Der Baum

Heute haben wir keine Schule. Die Lehrer halten eine ausserordentliche Konferenz ab. Mitten im Neubau ist nämlich über Nacht ein riesiger Baum gewachsen. Einfach so, gestern war er noch nicht da und heute morgen füllt er fast die ganze Halle aus. Uns Schülern gefällt er. Seine Blätter sind herzförmig und von einem satten Grün. Der Stamm ist wohl um die zwei Meter dick und die Krone stösst oben an der Decke an. Ein Wunder, dass sie diese noch nicht durchstossen hat! Die Lehrer haben also ihre Konferenz und beraten, wie sie diesen Baum wieder loswerden. Wie er dahin gekommen ist, scheint niemanden zu interessieren. Wir sitzen währenddessen in der Cafeteria und warten darauf, endlich heimgehen zu dürfen.

Jetzt ist ein Förster gekommen. Er sieht sich den Baum an und beratschlägt sich mit einem Uniprofessor, der extra von Zürich hierher gerufen wurde. Anscheinend weiss der allerdings auch nicht, was für ein Baum das ist und wie er hierher kommt. Der Baum selbst steht noch immer da, gross und breit, mit grünen, herzförmigen Blättern. In der Halle scheinen sich nun unter der Decke Wolken zu bilden. Noch immer will uns niemand nach Hause lassen, obschon klar ist, dass heute kein regulärer Unterricht mehr stattfinden wird.

Soeben sind einige Männer mit Motorsägen gekommen. Die meisten Schüler drängen sich in der Nähe des Baumes zusammen, um auch ja genau mitzubekommen, was da geschieht. Die Wolken an der Decke sind mittlerweilen dichter geworden. Die Männer messen den Stamm aus und diskutieren, wie der Baum am besten zerkleinert werden soll, ohne dass Geländer, Treppen oder Wände beschädigt werden. Irgendwo zwitschert ein Vogel.

Nun ist ein Mann von der Verbindungsbrücke auf einen dicken Ast gestiegen. Er bewegt sich vorsichtig so weit vor wie es geht und zückt dann seine Motorsäge. Plötzlich zerreisst ihr scharfes Aufheulen die Stille, die sich über uns Schülern ausgebreitet hat. Der Bereich direkt unter dem Ast ist bereits vorher abgesperrt worden, und die Granitplatten bedecken sich nun langsam mit Blättern, als der Mann zu sägen beginnt. Der Ast bewegt sich unter der Motorsäge, als würde er vor Angst und Schmerz zittern. Aus den Wolken fällt nun weisser Schnee. Langsam senken sich die Flocken auf die Blätter des Baumes und die Köpfe der Menschen. Der erste Ast ist nun abgesägt und jetzt geht es Schlag auf Schlag. Bald ist der Boden mit Ästen bedeckt. Wir könnten nun endlich nach Hause gehen, doch niemand rührt sich.

Nach zwei Stunden sind sie fertig. Die Granitplatten sind übersät mit Ästen und Laub. Die Wolken haben sich wieder aufgelöst und nur das Schimmern des Schmelzwassers erinnert an ihre Existenz. Die Aufräumarbeiten beginnen und ich mache mich endlich auf den Weg nach Hause.

Am nächsten Tag ist schon wieder Alles beim alten. Wo der Stamm den Fussboden durchstiess sind neue Platten eingesetzt worden. Nichts erinnert an den Baum, und er wird auch von niemandem erwähnt, als wäre er nur ein Traum gewesen, eine kurze Erscheinung aus einer anderen Dimension.

Zwei Monate später:
Heute Morgen durchbrach ein Pflanzenspross mit grünen, herzförmigen Blättern den Fussboden…

14. Dezember 1997