Wenn Regen fällt

17.12.2006

Es hatte schon seit Wochen nicht mehr aufgehört zu regnen. Es war mir ein Rätsel, wie es so unglaublich heiss sein konnte, während sich der Himmel schon seit einer gefühlten Ewigkeit ausweinte. Musste ja was wirklich Schlimmes passiert sein.

Ich war an diesem Morgen mehr schlecht als recht aufgestanden. Die halbe Nacht hatte ich mich wegen der feuchten Hitze hin und her geworfen. Der Regen schlug gegen den geschlossenen Fensterladen, jeder Tropfen ein weiterer Schlafräuber. Meine Gedanken flossen langsam und unkontrolliert dahin. Im einen Moment wunderte ich mich, ob wohl bald tropische Büsche in den Gärten zu wachsen begännen, im nächsten schwamm ich durch einen weiten See.

Nun stand ich mit einer Tasse lauwarmen Kaffees am Fenster und sah nach draussen. Interessanterweise hatte der Fluss vor dem Haus sich bei einem bestimmten Niveau eingependelt. Ich hatte Anfangs noch befürchtet, dass er aus seinem Bett ausbrechen und die Strasse überfluten könnte.

Über der Stadt hing dichter Nebel, und darüber musste wohl die Sonne scheinen. Ich überlegte, ob ich meinen Vetter anrufen sollte. Als Pilot konnte er mir sicher bestätigen, ob die Sonne tatsächlich noch da war, oder ob sie zwischenzeitlich von einer geheimen Regierungsorganisation durch einen unglaublich grossen Scheinwerfer ersetzt worden war. Heute war ja alles möglich. Ich lächelte in meinen Kaffee.

Nach dem letzten Schluck putzte ich mir die Zähne, schnappte mir Handtasche und Regenschirm und wagte mich in die Wassermassen mit Ziel Arbeitsstelle. Der Tag verlief ruhig. Das laute Surren unserer Ventilatoren schien alle im üro ein wenig schläfrig zu machen, es wurde kaum ein Wort gesprochen. Eine kurze Besprechung mit meinem Kollegen Hubert verschob ich auf den nächsten Tag, was ich schon die letzten drei Tage gemacht hatte. Plötzlich erklang ein Warnton aus meinen Kopfhörern. Es war 17 Uhr, Zeit, nach Hause zu gehen.

Angewidert zog ich meine Hose aus. Es war mir ein Rätsel, wie ich sie immer bis unter die Pobacken durchnässen konnte. Ich konnte mich nicht erinnern, irgendwie ungewöhnlich gelaufen zu sein. Annarose hatte mir während ich auf dem Heimweg war ein SMS geschrieben, ob wir uns mal wieder auf einen Tee treffen wollten. Ich vermutete schon lange, dass sie irgendwo eine Erinnerungsfunktion hatte, hatte jedoch den Rhythmus noch nicht entziffern können. Also ging ich zu meinem Jahreskalender und trug ein: 22. Juli, SMS von Annarose. Dann rief ich sie pflichtbewusst an.

Wie zu erwarten, hatte Annarose eigentlich auch keine grosse Lust, ihre Wohnung zu verlassen. Wir klönten eine halbe Stunde über das eintönige, nasse Wetter, Männer, nervige Kunden und die neuesten Weltgeschehnisse. Um genau zu sein, informierte mich Annarose über letztere, da ich mich strikt weigerte, Zeitung zu lesen oder Nachrichten zu gucken. Die schlechten Nachrichten über Krieg und Mord in aller Welt lösten in mir jedesmal eine Daseins-Krise aus. Die Welt war schlecht, das wollte ich nicht auch noch täglich sehen müssen.

Nach dem Telefongespräch legte ich mich nur mit einer leichten Hose und einem T-Shirt bekleidet aufs Bett. Bloss nicht bewegen. Sogar das atmen schien mir zu anstrengend. Ich dachte kurz an die Rechnungen, die sich auf meinen Schreibtisch stapelten, und beschloss dann, sie ebenfalls noch ein paar Tage zu ignorieren. Wenn der Gerichtsvollzieher mein Bett holt, würde ich mir weitere Gedanken machen.

Durch die einzelnen Lamellen des Rollladens fiel Licht ins Zimmer. Ich hörte meinen Atemzügen zu, und dem Schnurren meiner Katze, die es sich auf dem zweiten Kopfkissen gemütlich gemacht hatte. Im Schatten meines Kleiderschrankes stand der schwarze Mann.