Das zweite Stockwerk

Man nennt ihn den 2. Stock. Alle Zimmer haben eine Zwei vor ihrer Nummer, um das deutlich zu machen. Wenn wir morgens in den dritten Stock hinaufsteigen und Während des Tages wieder hinunter, sehen wir ihn immer. Für uns ist das zweite Stockwerk ein Mysterium. Obwohl wir nun schon seit vier Jahre hier an der Kantonsschule sind, hatten wir noch nie in einem Schulzimmer des zweiten Stockes Unterricht. An einem verregneten Nachmittag sag ich mir aus Spass die Stundenpläne aller Klassen an und verglich sie miteinander. Niemand hat in der zweite Etage Unterricht! Aber das scheint auch niemanden zu stören, und aufzufallen sowieso nicht. Einmal habe ich mich getraut, einen Lehrer nach dem zweiten Stockwerk zu fragen. Doch er konnte mir nichts dazu sagen, er kenne nur Lehrer aus dem ersten und dem dritten Stock, erklärte er mir. Manchmal stehen die Türen zu den Schulzimmern der zweiten Etage offen und wartende Schüler sitzen im Gang. Aber die gehen beim Läuten der Schulglocke immer in den ersten oder dritten Stock. Das habe ich einige Male beobachtet, als ich zu spät kam. An den Wänden neben den Türen kleben zwar Zimmerbelegungspläne, doch wie gesagt, niemand hat dort Schule.

Eines Tages sollte ich eine Prüfung nachschreiben, da ich eine Woche krank gewesen war. Ich fühlte mich zwar noch etwas geschwächt, doch die Zeugnisse standen vor der Tür und der Lehrer brauchte meine Note. Verzweifelt versuchte er, mir ein freies Zimmer zu besorgen, damit ich ungestört wäre, doch er konnte keines finden. Ich sah dies als Zeichen des Schicksals und fragte ihn beiläufig: „Wie wäre es mit einem Zimmer im 2. Stock? Dort ist bestimmt noch eines frei.“ Einen Moment sah er mich an, als wisse er nicht, wovon ich spreche. Doch dann sagte er: „Wenn du meinst. 40 Minuten!“ Schon war ich auf dem Weg nach oben.

Wie ich schon vermutet hatte, waren alle Zimmer leer. Ich wählte Nummer 207 und trat durch die Tür. Die Tische waren alle in präzisen Reihen nach vorne ausgerichtet und erinnerten mich an eine Schulzimmerbestuhlung aus dem letzten Jahrhundert. Vorne beherrschte ein wuchtiger, alter Holzpult den Raum, ein Möbelstück, das so gar nicht zu der übrigen modernen Einrichtung passen wollte. Leise schloss ich die Tür hinter mir und setzte mich an einen Tisch nahe dem Lehrerpult. An Prüfungschreiben war natürlich nicht zu denken. Ich begann mich genauer im Zimmer umzusehen, registrierte aber eher aus den Augenwinkeln eine Kommode vor dem Fenster neben dem Holzschreibtisch, darauf eine blähende Pflanze, einige Bilder an den Wänden und natürlich die unvermeidliche Wandtafel. Neugierig stand ich auf und betrachtete die Bilder. Sie zeigten ausnahmslos melancholische Landschaften. Nebelverhangene Wiesen und morgenfrische Wälder in sanften Pastellfarben, das kunstvolle Aquarell eines von wogendem Schilf gesäumten Sees und die hyperrealistische Darstellung eines kleinen Baches liessen mich die Zeit vergessen. Als ich mich wieder den Genstern zuwandte, fielen gelle Sonnenstrahlen durch die Scheiben. Entzückt öffnete ich die Fensterflügel und liess mir genussvoll die Sonne ins Gesicht scheinen. Oh, welch herrliche Wärme!

Plötzlich fiel mein Blick auf die Pflanze auf der Kommode. Erstaunt sog ich die Luft ein. Solch ein seltsames Gewächs hatte ich noch nie zuvor gesehen. Es hatte grosse, herzförmige Blätter, die regelmässig um den kurzen, gedrungenen Stengel angeordnet waren. Sie erinnerte mich entfernt an einen Hibiskus, nur dass die Blüten nicht gross, sondern klein und von der Form her eher die einer Azalee waren. Ihr leuchtendes Orange hätte jede gleichnamige Frucht vor Neid erblassen lassen. An den feinen Blütenstengeln hing bläulicher Blütenstaub. Verwundert sah ich die Pflanze an und widerstand nur mit Muhe dem Versuch, sie einfach mitzunehmen. Unwillig wandte ich meinen Blick von dieser Kuriosität, als ich mich wieder an den Schreibtisch erinnerte. Möglichst unauffällig umrundete ich ihn, immer in der Erwartung, jemand betrete das Zimmer. Als ich die vielen Schubladen sah, erwachte meine Neugier von Neuem. Sonst immer darauf bedacht, sie niemanden merken zu lassen, warf ich nun all meine Hemmungen über Bord. Vorsichtig zog ich die oberste Schublade heraus, um sie auch ja nicht fallen zu lassen. Sauber geordnete Bleistifte und Kugelschreiber lagen darin, und Radiergummis und Tintenpatronen. Die nächste enthielt Reiszwecken und Büroklammern, Gummibänder und Zirkel. Dieser Pult war bestückt mit jeder nur denkbaren Art von Büromaterial, alles fein säuberlich sortiert und aufbewahrt.

Plötzlich begannen meine Füsse zu schmerzen. Verwirrt setzte ich mich auf den Lehrerstuhl und ruhte einen Moment aus. Mir war mit einem Mal nicht mehr wohl, ich fühlte eine grosse Schwäche in Armen und Beinen, es wurde mir heiss und kalt. Schweiss trat mir auf die Stirn und mein Magen begann sich zusammenzukrampfen. Hilfesuchend sah ich mich um, kämpfte verzweifelt gegen einen bohrenden Würgereiz an und starrte schliesslich an die Wandtafel. Ihr Schwarz schien mir plötzlich zu schimmern, doch langsam fühlte ich mich besser. Als ich meinen Kopf umwandte, war das Nächste, was ich sah…

… das Gesicht meines Lehrers, der mit sorgenvoller Miene auf mich hinunterblickte. Ich muss ihn wohl so entgeistert angesehen haben, als wäre er ein Gespenst. Beruhigend sagte er: „Bleibe du am besten noch einen Augenblick liegen. Wer weiss, wie lange du schon bewusstlos bist, und hier im Korridor herumliegst.“

Man nennt ihn den 2. Stock. Alle Zimmer haben eine Zwei vor ihrer Nummer, um das deutlich zu machen. Für uns ist das zweite Stockwerk ein Mysterium.

3. November 1997