Herzblut

20.11.2006

Ich hatte mir in den Finger geschnitten. Und zwar so richtig. Mit dem Brotmesser abgeruscht und die halbe Fingerspitze durchtrennt. Mein Bauch fühlte sich an, als läge irgendwo ein grosser Stein darin. Musste die Übelkeit sein, die durch den Schock unterdrückt wurde.

Das Adrenalin rauschte mir in den Ohren. Ich beobachtete, wie mein Blut über den Brotlaib rann. Dickflüssiges Blut. Ich hatte es mir nicht so dunkel vorgestellt. „Viskosität“, fiel mir unwillkürlich ein. Das Mass für die Zählflüssigkeit einer Flüssigkeit. „Viskosität… Viskosität… Viskosität…“ Das Wort hallte wie ein Echo durch meinen Kopf. „Viskosität… Viskosität… Viskosität…“

Ich hatte also eine blutende Wunde. Und mein Herz, der Verräter, pumpte fleissig mein Lebenselexier zu dieser Öffnung raus. Natürlich meinte es mein Körper gut. Mehr Blut = schnellere Heilung. Zumindest hatte ich das mal irgendwo so gelesen. Oder gehört. Oder im Fernsehen gesehen. Aber hier war die Heilung nicht so schnell möglich.

„Viskosität… Viskosität… Viskosität…“ Später fragte ich mich manchmal, ob mir nicht wegen der Ähnlichkeit der Wörter „Sanität“ hätte einfallen sollen. Das wäre gut gewesen. Denn so fand mich meine Mutter ungefähr eine halbe Stunde später.

Ich war froh, dass sie gekommen war. Meine Füsse begannen weh zu tun, und der Finger fing an zu pochen. Das Brot hatte bereits einiges von meinem Blut aufgesaugt, ich konnte zusehen, wie es in der scheinbar festen Kruste versickerte. Meine Mutter stiess einen Schrei aus und stürzte auf mich zu. Ich drehte mühsam den Kopf, was eine wirklich dumme Idee war. Es war ein wirklich unangenehmes Gefühl, wie ein lebloser Körper in sich zusammen zu sacken.

Meine Mutter war eine ausgebildete Samariterin. Daher legte sie meine Füsse hoch und ging Verbandszeug holen. „Füsse hochlagern, wie dumm“, dachte ich benommen. Mein Herz würde nun auch noch das Blut aus den Beinen aus dem Finger pumpen können.

Mir war fürchterlich kalt, und langsam kroch mir nun auch die Übelkeit den Hals hinauf. „Weisser Elefant“, schoss es mir durch den Kopf. „Weisser Elefant… Weisser Elefant… Weisser Elefant…“

Der Krankenwagen kam eine halbe Stunde später. Meine Mutter hatte in der Zwischenzeit den Finger mit einem Druckverband versehen und irgendwas mit mir gemacht. Ehrlich gesagt konnte ich mich im Nachhinein nicht mehr so genau daran erinnern. Ich döste und dachte an weisse Elefanten.

Seit jenem Tag kaufte ich nur noch fertig geschnittenen Toast.