Der Wald

9.11.2007

Ich konnte mir wirklich erklären, wie ich in diesen Wald geraten war. Ich hatte beschlossen, nach den Vorlesungen des Tages noch etwas shoppen zu gehen. Die Weihnachtszeit war vielleicht nicht gerade die ruhigste, doch ich mochte die üppigen Dekorationen. Es konnte mir nie genug glitzern und leuchten.

Als ich in die Betrachtung der Schaufenster versunken durch die Strassen schlenderte, tauchte plötzlich ein grosses Objekt vor mir auf. Aus den Augenwinkeln hatte ich es im letzten Moment entdeckt und konnte gerade noch ausweichen. Als ich mich umdrehte um zu sehen, was mir da im Wege stand, war ich verblüfft. Keinen Meter von der Fassade entfernt stand ein ausgewachsener, mehrere Meter hohe Baum. Der Strassenbelag um seine Wurzeln war aufgerissen, als wäre er nur wenige Sekunden zuvor aus dem Boden geschossen. Kopfschüttelnd ging ich weiter. Entweder war dies ein Weihnachtskunstwerk, wofür die Stadt berühmt war. Oder jemand hatte sich einen dummen Scherz erlaubt. Auch wenn ich mir nicht erklären konnte, wie man so einen grossen Baum mitten in die Stadt bekam. Vielleicht waren ja Asterix und Obelix kurz vorbeigekommen.

Schnell hatte ich mich wieder in den Schaufenstern verloren und bewunderte das prächtige Angebot. So bemerkte ich auch nicht, dass es immer dunkler und leiser um mich herum wurde. Bis ich die letzte Boutique der Strasse erreichte. Plötzlich war Stille um mich herum. Und ich stand mitten in einem Wald. Einem gruseligen Wald, voller gruseliger, hoher Bäume. Bei Tageslicht hätte es mir hier sicher gut gefallen, denn der Boden war nicht wie so oft mit altem Laub bedeckt, sondern bestand aus weichem Gras. Ein leichter Wind blies weiter oben durch das Blätterdach, und hie und da erreichte gespenstisch bleiches Mondlicht den Waldboden.

„Toll“, konnte ich nur sarkastisch denken, und mich vor Angst gelähmt nicht bewegen. Alleine mitten in einem verlassenen Wald zu sein, das war wohl einer der schlimmsten möglichen Albträume. Ich versuchte, die rasend schnell in mir aufsteigende Panik zu bekämpfen. Dunkelheit. Alleine an einem unbekannten Ort. Ich war in der Hölle gelandet, und in der Hölle wuchsen wunderschöne, grosse Bäume.

„Es wird sicher kein irrer Mörder so verrückt sein, mitten in der Nacht in diesem verdammten Wald auf ein Opfer zu warten“, versuchte ich mir einzureden. Es waren die gleichen Worte, die wir uns in den Schullagern der Kindheit zuflüsterten, wenn wir während einer Nachtübung Angst hatten. Und wie damals half dieses Wissen nun auch nicht, mich in irgendeiner Weise zu beruhigen.

Ich musste da raus. Obwohl mich die Angst bis in die Knochen zu lähmen schien, zwang ich meine Beine und meine Füsse, sich zu bewegen. Vielleicht hatten die auch ein eigenes Bewusstsein entwickelt, mit dem gleichen Ziel wie mein Gehirn: Nur weg hier!

Da ich keine Ahnung von der Flugbahn des Mondes oder der Bestimmung von Himmelsrichtungen mithilfe von Sternen hatte, und die Sterne durch die spärlichen Lücken im Blätterdach sowieso nicht auszumachen waren, drehte ich mich dreimal im Uhrzeigersinn um meine Achse und lief dann einfach los. All zu gross konnte der Wald ja nicht sein. Ich hatte als Kind viel Zeit in den Wäldern um mein Elternhaus verbracht, und die waren alle nicht sehr ausgedehnt.

Nach einiger Zeit blieb ich im Zentrum einer Mondlichtinsel stehen. Meine Armbanduhr zeigte zwei Uhr morgens. Wie war das nur möglich, ich konnte doch erst ungefähr eine halbe Stunde unterwegs sein? Als ich meinen Marsch fortsetzte, begann ich meine Schritte zu zählen. Bei 200 blieb ich stehen und prüfte wieder die Uhrzeit. 4.05 Uhr.

Menschen, die plötzlich an Orten auftauchen, wo sie nicht sein sollten, und die sich auch nicht erinnern konnte, wie sie dahin gekommen waren. Uhren, die verrückt spielten. Augenblicklich fielen mir sämtliche Berichte und Filme über Entführungen durch Ausserirdische ein, die ich jemals gesehen hatte. Der kalte Schweiss brach mir aus. War das möglich? Wenn ich meinen Mantel öffnete, würde ich ein T-Shirt tragen, auf dem stand: „I was abducted by Aliens, and all I got was this lousy T-Shirt!“

Mit zittriger Hand griff ich nach meinem Hals, um meinen Schal zu lösen.