Laufen

Ich hatte beschlossen zu laufen. Der Grund dafür war mir entfallen, irgendwo liegengeblieben zwischen den Sträuchern und Grasleichen im Land hinter mir. Vielleicht hatte ich es wie die australischen Ureinwohner machen wollen. Wenn ein Aborigines das Gefühl hat, er habe sein eigenes Ich verloren, macht er sich auf den Weg. Er läuft und läuft immer geradeaus, ohne nach rechts oder links zu sehen und ohne anzuhalten. Der Aborigines hofft, irgendwann auf sein Ich zu treffen. Dann setzt er sich und spricht so lange mit ihm, bis er weiss, was ihm in seinem Leben gefehlt hat. Erst dann kann er wieder nach Hause zurückkehren. Vielleicht war dies der Grund, weshalb ich zu laufen begonnen hatte. Einmal habe ich mir überlegt, es den Aborigines gleich zu tun, doch wo sollte ich hingehen, in einem Land voller Strassen, Vergewaltigern und kalten Nächten? Ohne öde Grasländer? Und voller Menschen?

Als ich zu laufen begonnen hatte, waren erst noch viele Menschen um mich. Ich befand mich in einer Stadt, und sie waren überall um mich herum, liefen hierhin und dahin, liefen mir entgegen, liefen aneinander vorbei und voneinander weg. Doch ihr Gehen war seltsam, zerstreut und ohne Ziel. Als sich die Reihen der Häuser lichteten, wurden auch die Menschen weniger, vereinzelt traf ich nun auf sie, meist gingen sie in Gruppen oder zu zweit, nie allein. Sie sprachen miteinander, leere Worte, die ich nur hören, doch nicht verstehen konnte.

Schliesslich liess ich das letzte Haus hinter mir, und mit ihm die Menschen. Anfangs war mir das Gehen schwergefallen, mühsam musste ich mich zu jedem Schritt zwingen, als wären Steine an meine Fussgelenke gebunden, als wäre die Strasse ein sumpfiger Morast. Doch als die Stadt hinter mir lag, wurden meine Schritte leichter, ich schien zwei Treppenstufen in die Höhe zu steigen und auf der Luft meinen Weg fortzusetzen. In der Stadt waren mir noch viele Gedanken im Kopf herum geschwirrt, wie ein Abbild der äusseren Welt liefen sie eilig und ziellos in meinem Kopf herum. Doch je länger ich lief, je weniger Menschen ich begegnete, desto ruhiger wurden meine Gedanken, schwebten träge dahin und schliesslich verschwanden sie. Was hätte ich auch in diesem trostlosen Land denken können? Die Sonne versteckte sich hinter einer weissen Dunstmauer, das Land selbst war leer, eine Wüste aus trockener Erde, nur selten das Gerippe eines Baumes oder die gelben Überreste von Gras. Dennoch, mir war gut. Das öde Land lag um mich und erstreckte sich weit, weiter, bis zum Horizont. Doch ich kam diesem nicht näher, als würde er vor mir fliehen. Ein leiser Wind wehte mir das seltsame Gefühl von Leere zu. Mochte dort das Ende sein? Würde dort alles verschwinden, im Schlund einer Unendlichkeit? War es die Absicht des Landes, mich nicht bis dorthin kommen zu lassen?

Als ein Vogel sich erhob und flügelschlagend die Erde verliess, als er gen Himmel flog und im Dunst verschwand, da fragte ich mich zum letzten Mal, ob ich das Richtige getan hatte. Es gab keine Umkehr, das war mir klar. Und als ich tief in mich hinein horchte, da gab es auch keine Reue. Mochten mich die Götter in dieser Zwischenwelt gefangen halten, mochte ich bis in alle Ewigkeit gehen, mochte der Horizont vor mir fliehen! Dies war mein Schicksal.

Und ich lief weiter, unaufhörlich, immer weiter, immer weiter…

1. Juni 1998