Zukunft?

In einer fernen Zukunft. Die Menschen verlassen ihre Häuser nicht mehr. Sie liegen in kleinen Kammern, auf an den Decken befestigten Pritschen, angeschlossen an des Internet, dessen Ausdehnung längst die Dimensionen unseres Universums gesprengt hat. Die Menschen kreieren ein selbstentworfenes Abbild und begegnen und lieben sich als Fremde.

Datum: Ein Tag in ferner Zukunft
Ort: Internet
Anwesende: Romeo und Julia

Romeo steht auf der Wiese, auf einem kleinen Hügel. Er ist allein. Plötzlich ertönt Julias Stimme: „Kommst du mit?“ Romeo dreht sich um die eigene Achse. „Wohin?“, fragt er. Belustigt säuselt Julias Stimme: „Auf eine Reise?“ Wieder fragt Romeo: „Wohin?“ „Zu mir.“ Pause. „Schau mich an. Sag ja.“ Romeo ist verwirrt. Wieder dreht er sich um, sieht nach allen Seiten. „Ja- wo bist du?“, fragt er in die Leere. Julias Stimme lacht: „Auf der Reise zu mir!“ Ihr Lachen schwebt wie ein zartes, neckisches Lüftchen zwischen dem computergenerierten Gras und dem aus Milliarden Pixels bestehenden Himmel. Romeo lässt sich nicht beeindrucken. „Ich kann dir zeigen, wo du bist“, ruft er, „hier an meiner Hand. Warum willst du auf die Reise?“ Julias Körper wird sichtbar, noch ist er durchsichtig und ohne Farbe, wie ein Geist schwebt sie um Romeo. „Ich möchte fliehen. Vor dir, vor der Welt, die mich will. Schau mich nicht an. Ich weiss, dass diese Flucht ohne dich mir nicht gelingt. Lass mich fliehen. Ich möchte das Salz auf meiner Zunge spüren.“ „Du spinnst.“ Romeos harter Kommentar lässt Julia auf die Erde sinken, langsam bekommt ihre Haut Farbe, ihr Haar, ihre Kleidung. Doch noch immer kann Romeo durch sie hindurch sehen, noch immer ist sie ein Gespenst. Mit sanfter Stimme weist sie Romeo zurecht: „Nur so lange, bis du mit mir auf die Reise kommst. Ich möchte dir nicht entwischen. Du bist der kostbare Schatz, der am Erdboden leuchtet.“ Lachend rennt sie vor ihm davon. Romeo ruft ihr nach: „Bleib stehen.“ Abrupt dreht sich Julia nach ihm um. Mit plötzlich aggressivem Unterton in der Stimme fragt sie: „Warum?“ Auf Romeos Zügen ist nichts zu erkennen, die Pixels flimmern nur leicht. „Warum die Frage nach dem Warum?“ Julia scheint sich zum Sprung zu ducken. „Darum.“, brüllt sie ihn an, „also warum?“. Romeo sieht Julia stumm an. Zögernd antwortet er ihr dann: „Ich mag nicht deine Fusssohlen vor mir sehen. – Hast du neue Schuhe?“ Julia scheint verärgert über Romeos schwachen Versuch, ihrer Frage auszuweichen. „Darum möchtest du nicht mit auf die Reise kommen. Du hast Angst, dass ich vor dir am Ziel sein könnte.“ Ihr Vorwurf erhebt sich in die Luft, schwebt zwischen ihnen, wie zuvor Julia, erzeugt eine Spannung. Romeo tritt unruhig von einem Fuss auf den anderen, macht einen versöhnlichen Schritt auf Julia zu. Sein „Nein“ ist fast flehend. Doch Julia ist unbeeindruckt. Die Weiten des Internets rufen sie. Es gibt nicht mehr viel zu sagen. „Dann bleib nicht stehen. Lauf weiter, bis du mich eingeholt hast. Aber warte nicht zu lange.“ Sie dreht sich um und läuft davon. In der Ferne verblasst ihr Körper wieder, wird zu einem säuselnden Geist. Romeo steht nur da, sieht seiner Geliebten nach. Sein Herz ist leer, sein Kopf, sein Bauch. Kraftlos stiehlt sich ein „Bleib stehen“ über seine Lippen und hallt wie ein flehendes Flüstern vom Himmel wieder.

Julia liegt auf ihrer Pritsche.
Irgendwo, vielleicht gleich neben ihr, liegt auch Romeo.

Dialog von Petra

Geschichte von Anna!, beendet am 24. Januar 1999