Einsame Art

Es war eine schwüle Nacht. Der Sommer war einem harten Winter gefolgt. Der Mond hing träge am Himmel. Sandte sein Licht auf die müde Welt. Keine Sterne. Als hätten sie sich zurückgezogen, um ihrem Bruder das All zu überlassen. Ich lag auf meinem Bett. Einen halben Meter vom Fenster entfernt, dessen Flügel weit offen standen. Das Leintuch auf meinem Körper war nassgeschwitzt. Ich starrte auf das Leintuch neben mir. Auf das Mondlicht darauf. Eine harte Linie. Eine Grenze zwischen der Helligkeit und der Dunkelheit. Ich lag einfach auf dem Bett. Kein Lüftchen brachte Erleichterung…

Meine Gedanken flossen dahin. Ich träumte mich aus dem Zimmer. Mir wuchsen Flügel. Ich erhob mich vom Bett. Das Leintuch fiel lautlos zu Boden. Die Mondstrahlen strichen über meine nackte Haut. Ich starrte den hellen Ball am Himmel an. Kletterte auf das Fensterbrett. Verharrte. Liess meinen Blick über den silbernen Rasen gleiten. Über das schwarze Loch mitten im Garten. Ein Biotop. Der Mond spiegelte sich matt im Wasser.

Ich hörte im nahen Wald einen Fuchs im Unterholz streifen. Schnüffelnd nach Nahrung suchen. Die Vögel schliefen in den Bäumen. Der Atem meiner Schwester ging ruhig und regelmässig. Ein altes Haus bewegte sich knarrend zu seinen Träumen. Eine Eule öffnete kurz die leuchtenden Augen, um sogleich wieder in Schlummer zu fallen. Die Fische im See liessen träge ein paar Luftblasen an die Wasseroberfläche steigen. Ein Schwärmer umarmte seine Gattin schützend mit seinen Flügeln.

Ich breitete meine Schwingen aus. Erhob mich in die reglose Luft. Ich spürte Freiheit sich in mir ausbreiten. Ich verliess den sicheren Boden. Liess Erinnerungen und Wünsche zurück. Flog mit kräftigen Flügelschlägen dem Mond entgegen. Sein bleiches Gesicht lächelte mich traurig an. Als wisse er Dinge, die mir verborgen blieben. Dinge, die mir verboten sind. Ich schwebte. Nichts war um mich. Unter mir die Welt. unter mir meine Wünsche und Träume. Meine Erinnerungen. Die guten und die schlechten. Die unnützen und die glücklichen…

Ich fühlte mich stark. Konnte den Blick nicht vom Mond nehmen. Wollte ihn erreichen. Wie einst Icarus die Sonne. Fühlte seine Kälte in meinem Herzen. Es erfror mit jedem Flügelschlaf. Jedes Klopfen schmerzte in meiner Brust. Flog weiter. Dem Mond entgegen.

Irgendwann verlor ich mein Herz. Es fiel aus meinem Körper und stürzte zu Boden. Zersprang in tausend Stücke. Wie ein Herz aus Glas. Und die Splitter schmolzen zu Blut, das von der Erde gierig aufgesaugt wurde. Ich flog weiter auf meinen Bruder zu. Sehnte mich nach seiner kalten Umarmung. Nach seinem erfrierenden Atem…

Doch mein Herz klopfte mir von unten entgegen. Schrie nach meinem Körper. Weinte um die verlorenen Träume. Um die vergessenen Erinnerungen. Um die verschwundenen Wünsche. Ich hörte mein Weinen. Schmeckte salzige Tränen auf meinen Wangen. Sah meine Augen. Zwei tote Löcher. Leer. Ohne Leben…

Ich fiel. Fiel der Erde entgegen. Mein Herz jauchzte auf. Empfing mich mit warmer Liebe. Umarmte mich… Ich versank in ihrer feuchten Wärme. Fühle mich vereint. Geborgen. Zu Hause… Ich war zu Hause…

Plötzlich spürte ich etwas im Zimmer hinter mir. Einen Menschen. Ein Wesen. Einen Moment überkam mich eine furchtbare Angst. Ich stellte mir vor, wie diese Person ein Mörder wäre. Wie sie ein Messer in der Hand hielte. Wie sie mich töten wollte. Wie sie danach dürstete, mich zu verletzen. Wie sie mich anstarrte. Mit gierigen Augen. Fast fühle ich diesen Blick auf mir. Langsam wandte ich den Kopf. Starrte in mein dunkles Zimmer. Zuerst war alles schwarz. Eine undurchdringliche Dunkelheit. Ich stellte mir vor, wie das Mondlicht vom Leintuch reflektiert wurde. Wie es mein Gesicht erleuchtete. Weisse Porzellanhaut, deren Tod bereits vorweggenommen…

Ich schloss die Augen. Fühlte kalte Schweisstropfen über meine Stirn rinnen. Langsam. Unaufhörlich. Ich öffnete meine Augen wieder.

Eine schwarze Gestalt stand da. Schwärze vor der Dunkelheit. Ich erahnte sie mehr, als dass ich sie sah. Schlank. Mit langem Haar, dass regungslos herabhing. Das schwarze Haar fing an, sich zu bewegen. Wallte um den Kopf. Wie die Schlangen der Medusa. Doch sie verbanden sich mit der Dunkelheit. Schienen nach unergründlichen Geheimnissen zu suchen.

Ich starrte das Wesen an. Sah meine Augen sich vor Schreck weiten. Als würde der Mond durch mich hindurchscheinen. Sein Licht durch meine Augen dringen.

Das Haar des Wesens hing wieder herab, und es verschwand. Hinterliess nur stumme Worte: „Ich dachte, du seist von meiner Art“

8. März 1999
Semesterarbeit Deutsch; FS 1999