Irgendwo, den 29. August 1997
Hallo du,
Ich habe dir nun schon lange nicht mehr geschrieben. Mir ist einfach nichts Interessantes eingefallen. Heute ist mir jedoch etwas passiert, von dem ich dir unbedingt berichten muss. Es hat mich so beschäftigt, dass ich es gleich im Zug aufgeschrieben habe. Hier also meine Geschichte:
Im Zug Irgendwo, den 29. August 1997
Heute habe ich ehrlich gesagt keine Lust, in die Schule zu gehen. Es ist nicht wie sonst, dass mir einfach die Motivation fehlt. Ich habe Angst! Ich habe heute Morgen verschlafen, die Batterie meines Weckers war über Nacht ausgegangen. In einer Rekordzeit von einer Viertelstunde, sonst brauche ich drei, war ich angezogen und abfahrbereit. In Irgendwo jedoch musste ich zehn Minuten auf den verspäteten Zug warten. Super! Zuerst beobachtete ich fasziniert das Schauspiel der vorbeiziehenden Wolken am Morgenhimmel. Es war wunderschön! Dann schaute ich einer Frau zu, die offenbar Ballettschritte übte. Plötzlich meinte ich, ein schwaches Männerbrüllen gehört zu haben. War es meine Müdigkeit, die mir einen Streich spielte? Auf der anderen Gleisseite stand, keine zwanzig Meter entfernt, ein weisses Auto. Darin stritt sich offenbar ein Paar. Auch die übrigen wartenden Fahrgäste blickten nun neugierig in die Richtung des Autos. Undeutlich konnte ich verstehen, wie der Mann über sein Fahrzeug fluchte. Die Frau wollte ihn wohl beruhigen, das Schreien der beiden war jedoch nur undeutlich zu verstehen. Dann versuchte die Frau, aus dem Auto zu steigen, denn plötzlich dröhnte ein deutliches: „Du bleibst hier“, zu uns hinüber. Mich überkam in jenem Moment eine unerklärliche Angst. Ich wollte vor dem Auto zurückweichen, jeder andere der wartenden Reisenden kam mir plötzlich… bedrohlich vor. Auf der anderen Seite des Geleises hielt in diesem Moment ein Auto mit quietschenden Reifen vor einer Kreuzung, und ich erinnere mich noch genau wie ich dachte: „Sind denn heute alle verrückt?“ Als der Zug einfuhr brach in mir plötzlich Panik aus. Wie ein drohender Schatten zischte die Eisenbahn heran, als wolle sie mich aufsaugen, mich verschlingen. Mir kam in den Sinn, dass ich nun zur Schule gehen musste, und mit einem Mal erfasste mich ein Gefühl absoluter Angst. Gegen meinen Instinkt, der mir zuschrie: „Geh nach Hause, geh heim“, stieg ich in den Zug und setzte mich in ein Abteil. Sofort begann ich nach meinem Block zu suchen, um dies hier aufzuschreiben, um die anderen Fahrgäste nicht ansehen zu müssen, um meine Angst im Stillen zu bezwingen. In dieser Zeit setzte sich ein Mann mir gegenüber hin und schlug seine „Blick“-Zeitung auf. Während des Schreibens sah ich ihn nur aus den Augenwinkeln. Ich hatte das Gefühl, er würde mich anstarren und jeden Moment aufspringen, um mich zu schlagen oder gar zu ermorden. Die Angst sitzt mir im wahrsten Sinn des Wortes in den Knochen, ich fühle mich ganz steif, Arme und Beine tun mir weh und ein seltsamer Druck lastet auf meiner Brust. Hoffentlich passiert heute nichts!
Während des Tages schrumpfte die Angst zu einem unguten Gefühl zusammen, doch ich spüre meine Knochen immer noch. Als ob jemand Stahlbänder um sie gelegt hätte und diese nun langsam aber unbarmherzig zusammenzöge. Gerade ist mir eingefallen, dass dies vielleicht ein Anfall einer Angstneurose war. Es gibt ja Menschen, die, wenn sie zum Beispiel über eine Brücke gehen oder wenn ein Zug einfährt (!), plötzlich eine irrationale Angst empfinden. Ich war jedenfalls extrem schockiert. Dieses ungute Gefühl den ganzen Tag, als lauere hinter jeder Ecke ein Monster aus meinen schlimmsten Alpträumen und risse auch meine Mitmenschen in den Wahnsinn! Ich hoffe, so etwas passiert mir nie wieder!
Dies war also mein Bericht. Ich hoffe, ich habe dich damit nicht zu sehr erschreckt. Wirst du mir deine Meinung dazu schreiben?
Auf bald
Anna!