Ohnmacht

1.11.2006

„Kommen wir nun zum Kovariations- und Konfigurationsprinzip nach Kelley. Sie werden vielleicht im ersten Moment etwas erschrecken ob der Theorie, doch ich versichere Ihnen, diese beiden Prinzipien wenden wir tagtäglich an.“

Ich notierte mir den Text von der an die Wand projezierten Folie und versuchte, mich auf das Referat des Professors zu konzentrieren. Multiple hinreichende Bedingungen, dreimal E. Multiple notwendige Bedingung, einmal E. E gleich Ergebnis. Schon komisch, wie es den Psychologen gelang, Gefühle in Zahlen und Buchstaben auszudrücken. In einer Stunde würde der Statistikprofessor über Skalierungen und Varianzanalysen sprechen. Natürlich nicht wirklich. Varianzanalysen kommt dann gegen Ende des Semesters.

Die Extrarunde mochte nicht gerade sehr elegant sein. Doch ich befand mich mit ca. 400 anderen mehrheitlich Studentinnen in der gleichen Situation. Durchgefallen bei der Zwischenprüfung, Jahr wiederholen. So kam es also, dass ich wieder hier sass, mir nochmal die Attributionsprinzipien von Kelley aufschrieb und mich wunderte, wie schnell im Leben man doch… weiter kam ich nicht, weil mir plötzlich schwarz vor Augen wurde.

Der Hörsaal, in dem unsere Vorlesung stattfand, „Einführung in die Sozialpsychologie“, ist ziemlich eng. Man sitzt wirklich wie eine verdammte Sardiene auf einem kleinen Stuhl, hat kaum Platz für seine Schreibmaterialien und Hintermann atmet einem quasie in den Nacken. Werden Sie mal ohnmächtig, wenn sie keinen Platz dafür haben! Ich versuchte verzweifelt, mit tiefen Atemzügen Luft in meine Lungen zu pressen. War das eine Panikattacke? Hatte ich einen Herzanfall? Kalter Schweiss trat mir auf die Stirn und plötzlich kam die Tischplatte immer näher.

Als nächstes wurde ich liegend kräftig durchgeschüttelt. Meine Augenlider waren unglaublich schwer und ich war überzeugt, sie nie wieder öffenen zu können. Ich konnte das vertraute laute Geschnatter der Studentinnen und Studenten hören, dass bei Störungen sofort im Saal losbricht. Was war nur los? Offenbar wurde ich auf einer Trage rausgetragen. Mein erster Gedanke dazu war: „Hoffentlich zahlt das die Versicherung!“ Vielleicht hätte ich für etwas anderes beten sollen. Stattdessen fiel ich zurück in die süsse Schwärze.