Die Bombe

Die Bombe hatte bereits einige Zeit dagelegen. Im Grunde grenzte es schon fast an ein Wunder, dass noch niemand darauf getreten war. Dass sich nicht einmal jemand um sie kümmerte. Sie hatte sogar mehrere Putztage des Reinigungsdienstes überstanden. Dabei war die Bombe nicht gerade unauffällig. Es musste sich wohl um einen Tretmine handeln, denn es war keine äussere Zündvorrichtung zu erkennen. Wer sie dort hin gelegt hatte, war im nachhinein nicht mehr zu rekonstruieren. Ein Grund dafür war ebenfalls nicht zu finden. Und dass jemand zufälligerweise eine Bombe in der Schule verlieren würde, war wohl die unwahrscheinlichste Erklärung von allen. Auch ich war einige Tage an diesem Ding vorbeigegangen, ohne es gross zu beachten. Doch am Mittwochmorgen blieb ich plötzlich stehen. Da hatte ich doch was gesehen, so einfach aus den Augenwinkeln! Ich drehte mich um. Schüler liefen rechts und links schwatzend vorbei, und Angela blieb genervt stehen. „Was ist? Wir müssen in die nächste Stunde! Komm endlich!“, rief sie mir zu und ging weiter. Ich hatte endlich entdeckt, was mir da so aufgefallen war: ein kleines Ding. Es lag auf dem Boden. Schwarz war es. Rund. Geduckt. Ich ging näher. Ein Schüler, der gedankenverloren in ein Gespräch mit einer Kollegin vertieft war, wich mir in letzer Sekunde aus. Ich bückte mich. Betrachtete dieses Ding. Dann entschlüpfte meinen Lippen zwei überraschte Worte: „Eine Bombe?!“, flüsterte ich leise. Jemand neben mir blieb stehen. „Was hast du gesagt?“, fragte er mich. „Eine Bombe“, antwortete ihm der Nebenstehende an meiner Stelle. Ich konnte mich nur aufrichten, den andern wortlos anstarren, wieder auf die Bombe starren, wieder den anderen an. Es war, als hätte sich ein Wispern in einem Baum erhoben, als würden sich seine Blätter gegenseitig eine Geschichte erzählen, die bis zu den äussersten Blättern getragen wurde. Im Schulhaus erhob sich ein Flüstern, ein aufgeregtes Murmeln, dass sich langsam verlor und dann anwuchs, immer lauter wurde, vom Flüstern sich aufbauschte zu einem ohrenbetäubenden Lärm. Und alle, alle schrien sie nur ein Wort: „Eine Bombe!“

Dann kam Bewegung in die Schüler, und sie kamen aus den Zimmern und drängten den Treppen zu. Jeder wollte zuerst raus aus dem Gebäude, raus, weg von der Bombe. Und sie schoben und stiessen, zerrten und boxten und hieben blind um sich. Und der andere, der meine zwei entschlüpften Worte gehört hatte, er wich vor mir zurück und wurde mir doch entgegengestossen, und ich sah die Bombe, sah sie immer näher kommen.

Ihr scharfes Klicken wunderte mich noch. Für einen Moment war alles ruhig, niemand sprach ein Wort. Stille. Die Helligkeit überstieg alles, was ich je zuvor gesehen hatte. Irgendwo in den Resten meines Gehirns dachte ich noch: „So muss das Licht zum Himmel aussehen…“

12. Januar 2000