebote? Und wo war die schwangere Frau, die ihn begleiten sollte? Als ob jemand meine unausgesprochenen Fragen beantworten wollte, hob eine helle Stimme zu singen an. In einer Sprache, die nicht gemacht ist, um von Menschen gehört zu werden, sang sie von dunklen Träumen, von Krieg, alten Wunden und blutigem Regen. Ich fiel auf die Knie und weinte, das tränennasse Gesicht dem wunderschönen Drachen zugewandt, der sich in eleganten Schlenkern am Himmel bewegte. Dann erzählte das Lied vom Leben, vom Wachsen des Grases, einem Sonnenstrahl und dem Lachen eines Baumes. Ich war glücklich. Für eine kurze Zeit war meine Existenz gut und richtig. Dann schlug mir Beat seine Faust in den Nacken, und ich fiel.