Einsame Art

Es war eine schwüle Nacht. Der Sommer war einem harten Winter gefolgt. Der Mond hing träge am Himmel. Sandte sein Licht auf die müde Welt. Keine Sterne. Als hätten sie sich zurückgezogen, um ihrem Bruder das All zu überlassen. Ich lag auf meinem Bett. Einen halben Meter vom Fenster entfernt, dessen Flügel weit offen standen. Das Leintuch auf meinem Körper war nassgeschwitzt. Ich starrte auf das Leintuch neben mir. Auf das Mondlicht darauf. Eine harte Linie. Eine Grenze zwischen der Helligkeit und der Dunkelheit. Ich lag einfach auf dem Bett. Kein Lüftchen brachte Erleichterung…

Meine Gedanken flossen dahin. Ich träumte mich aus dem Zimmer. Mir wuchsen Flügel. Ich erhob mich vom Bett. Das Leintuch fiel lautlos zu Boden. Die Mondstrahlen strichen über meine nackte Haut. Ich starrte den hellen Ball am Himmel an. Kletterte auf das Fensterbrett. Verharrte. Liess meinen Blick über den silbernen Rasen gleiten. Über das schwarze Loch mitten im Garten. Ein Biotop. Der Mond spiegelte sich matt im Wasser.

Ich hörte im nahen Wald einen Fuchs im Unterholz streifen. Schnüffelnd nach Nahrung suchen. Die Vögel schliefen in den Bäumen. Der Atem meiner Schwester ging ruhig und regelmässig. Ein altes Haus bewegte sich knarrend zu seinen Träumen. Eine Eule öffnete kurz die leuchtenden Augen, um sogleich wieder in Schlummer zu fallen. Die Fische im See liessen träge ein paar Luftblasen an die Wasseroberfläche steigen. Ein Schwärmer umarmte seine Gattin schützend mit seinen Flügeln.

Ich breitete meine Schwingen aus. Erhob mich in die reglose Luft. Ich spürte Freiheit sich in mir ausbreiten. Ich verliess den sicheren Boden. Liess Erinnerungen und Wünsche zurück. Flog mit kräftigen Flügelschlägen dem Mond entgegen. Sein bleiches Gesicht lächelte mich traurig an. Als wisse er Dinge, die mir verborgen blieben. Dinge, die mir verboten sind. Ich schwebte. Nichts war um mich. Unter mir die Welt. unter mir meine Wünsche und Träume. Meine Erinnerungen. Die guten und die schlechten. Die unnützen und die glücklichen…

Ich fühlte mich stark. Konnte den Blick nicht vom Mond nehmen. Wollte ihn erreichen. Wie einst Icarus die Sonne. Fühlte seine Kälte in meinem Herzen. Es erfror mit jedem Flügelschlaf. Jedes Klopfen schmerzte in meiner Brust. Flog weiter. Dem Mond entgegen.

Irgendwann verlor ich mein Herz. Es fiel aus meinem Körper und stürzte zu Boden. Zersprang in tausend Stücke. Wie ein Herz aus Glas. Und die Splitter schmolzen zu Blut, das von der Erde gierig aufgesaugt wurde. Ich flog weiter auf meinen Bruder zu. Sehnte mich nach seiner kalten Umarmung. Nach seinem erfrierenden Atem…

Doch mein Herz klopfte mir von unten entgegen. Schrie nach meinem Körper. Weinte um die verlorenen Träume. Um die vergessenen Erinnerungen. Um die verschwundenen Wünsche. Ich hörte mein Weinen. Schmeckte salzige Tränen auf meinen Wangen. Sah meine Augen. Zwei tote Löcher. Leer. Ohne Leben…

Ich fiel. Fiel der Erde entgegen. Mein Herz jauchzte auf. Empfing mich mit warmer Liebe. Umarmte mich… Ich versank in ihrer feuchten Wärme. Fühle mich vereint. Geborgen. Zu Hause… Ich war zu Hause…

Plötzlich spürte ich etwas im Zimmer hinter mir. Einen Menschen. Ein Wesen. Einen Moment überkam mich eine furchtbare Angst. Ich stellte mir vor, wie diese Person ein Mörder wäre. Wie sie ein Messer in der Hand hielte. Wie sie mich töten wollte. Wie sie danach dürstete, mich zu verletzen. Wie sie mich anstarrte. Mit gierigen Augen. Fast fühle ich diesen Blick auf mir. Langsam wandte ich den Kopf. Starrte in mein dunkles Zimmer. Zuerst war alles schwarz. Eine undurchdringliche Dunkelheit. Ich stellte mir vor, wie das Mondlicht vom Leintuch reflektiert wurde. Wie es mein Gesicht erleuchtete. Weisse Porzellanhaut, deren Tod bereits vorweggenommen…

Ich schloss die Augen. Fühlte kalte Schweisstropfen über meine Stirn rinnen. Langsam. Unaufhörlich. Ich öffnete meine Augen wieder.

Eine schwarze Gestalt stand da. Schwärze vor der Dunkelheit. Ich erahnte sie mehr, als dass ich sie sah. Schlank. Mit langem Haar, dass regungslos herabhing. Das schwarze Haar fing an, sich zu bewegen. Wallte um den Kopf. Wie die Schlangen der Medusa. Doch sie verbanden sich mit der Dunkelheit. Schienen nach unergründlichen Geheimnissen zu suchen.

Ich starrte das Wesen an. Sah meine Augen sich vor Schreck weiten. Als würde der Mond durch mich hindurchscheinen. Sein Licht durch meine Augen dringen.

Das Haar des Wesens hing wieder herab, und es verschwand. Hinterliess nur stumme Worte: „Ich dachte, du seist von meiner Art“

8. März 1999
Semesterarbeit Deutsch; FS 1999

Der Sturm

Vielleicht war es wirklich so offensichtlich gewesen, wie so viele Leute im nachhinein meinten.
Doch das sagen wir ja oft. Ich selbst hatte zuerst nichts gemerkt. Im Gegenteil, ich hatte es genossen.

Das ganze fing mit dem für die Jahreszeit ungewöhnlichen Wetter an. Der Himmel war wolkenverhangen, über dem ganzen Land. Kein Sonne, tagelang nicht. Man sagte, auch die Flugzeuge waren nicht fähig, über den Wolken zu fliegen, wie hoch sie auch stiegen. Die Temperatur war angenehm, und dennoch hatten viele den Eindruck, es sei kalt. Man sah Menschen in T-Shirts, ebenso wie Leute in dicken Winterjacken. Die ganze Stimmung war kalt. Das Gras duckte sich in einem faden, gedämpften grün, und selbst die Bäume schienen nicht mehr so viele Blätter zu haben, als wäre es Winter, und sie hätten vergessen, das Laub abzuwerfen. Die Tiere waren lustlos, ruhig, doch auch in einer seltsamen Anspannung. Zuerst hatte niemand die Veränderung richtig bemerkt. Der Wind war einfach da. Menschen blieben plötzlich stehen und sagten: „Hei, es windet.“ Andere neben ihnen blieben ebenfalls stehen und meinten: „Tatsächlich! Seit wann das? Ist mir irgendwie gar nicht aufgefallen…“. Und sie gingen weiter, froh darüber, dass wenigstens etwas geändert hat an diesem Wetter, dass nun schon wochenlang immer gleichbleibend war. Und sie genossen den Wind in den Haaren. So wie niemand bemerkt hatte, dass es zu winden begann, so bemerkte auch niemand, dass der Wind stärker wurde. Die Bäume begannen sich zu wiegen, aus dem Flüstern der Blätter wurde ein Schwanken der Bäume. Ich machte in dieser Zeit oft Spaziergänge. Es gibt nichts wunderbareres für mich, als der Wind, der wie ein Geliebter durch mein Haar fährt. Ein flüchtiger Geliebter, von dem man nie weiss, ob er zurückkehrt oder nicht. Es kehrte zurück, immer wieder. Er kräuselte das Wasser im See, fuhr durch die gefüllten Strassen der Städte ebenso wie durch die verlassene Gassen in den Dörfern. Die Tiere zogen sich in ihren Bau zurück. Es war, als würden sie ihren Winterschlaf halten.

Jemand aus der Schule sah von Tag zu Tag bleicher aus. Er konnte nicht schlafen, der Baum vor seinem Fenster wisperte unermüdlich unverständliche Botschaften und störte so seinen Schlaf. Ich musste mich zur Schule kämpfen, nach vorne gebeugt. Immer in Angst, ein Blatt oder ein Stecklein könnte gegen meine Brille schlagen und sie verkratzen. Staub wirbelte durch die Luft, dauernd schien ein Nebel über dem Land zu liegen. Es hatte auch nicht geregnet in der letzten Zeit, und so trug der Wind trockene Erde und Sand mit sich. Blätter und kleine Aeste. Fallengelassenes Papier, vergessene Einkaufstüten aus Plastik. Als er zu einem Sturm anwuchs, verliess ich mein Haus nicht mehr. Ich sass in meinem Wohnzimmer. Der Fernseher lief die ganze Zeit. Die Leitungen sind unterirdisch verlegt, so hatte ich immer Anschluss. Die Nachrichten zeigten umgestürzte Strommaste. Ich ging in den Keller und suchte die Reservekerzen, die man mir zur Milleniumswende geschenkt hatte. Ich zündete ein paar an und lauschte dem Wind, der pfeifend um die Hausecken strich. Die Fahne am Mast im Garten des Nachbarn hing in Fetzen. Der Nachrichtensprecher erzählte was von Orkanstärken. Die Musik, die leise aus der Anlage in der Ecke klang, schien mir die Stimmung zu treffen. Der Himmel war immer noch weiss. Viele hatten gehofft, dass der Wind sie wegblasen würde. Oder zumindest Regen bringen. Ein paar Leute wurden interviewt, klagten über den dauernden Staub. Dass sie sich aus dem Haus wagten, wunderte ich mich. Ich begnügte mich mit dem Essen aus den Dosen, die mir ein Freund geschenkt hatte. Aus einem Grund, der mir nicht recht klar war, hatten mir viele Freunde Milleniumsausrüstungsgegenstände geschenkt. Kerzen. Streichhölzer. Nahrung in Dosen. Jemand hat mir sogar einen kleinen Gaskocher geschenkt. Dabei hatte ich nie davon gesprochen, Angst vor der Jahrtausendwende zu haben, die ja sowieso noch ein Jahr auf sich warten lassen würde. Nun war ich froh über all diese Geschenke. So konnte ich hier bleiben. Einsam. Das Natel funktionierte nicht, der Fernseher zeigte abgebrochene Antennen. Ich verharrte in meinem Haus.

Wartete auf irgend etwas. Der Fernseher zeigte Bilder von zerstörten Gebäuden. Dächer, die durch den Wind abgedeckt worden waren. Eine Bahnhofanzeige, die auf eine Treppe gefallen war. Werbebuchstaben, die von Hochhäusern fielen. Menschen, die gegen den Sturm ankämpften. Autos, die durch den Wind aus der Spur gedrückt worden sind, und deren Insassen, durch einen kriechenden Krankenwagen verborgen, wahrscheinlich auf dem Weg in die Leichenhalle.

Die Welt war mir unendlich fern. Mein Leben war reduziert. Ich sass den ganzen Tag auf meinem alten, bequemen Sessel vor dem Fenster und beobachte, was der Wind mit den Bäumen ums Haus anstellte. Wie er durch das Gras huschte. Durch die Büsche eilte. Um die Ecke schielte. Sich zurückzog. Wieder zustiess. Die Scheiben erzittern liess. Manchmal machte ich mir etwas zu essen. Wenn es dunkel wurde, zündete ich Kerzen an. Und starrte in die Dunkelheit. Lauschte dem Wind. Der schnellen Luft. Dem leisen Pfeifen, dort, an der Ecke. Das klirrende Geräusch vom Draht am Fahnenmast des Nachbars. Und das Geräusch von zerfetztem Stoff, etwas höher. Der Fernseher wirft blaues Licht in den Raum, das an den Glasscheiben abprallt und zurückgeworfen wird. Die Musik läuft die ganze Zeit. Nur manchmal lege ich eine neue CD ein. Tausche eine aus, und lasse sie rotieren. Nach dem Zufallsprinzip wird einen angespielt. In meinem Bette liegend kann ich den Wind immer noch hören. Er zerrt auch an meinen Ziegeln. Doch sie sind fest verankert. Ein solides, untergangsicheres Haus, haben meine Freunde gewitzelt, als ich hier einzog, und spielten damit auf das Ehepaar an, das dieses Haus erbaut hatte. Sie hatten es wirklich abgesichert. Bis heute war ich mir nie sicher, ob sie nicht vielleicht einer dieser Sekten angehörten, die an den Weltuntergang glaubten. Dann waren sie nach Afrika gezogen, lebten nun in einem kleinen Haus mitten in Zaire und schickten mir ab und zu Ansichtskarten um mir zu versichern, wie gut sie lebten. Dabei kannte ich sie doch eigentlich nur kurz. In diesen Tagen bekam ich keine Post. Der Postbeamte hatte kurz angerufen und gefragt, ob ich einige Tage auf meine Post verzichten könne. Es sei einfach zu gefährlich, zu meinem Haus zu fahren. Der Wald, durch den die Zubringerstrasse führt, war voller alter Bäume. Wahrscheinlich hatte der Wind viele von ihnen zu Boden gedrückt. Lächelnd dachte ich an meinen Bambus, der sich im hinteren Teil meines Gartens lustig mit dem Wind bewegte. Der würde nicht brechen. Der war spezialisiert, sich zu biegen. Sich anzupassen. Im Fernsehn zeigten sie die Auswirkungen des Sturms auf alle Teile des Landes. Der See war über die Ufer getreten. Es würde lange dauern, bis er mein Haus erreichte, und wenn, so würde es kaum bis in den Keller gelangen. Dieses Haus hatte sogar die grosse Überschwemmung vor fünf Jahren überstanden, ohne dass auch nur ein Tropfen Wasser durch die Wände geronnen war, hatten mir die früheren Besitzer stolz erzählt. Die Seewache meldete Rekordhöhe für die Wellen. Die Sturmlichter blinkten Tag und Nacht, doch wer nicht unbedingt musste, verliess sein Haus sowieso nicht. Und kam schon gar nicht auf die Idee, im See zu baden. Ein Bergdorf war von der Umwelt abgeschlossen, weil eine Permaschneelawine niedergegangen war. Keine Chance für die Helfer, dorthin zu gelangen. Kein Flugzeug konnte starten, kein Helikopter konnte den Aufstieg wagen. Die Bauern klagten, dass sie ihrem Vieh den Wintervorrat verfüttern müssen, weil sie nicht raus konnten, um frisches Gras zu schneiden. Das wäre sowieso plattgedrückt auf dem Feldern. Experten sprachen von einer Missernte, weil der Sturm viele junge Pflanzen geknickt oder sonstwie beschädigt hatte. Ein Freund rief besorgt an, um sich nach meinem Befinden zu erkundigen, und legte mir ans Herz, ihn anzurufen, wenn ich irgend ein Problem hätte. Ich dankte ihm, legte auf und setzte mich wieder in meinen Sessel.

Wann würde der Sturm enden? Das fragte ich mich manchmal. Und hörte wieder den Geschichten des Windes zu.

11. Januar 2000

Der Baum

Heute haben wir keine Schule. Die Lehrer halten eine ausserordentliche Konferenz ab. Mitten im Neubau ist nämlich über Nacht ein riesiger Baum gewachsen. Einfach so, gestern war er noch nicht da und heute morgen füllt er fast die ganze Halle aus. Uns Schülern gefällt er. Seine Blätter sind herzförmig und von einem satten Grün. Der Stamm ist wohl um die zwei Meter dick und die Krone stösst oben an der Decke an. Ein Wunder, dass sie diese noch nicht durchstossen hat! Die Lehrer haben also ihre Konferenz und beraten, wie sie diesen Baum wieder loswerden. Wie er dahin gekommen ist, scheint niemanden zu interessieren. Wir sitzen währenddessen in der Cafeteria und warten darauf, endlich heimgehen zu dürfen.

Jetzt ist ein Förster gekommen. Er sieht sich den Baum an und beratschlägt sich mit einem Uniprofessor, der extra von Zürich hierher gerufen wurde. Anscheinend weiss der allerdings auch nicht, was für ein Baum das ist und wie er hierher kommt. Der Baum selbst steht noch immer da, gross und breit, mit grünen, herzförmigen Blättern. In der Halle scheinen sich nun unter der Decke Wolken zu bilden. Noch immer will uns niemand nach Hause lassen, obschon klar ist, dass heute kein regulärer Unterricht mehr stattfinden wird.

Soeben sind einige Männer mit Motorsägen gekommen. Die meisten Schüler drängen sich in der Nähe des Baumes zusammen, um auch ja genau mitzubekommen, was da geschieht. Die Wolken an der Decke sind mittlerweilen dichter geworden. Die Männer messen den Stamm aus und diskutieren, wie der Baum am besten zerkleinert werden soll, ohne dass Geländer, Treppen oder Wände beschädigt werden. Irgendwo zwitschert ein Vogel.

Nun ist ein Mann von der Verbindungsbrücke auf einen dicken Ast gestiegen. Er bewegt sich vorsichtig so weit vor wie es geht und zückt dann seine Motorsäge. Plötzlich zerreisst ihr scharfes Aufheulen die Stille, die sich über uns Schülern ausgebreitet hat. Der Bereich direkt unter dem Ast ist bereits vorher abgesperrt worden, und die Granitplatten bedecken sich nun langsam mit Blättern, als der Mann zu sägen beginnt. Der Ast bewegt sich unter der Motorsäge, als würde er vor Angst und Schmerz zittern. Aus den Wolken fällt nun weisser Schnee. Langsam senken sich die Flocken auf die Blätter des Baumes und die Köpfe der Menschen. Der erste Ast ist nun abgesägt und jetzt geht es Schlag auf Schlag. Bald ist der Boden mit Ästen bedeckt. Wir könnten nun endlich nach Hause gehen, doch niemand rührt sich.

Nach zwei Stunden sind sie fertig. Die Granitplatten sind übersät mit Ästen und Laub. Die Wolken haben sich wieder aufgelöst und nur das Schimmern des Schmelzwassers erinnert an ihre Existenz. Die Aufräumarbeiten beginnen und ich mache mich endlich auf den Weg nach Hause.

Am nächsten Tag ist schon wieder Alles beim alten. Wo der Stamm den Fussboden durchstiess sind neue Platten eingesetzt worden. Nichts erinnert an den Baum, und er wird auch von niemandem erwähnt, als wäre er nur ein Traum gewesen, eine kurze Erscheinung aus einer anderen Dimension.

Zwei Monate später:
Heute Morgen durchbrach ein Pflanzenspross mit grünen, herzförmigen Blättern den Fussboden…

14. Dezember 1997

Die Bombe

Die Bombe hatte bereits einige Zeit dagelegen. Im Grunde grenzte es schon fast an ein Wunder, dass noch niemand darauf getreten war. Dass sich nicht einmal jemand um sie kümmerte. Sie hatte sogar mehrere Putztage des Reinigungsdienstes überstanden. Dabei war die Bombe nicht gerade unauffällig. Es musste sich wohl um einen Tretmine handeln, denn es war keine äussere Zündvorrichtung zu erkennen. Wer sie dort hin gelegt hatte, war im nachhinein nicht mehr zu rekonstruieren. Ein Grund dafür war ebenfalls nicht zu finden. Und dass jemand zufälligerweise eine Bombe in der Schule verlieren würde, war wohl die unwahrscheinlichste Erklärung von allen. Auch ich war einige Tage an diesem Ding vorbeigegangen, ohne es gross zu beachten. Doch am Mittwochmorgen blieb ich plötzlich stehen. Da hatte ich doch was gesehen, so einfach aus den Augenwinkeln! Ich drehte mich um. Schüler liefen rechts und links schwatzend vorbei, und Angela blieb genervt stehen. „Was ist? Wir müssen in die nächste Stunde! Komm endlich!“, rief sie mir zu und ging weiter. Ich hatte endlich entdeckt, was mir da so aufgefallen war: ein kleines Ding. Es lag auf dem Boden. Schwarz war es. Rund. Geduckt. Ich ging näher. Ein Schüler, der gedankenverloren in ein Gespräch mit einer Kollegin vertieft war, wich mir in letzer Sekunde aus. Ich bückte mich. Betrachtete dieses Ding. Dann entschlüpfte meinen Lippen zwei überraschte Worte: „Eine Bombe?!“, flüsterte ich leise. Jemand neben mir blieb stehen. „Was hast du gesagt?“, fragte er mich. „Eine Bombe“, antwortete ihm der Nebenstehende an meiner Stelle. Ich konnte mich nur aufrichten, den andern wortlos anstarren, wieder auf die Bombe starren, wieder den anderen an. Es war, als hätte sich ein Wispern in einem Baum erhoben, als würden sich seine Blätter gegenseitig eine Geschichte erzählen, die bis zu den äussersten Blättern getragen wurde. Im Schulhaus erhob sich ein Flüstern, ein aufgeregtes Murmeln, dass sich langsam verlor und dann anwuchs, immer lauter wurde, vom Flüstern sich aufbauschte zu einem ohrenbetäubenden Lärm. Und alle, alle schrien sie nur ein Wort: „Eine Bombe!“

Dann kam Bewegung in die Schüler, und sie kamen aus den Zimmern und drängten den Treppen zu. Jeder wollte zuerst raus aus dem Gebäude, raus, weg von der Bombe. Und sie schoben und stiessen, zerrten und boxten und hieben blind um sich. Und der andere, der meine zwei entschlüpften Worte gehört hatte, er wich vor mir zurück und wurde mir doch entgegengestossen, und ich sah die Bombe, sah sie immer näher kommen.

Ihr scharfes Klicken wunderte mich noch. Für einen Moment war alles ruhig, niemand sprach ein Wort. Stille. Die Helligkeit überstieg alles, was ich je zuvor gesehen hatte. Irgendwo in den Resten meines Gehirns dachte ich noch: „So muss das Licht zum Himmel aussehen…“

12. Januar 2000

Ecriture automatique

Ich fühlte mich alt

Ich sah mein Leben an mir vorbeiziehen, sah Vögel und Bäume, liebte den Wind der in den Bäumen nach seiner Heimat suchte flog mit seinen Gedanken zurück und wusste doch nicht, wohin meine Beine mich trugen ohne meinen Gedanken zu folgen flog ich weiter und immer weiter das Ende war nie abzusehen die Gefühle sogen mich auf, um mich gleich darauf wieder auszuspucken und eigentlich bin ich voll bis obenhin und zugleich leer, die Musen verlassen denGlücklichen, wer stark war wird schwach, wer hörte kann sehen ich suche die Klarheit sie ist in der Reinheit und will etwas über andere wissen kann sie nicht erkennen der Wind sucht sein Zuhause wo mögen die Kinder geblieben sein und die Schwäne und die Schwulen und ist die Liebe nur eine Klammer nur ein Gerücht wie die Rundung der Erde wie sie doch eine Schiebe ist, eine riesige Scheibe ist, wie wir doch auf ihr leben müssen, wie ich doch weinen muss wie mich doch der Wind entführt und weitertreibt weiter, immer weiter bis zum Ende

16. November 1998

Der stille Ort

Er flog. Wie im Traum, über Hügel und Täler, über Wüsten und Meere und schliesslich, ganz plötzlich, landete er. Es war eine sanfte Landung, er fiel in weiches Gras, fast ertrank er darin, es reichte ihm bestimmt bis zu den Hüften. Er war auf dem Rücken gelandet. Das Gras war ein gemütliches Bett, die Sonne ging langsam unter, blutrot hing sie am Himmel. Einen Moment dachte er noch etwas besorgt an mögliche Gefahren, an Insekten oder wilde Tiere, doch dann schlief er friedlich ein. Er erwachte durch zartes Vogelgezwitscher, die Sonne schien schon hell, doch der Tag war jung, frisch und klar. Alles schlief noch, nur die Vögel zwitscherten. Er lief ein Stück, und als er an einen Bach kam, liess er sich auf die Knie nieder, um zu trinken. Das Wasser war eiskalt, wie frisches Quellwasser, er wusch sich prustend, liess das kalte Wasser über seinen Körper fliessen und beobachtete dann vergnügt, wie sich glitzernde Perlen bildeten. Er blieb noch etwas am Ufer sitzen, genoss die Einsamkeit und die Sonne. Dann stand er auf, breitete seine Arme aus und flog in den Himmel, schliesslich musste er rechtzeitig zum Frühstück zurück sein…

10. Februar 1997

Laufen

Ich hatte beschlossen zu laufen. Der Grund dafür war mir entfallen, irgendwo liegengeblieben zwischen den Sträuchern und Grasleichen im Land hinter mir. Vielleicht hatte ich es wie die australischen Ureinwohner machen wollen. Wenn ein Aborigines das Gefühl hat, er habe sein eigenes Ich verloren, macht er sich auf den Weg. Er läuft und läuft immer geradeaus, ohne nach rechts oder links zu sehen und ohne anzuhalten. Der Aborigines hofft, irgendwann auf sein Ich zu treffen. Dann setzt er sich und spricht so lange mit ihm, bis er weiss, was ihm in seinem Leben gefehlt hat. Erst dann kann er wieder nach Hause zurückkehren. Vielleicht war dies der Grund, weshalb ich zu laufen begonnen hatte. Einmal habe ich mir überlegt, es den Aborigines gleich zu tun, doch wo sollte ich hingehen, in einem Land voller Strassen, Vergewaltigern und kalten Nächten? Ohne öde Grasländer? Und voller Menschen?

Als ich zu laufen begonnen hatte, waren erst noch viele Menschen um mich. Ich befand mich in einer Stadt, und sie waren überall um mich herum, liefen hierhin und dahin, liefen mir entgegen, liefen aneinander vorbei und voneinander weg. Doch ihr Gehen war seltsam, zerstreut und ohne Ziel. Als sich die Reihen der Häuser lichteten, wurden auch die Menschen weniger, vereinzelt traf ich nun auf sie, meist gingen sie in Gruppen oder zu zweit, nie allein. Sie sprachen miteinander, leere Worte, die ich nur hören, doch nicht verstehen konnte.

Schliesslich liess ich das letzte Haus hinter mir, und mit ihm die Menschen. Anfangs war mir das Gehen schwergefallen, mühsam musste ich mich zu jedem Schritt zwingen, als wären Steine an meine Fussgelenke gebunden, als wäre die Strasse ein sumpfiger Morast. Doch als die Stadt hinter mir lag, wurden meine Schritte leichter, ich schien zwei Treppenstufen in die Höhe zu steigen und auf der Luft meinen Weg fortzusetzen. In der Stadt waren mir noch viele Gedanken im Kopf herum geschwirrt, wie ein Abbild der äusseren Welt liefen sie eilig und ziellos in meinem Kopf herum. Doch je länger ich lief, je weniger Menschen ich begegnete, desto ruhiger wurden meine Gedanken, schwebten träge dahin und schliesslich verschwanden sie. Was hätte ich auch in diesem trostlosen Land denken können? Die Sonne versteckte sich hinter einer weissen Dunstmauer, das Land selbst war leer, eine Wüste aus trockener Erde, nur selten das Gerippe eines Baumes oder die gelben Überreste von Gras. Dennoch, mir war gut. Das öde Land lag um mich und erstreckte sich weit, weiter, bis zum Horizont. Doch ich kam diesem nicht näher, als würde er vor mir fliehen. Ein leiser Wind wehte mir das seltsame Gefühl von Leere zu. Mochte dort das Ende sein? Würde dort alles verschwinden, im Schlund einer Unendlichkeit? War es die Absicht des Landes, mich nicht bis dorthin kommen zu lassen?

Als ein Vogel sich erhob und flügelschlagend die Erde verliess, als er gen Himmel flog und im Dunst verschwand, da fragte ich mich zum letzten Mal, ob ich das Richtige getan hatte. Es gab keine Umkehr, das war mir klar. Und als ich tief in mich hinein horchte, da gab es auch keine Reue. Mochten mich die Götter in dieser Zwischenwelt gefangen halten, mochte ich bis in alle Ewigkeit gehen, mochte der Horizont vor mir fliehen! Dies war mein Schicksal.

Und ich lief weiter, unaufhörlich, immer weiter, immer weiter…

1. Juni 1998

Der Donnergott

Auf einem Hügel stehend, erwarte ich mit Schaudern den mächtigen Donnergott. Am Horizont kündet Düsternis von seinem Kommen. Noch bescheint die Sonne das durstige Land, doch ein tiefes Grollen lässt die Bäume erzittern, und die Erde lechzt nach dem Nass seiner Begleiterin.

Der Wind flüstert mir seine Ankunft zu, erst leise und schmeichelnd. Dann plötzlich braust der grosse Donnergott im goldenen Streitwagen heran, peitscht die Wolkenpferde vorwärts und verdunkelt die Sonne mit seinem schwarzen Umhang. Erst höre ich in der Dunkelheit nur seine Herolde, sie blasen die mächtigen Hörner zu seinen Ehren. Dann sehe ich ihn, den mächtigen Donnermacher aus altem Göttergeschlecht, und er hält das Licht in seinen Händen. Zornig wirft er es auf die Schöpfung und verbrennt einen Baum, nimmt sich sein gefordertes Opfer. Seine feuchte Begleiterin weint schwere Tränen auf die Erde und ich blicke ihm nach, höre den Wind schmeichelnde Abschiedsworte flüstern, die Herolde, weit weg bereits, ihre Hörner blasen, das letzte Schnauben der Wolkenpferde, ein unhörbares Grollen, Stille

14. Januar 1998

Angst

Irgendwo, den 29. August 1997

Hallo du,
Ich habe dir nun schon lange nicht mehr geschrieben. Mir ist einfach nichts Interessantes eingefallen. Heute ist mir jedoch etwas passiert, von dem ich dir unbedingt berichten muss. Es hat mich so beschäftigt, dass ich es gleich im Zug aufgeschrieben habe. Hier also meine Geschichte:

Im Zug Irgendwo, den 29. August 1997

Heute habe ich ehrlich gesagt keine Lust, in die Schule zu gehen. Es ist nicht wie sonst, dass mir einfach die Motivation fehlt. Ich habe Angst! Ich habe heute Morgen verschlafen, die Batterie meines Weckers war über Nacht ausgegangen. In einer Rekordzeit von einer Viertelstunde, sonst brauche ich drei, war ich angezogen und abfahrbereit. In Irgendwo jedoch musste ich zehn Minuten auf den verspäteten Zug warten. Super! Zuerst beobachtete ich fasziniert das Schauspiel der vorbeiziehenden Wolken am Morgenhimmel. Es war wunderschön! Dann schaute ich einer Frau zu, die offenbar Ballettschritte übte. Plötzlich meinte ich, ein schwaches Männerbrüllen gehört zu haben. War es meine Müdigkeit, die mir einen Streich spielte? Auf der anderen Gleisseite stand, keine zwanzig Meter entfernt, ein weisses Auto. Darin stritt sich offenbar ein Paar. Auch die übrigen wartenden Fahrgäste blickten nun neugierig in die Richtung des Autos. Undeutlich konnte ich verstehen, wie der Mann über sein Fahrzeug fluchte. Die Frau wollte ihn wohl beruhigen, das Schreien der beiden war jedoch nur undeutlich zu verstehen. Dann versuchte die Frau, aus dem Auto zu steigen, denn plötzlich dröhnte ein deutliches: „Du bleibst hier“, zu uns hinüber. Mich überkam in jenem Moment eine unerklärliche Angst. Ich wollte vor dem Auto zurückweichen, jeder andere der wartenden Reisenden kam mir plötzlich… bedrohlich vor. Auf der anderen Seite des Geleises hielt in diesem Moment ein Auto mit quietschenden Reifen vor einer Kreuzung, und ich erinnere mich noch genau wie ich dachte: „Sind denn heute alle verrückt?“ Als der Zug einfuhr brach in mir plötzlich Panik aus. Wie ein drohender Schatten zischte die Eisenbahn heran, als wolle sie mich aufsaugen, mich verschlingen. Mir kam in den Sinn, dass ich nun zur Schule gehen musste, und mit einem Mal erfasste mich ein Gefühl absoluter Angst. Gegen meinen Instinkt, der mir zuschrie: „Geh nach Hause, geh heim“, stieg ich in den Zug und setzte mich in ein Abteil. Sofort begann ich nach meinem Block zu suchen, um dies hier aufzuschreiben, um die anderen Fahrgäste nicht ansehen zu müssen, um meine Angst im Stillen zu bezwingen. In dieser Zeit setzte sich ein Mann mir gegenüber hin und schlug seine „Blick“-Zeitung auf. Während des Schreibens sah ich ihn nur aus den Augenwinkeln. Ich hatte das Gefühl, er würde mich anstarren und jeden Moment aufspringen, um mich zu schlagen oder gar zu ermorden. Die Angst sitzt mir im wahrsten Sinn des Wortes in den Knochen, ich fühle mich ganz steif, Arme und Beine tun mir weh und ein seltsamer Druck lastet auf meiner Brust. Hoffentlich passiert heute nichts!

Während des Tages schrumpfte die Angst zu einem unguten Gefühl zusammen, doch ich spüre meine Knochen immer noch. Als ob jemand Stahlbänder um sie gelegt hätte und diese nun langsam aber unbarmherzig zusammenzöge. Gerade ist mir eingefallen, dass dies vielleicht ein Anfall einer Angstneurose war. Es gibt ja Menschen, die, wenn sie zum Beispiel über eine Brücke gehen oder wenn ein Zug einfährt (!), plötzlich eine irrationale Angst empfinden. Ich war jedenfalls extrem schockiert. Dieses ungute Gefühl den ganzen Tag, als lauere hinter jeder Ecke ein Monster aus meinen schlimmsten Alpträumen und risse auch meine Mitmenschen in den Wahnsinn! Ich hoffe, so etwas passiert mir nie wieder!

Dies war also mein Bericht. Ich hoffe, ich habe dich damit nicht zu sehr erschreckt. Wirst du mir deine Meinung dazu schreiben?

Auf bald
Anna!

Schwarzer Tag

Eines Tages wachte ich am Morgen auf und wusste, dass ich nicht mehr schreiben konnte. Es war ein Wissen, wie wir es vielleicht haben, wenn einem geliebten Menschen etwas zustösst. Oder wenn wir uns weigern, in ein bestimmtes Flugzeug zu steigen. Mir kam es jedoch vor, wie die Gewissheit nach einem Albtraum, die uns das Erwachen so schwer macht, als würden wir die nächtlichen Schrecken mit uns in die reale Welt nehmen. Ich wusste einfach, dass ich nicht mehr schreiben konnte. Schweissgebadet lag ich in meinem Bett, unfähig, auch nur einen Muskel zu rühren. Meine Gedanken rasten, doch gleichzeitig war mein Gehirn leer. Ich war in Panik, mein Herz raste wie wild, ich versuchte mich vergeblich zu bewegen. Erst als der Wecker rasselnd verkündete, es sei Zeit auf zu stehen, vermochte ich mich auf zu setzen. Wankend lief ich ins Badezimmer, wie eine Betrunkene nach links und rechts torkelnd, knallte gegen einen Türrahmen. Endlich stand ich in der Dusche. Ich drehte das Wasser auf, eiskalt ergoss es sich über mich, über mein Nachthemd, das aus zu ziehen ich nicht imstande gewesen war. Erst als mein Körper vor Kälte und nicht mehr vor Schock zitterte, gewährte ich ihm etwas Wärme. Wie in Trance zog ich mich an, verliess das Haus, das Morgenessen völlig vergessen, setzte mich in den Zug und befand mich schliesslich in der Schule, letzte Bastion der Realität.

In unserer ersten Stunde hatten wir Mathematik. Ich hörte dem Lehrer zu, und als wir die Theorie einschreiben sollten, nahm ich den Deckel von meinem Füller, um ihn anschliessend auf das Blatt auf zu setzen. Meine Gedanken strömten aus meinem Gehirn in meinen Arm, in die Hand, dann in den Füller und von dort aus in Form von Tinte auf das Blatt. Zahlen füllten die weisse Leere.

Die zweite Stunde war besetzt durch die Geschichte. Meine Gedanken strömten wieder aus meinem Gehirn in meinen Arm, in die Hand, dann in den Füller und von dort aus in Form von Tinte auf das Blatt. Vergangenheit füllte die weisse Leere.

Dritte Stunde: Deutsch. Bleich betrat ich das Klassenzimmer. Mein Blut rauschte mir in den Ohren, und es war mir, als würde es mir zuflüstern: „Du kannst nicht mehr schreiben. Du kannst nicht mehr schreiben.“ Hölzern setzte ich mich auf meinen Stuhl, mein Körper schien der Erde zwar entgehen zu fallen, jedoch nur, weil eine unsichtbare Macht mich zog. An diesem Tag war Schreibwerkstatt. Ich war nicht fähig, den Ausführungen meines Lehrers zu folgen. Als die anderen ihre Bleistifte und Kugelschreiber zückten, nahm auch ich meinen Füller in die Hand. Mit schreckgeweiteten Augen und starrem Blick schaute ich auf dieses Ding in meiner Hand hinunter. Für Minuten war ich wieder nicht fähig, mich zu bewegen. Mir kam einfach nicht in den Sinn, was ich mit diesem Ding tun sollte. Endlich löste ich den Deckel vom Schaft und setzte die Federspitze auf mein Blatt. Meine Augen schienen ausgetrocknet zu sein. Erstaunt beobachtete ich, wie sich auf dem Blatt ein grauer Fleck bildete, der sich rasch ausbreitete. Meine Stirn war schweissnass, und meine Hand schien zu zittern. Der Klang der Pausenglocke erlöste mich. Auf der Heimfahrt konnte ich nur an meine Angst denken, die mich vor vielen Jahren einmal überfallen hatte. Es war zu einer Zeit, als es noch ungewöhnlich war, dass jemand schreibt. Viele Menschen hatten mir prophezeit, dass ich eines Tages ein Buch schreiben würde. Auch ich war dieser Überzeugung. Irgendwann las ich dann ein Buch und stellte mir die ganze Zeit vor, welche Arbeit es bedeutet, sich eine solche Geschichte aus zu denken und sie anschliessend auch noch auf zu schreiben. Und plötzlich überwältigte mich die Angst, dass auch ich eines Tages ein Buch schreiben würde. Ein einziges Buch, denn danach würde für mich alles geschrieben sein, mein ganzes Leben ausgekotzt und aufgeschrieben so zu sagen, und ich würde nicht mehr schreiben können! Nie mehr! Nun war es also geschehen, ich hatte nie ein Buch geschrieben, und ich würde es nie tun. Ich konnte nicht mehr schreiben. Der Gedanke liess mich nicht mehr los.

Zu Hause angekommen, vergrub ich mich in meinem Bett unter einem Berg von Decken. Doch auch die Dunkelheit konnte das Wissen nicht verdrängen. Ich konnte nicht mehr schreiben. Es hallte in meinem Kopf, der mir völlig leer vorkam, als hätte mir jemand unbemerkt das Gehirn ausgesaugt. Verzweifelt wälzte ich mich hin und her. Endlich stand ich auf und suchte im Medizinalschrank nach Schlaftabletten.

„Ich kann nicht mehr schreiben“, hallte es in meinem Kopf. Ich nahm die erste Schlaftablette. Doch es gab keine Erlösung. „Nie mehr schreiben“. Die zweite Tablette fand den Weg in meinen Magen. Unwirksam. Verzweifelt nahm ich eine dritte. „Ich kann nicht mehr schreiben.“ Kein Fluch konnte schlimmer sein. Ich konnte nicht mehr schreiben.

Endlich kam der erlösende Schlaf. Erleichtert begrüsste ich das süsse Vergessen. Neben meinem Bett lagen einige leere Röhrchen…

1. Oktober 1998