Eines Tages wachte ich am Morgen auf und wusste, dass ich nicht mehr schreiben konnte. Es war ein Wissen, wie wir es vielleicht haben, wenn einem geliebten Menschen etwas zustösst. Oder wenn wir uns weigern, in ein bestimmtes Flugzeug zu steigen. Mir kam es jedoch vor, wie die Gewissheit nach einem Albtraum, die uns das Erwachen so schwer macht, als würden wir die nächtlichen Schrecken mit uns in die reale Welt nehmen. Ich wusste einfach, dass ich nicht mehr schreiben konnte. Schweissgebadet lag ich in meinem Bett, unfähig, auch nur einen Muskel zu rühren. Meine Gedanken rasten, doch gleichzeitig war mein Gehirn leer. Ich war in Panik, mein Herz raste wie wild, ich versuchte mich vergeblich zu bewegen. Erst als der Wecker rasselnd verkündete, es sei Zeit auf zu stehen, vermochte ich mich auf zu setzen. Wankend lief ich ins Badezimmer, wie eine Betrunkene nach links und rechts torkelnd, knallte gegen einen Türrahmen. Endlich stand ich in der Dusche. Ich drehte das Wasser auf, eiskalt ergoss es sich über mich, über mein Nachthemd, das aus zu ziehen ich nicht imstande gewesen war. Erst als mein Körper vor Kälte und nicht mehr vor Schock zitterte, gewährte ich ihm etwas Wärme. Wie in Trance zog ich mich an, verliess das Haus, das Morgenessen völlig vergessen, setzte mich in den Zug und befand mich schliesslich in der Schule, letzte Bastion der Realität.
In unserer ersten Stunde hatten wir Mathematik. Ich hörte dem Lehrer zu, und als wir die Theorie einschreiben sollten, nahm ich den Deckel von meinem Füller, um ihn anschliessend auf das Blatt auf zu setzen. Meine Gedanken strömten aus meinem Gehirn in meinen Arm, in die Hand, dann in den Füller und von dort aus in Form von Tinte auf das Blatt. Zahlen füllten die weisse Leere.
Die zweite Stunde war besetzt durch die Geschichte. Meine Gedanken strömten wieder aus meinem Gehirn in meinen Arm, in die Hand, dann in den Füller und von dort aus in Form von Tinte auf das Blatt. Vergangenheit füllte die weisse Leere.
Dritte Stunde: Deutsch. Bleich betrat ich das Klassenzimmer. Mein Blut rauschte mir in den Ohren, und es war mir, als würde es mir zuflüstern: „Du kannst nicht mehr schreiben. Du kannst nicht mehr schreiben.“ Hölzern setzte ich mich auf meinen Stuhl, mein Körper schien der Erde zwar entgehen zu fallen, jedoch nur, weil eine unsichtbare Macht mich zog. An diesem Tag war Schreibwerkstatt. Ich war nicht fähig, den Ausführungen meines Lehrers zu folgen. Als die anderen ihre Bleistifte und Kugelschreiber zückten, nahm auch ich meinen Füller in die Hand. Mit schreckgeweiteten Augen und starrem Blick schaute ich auf dieses Ding in meiner Hand hinunter. Für Minuten war ich wieder nicht fähig, mich zu bewegen. Mir kam einfach nicht in den Sinn, was ich mit diesem Ding tun sollte. Endlich löste ich den Deckel vom Schaft und setzte die Federspitze auf mein Blatt. Meine Augen schienen ausgetrocknet zu sein. Erstaunt beobachtete ich, wie sich auf dem Blatt ein grauer Fleck bildete, der sich rasch ausbreitete. Meine Stirn war schweissnass, und meine Hand schien zu zittern. Der Klang der Pausenglocke erlöste mich. Auf der Heimfahrt konnte ich nur an meine Angst denken, die mich vor vielen Jahren einmal überfallen hatte. Es war zu einer Zeit, als es noch ungewöhnlich war, dass jemand schreibt. Viele Menschen hatten mir prophezeit, dass ich eines Tages ein Buch schreiben würde. Auch ich war dieser Überzeugung. Irgendwann las ich dann ein Buch und stellte mir die ganze Zeit vor, welche Arbeit es bedeutet, sich eine solche Geschichte aus zu denken und sie anschliessend auch noch auf zu schreiben. Und plötzlich überwältigte mich die Angst, dass auch ich eines Tages ein Buch schreiben würde. Ein einziges Buch, denn danach würde für mich alles geschrieben sein, mein ganzes Leben ausgekotzt und aufgeschrieben so zu sagen, und ich würde nicht mehr schreiben können! Nie mehr! Nun war es also geschehen, ich hatte nie ein Buch geschrieben, und ich würde es nie tun. Ich konnte nicht mehr schreiben. Der Gedanke liess mich nicht mehr los.
Zu Hause angekommen, vergrub ich mich in meinem Bett unter einem Berg von Decken. Doch auch die Dunkelheit konnte das Wissen nicht verdrängen. Ich konnte nicht mehr schreiben. Es hallte in meinem Kopf, der mir völlig leer vorkam, als hätte mir jemand unbemerkt das Gehirn ausgesaugt. Verzweifelt wälzte ich mich hin und her. Endlich stand ich auf und suchte im Medizinalschrank nach Schlaftabletten.
„Ich kann nicht mehr schreiben“, hallte es in meinem Kopf. Ich nahm die erste Schlaftablette. Doch es gab keine Erlösung. „Nie mehr schreiben“. Die zweite Tablette fand den Weg in meinen Magen. Unwirksam. Verzweifelt nahm ich eine dritte. „Ich kann nicht mehr schreiben.“ Kein Fluch konnte schlimmer sein. Ich konnte nicht mehr schreiben.
Endlich kam der erlösende Schlaf. Erleichtert begrüsste ich das süsse Vergessen. Neben meinem Bett lagen einige leere Röhrchen…
1. Oktober 1998