Inspiriert durch einen Film zu Mahlers 6. Symphonie
… Der Tod und seine Gefährtinnen trieben die Gestorbenen durch die Strassen der Erinnerung. Kalte Strassen grau, grau wie die Häuser an ihren Rändern, und grau wie die Gesichter der Toten. Manchmal blieb einer von ihnen stehen, hielt inne in seinem schleppenden Schritt, richtete sich auf und blickte ängstlich in eines der hell erleuchteten Fenster. Vielleicht sah er dort sein Leben, vielleicht auch nur eine Erinnerung an einen Mord, einen Besuch, ein Wort. Langsam zog die Schar an dem Erstarrten vorbei, bis er plötzlich erschauerte, sich wieder beugte und zitternd weiter ging. Mühsam schlep0pten sich die Grauen durch die Strassen, dem Gebäude zu, an den Häusern vorbei, auf deren Balkone lachend des Todes Gefährtinnen standen und sie verspotteten. Wie von Zauberhand waren sie dann wieder unter ihnen und trieben sie lachend und kreischen weiter, dem grossen Tore zu. Nur zögernd und voller Angst überschritten die Toten die Schwelle und traten ins Licht. Doch ihre Hoffnung auf Erlösung wurde enttäuscht, denn hinter dem Licht war die Zwischenwelt, und als erstes betraten sie die Warteräume des Todes. Einsam sassen sie in den Zimmern, alleine, ohne Gedanken, vor sich hinstarrend. Als der Tod und seine Gefährtinnen sie holten, um sie an das Meer der Überfahrt zu geleiten, liessen sie sich führen, Erlösung erhoffend, sich nach Ruhe sehnend. Doch über den lautlosen Wellen warteten ihre Erinnerungen.
Der lachende Tod nahm sie in seinen Besitz, verzerrte sie und verspottete die Toten. Er vollführte ein Possenspiel mit ihren längst vergessenen Gedanken, trennte, was zusammengehörte und fügte zusammen, was getrennt war. Dann tauchte in der Ferne die Seelenbarke auf, und der Tod, das lachende Kind, musste seiner Pflicht nachkommen. Mit strengen Ruderschlägen trieb er das Schiff voran, der letzten Insel zu. Dort durchschritten die Verstorbenen das letzte Tor, und ihre Seelen verschwanden im Licht…
25. + 26. April 1997