Der Psychiater

26.11.2006

„Manchmal bin ich einfach nur fürchterlich müde. Ich möchte mich ins Bett legen, die Decke über den Kopf ziehen und tagelang schlafen. Vielleicht sogar mein ganzes Leben verschlafen.“
„Sind Sie körperlich müde, oder ist es eher eine…“, er stockte einen Moment. Später würde ich mich fragen, warum er diese kleine Pause gemacht hatte. Er musste doch jeden Tag mit Leuten wie mir zu tun haben, wieso viel ihm diese Frage so schwer? „Ist es vielleicht eher eine Lebensmüdigkeit?“ Er sah mir mit einem alles durchdringenden Blick in die Augen. Achtete auf jede Bewegung, auf jedes Gefühl, dass sich auf meinem Gesicht zeigen konnte.

Der Psychiater hatte meerblaue Augen. Manchmal glaubte ich zu sehen, wie sich die Farbe langsam bewegte, als würden sich Wellen in seiner Iris bewegen. Seine Stimme war sanft und seltsam einlullend. Als wollte er mich in Sicherheit wiegen und in eine Trance reden, damit ich ihm noch mehr von mir offenbaren konnte.

Ich starrte auf einen roten Punkt im Muster des Teppichs zwischen uns. Was sollte ich nur auf diese Frage antworten? Mein Gehirn schien mir verlangsamt zu arbeiten. Ich hatte keine Lust, seine Frage zu analysieren, zu hinterfragen, ob dies auf mich zutraf, ob ich wirklich nur erschöpft oder tatsächlich lebensmüde war. Ich hatte keine Lust, mit ihm zu reden. Ich wollte ihn einfach nur ansehen, seine meerblauen Augen beobachten und dabei still sitzen.

Seine Frage hing tot zwischen uns. Während ich mühsam nachzudenken versuchte, war sie plötzlich verdorrt wie ein Schössling an einem zu heissen Tag.

Der Psychiater sah durch mich durch und starrte die Wand an. Nun waren wir also gefangen, wegen einer einzigen Frage verdammt, hier zu sein und hier zu bleiben. Ohne zu wissen, was die Tage uns bringen würden.