5.11.2006
„Rudi ist tot“, stiess Beat mit erstickter Stimme hervor und liess sich in den Stuhl mir gegenüber fallen. Ich blickte ungläubig von meinem Mittagessen auf. „Was? Wie?“ Wieder einmal verfluchte ich mein fehlendes Feingefühl. Mir musste wohl die soziale Kompetenz für den Umgang mit Menschen in schwierigen Situationen fehlen. Das waren ja tolle Aussichten für mein Berufsleben. Vielleicht sollte ich beim Lehrstuhl der Psychologischen Methodenlehre bleiben und mein Leben damit verbringen, Statistiken auszuwerten. Anabelle rettete mich, indem sie die naheliegendste Frage stelle: „Was ist passiert?“
Beat starrte einen Moment gedankenverloren auf die Tischplatte. Ich befürchtete schon, dass er zu weinen anfängt. Weinende Menschen sind einfach die Hölle. Man muss sie offensichtlich trösten, aber was soll man schon sagen, wenn der Lieblingsfisch gestorben ist?
Beat begann tatsächlich zu schniefen, doch ich war von meinen Erinnerungen abgelenkt. Er hatte uns damals eingeladen, als er Rudi bekommen hat. Das war nun ungefähr ein Jahr her. Er hatte uns zuvor mächtig genervt, weil er sich einfach für keine Fischart entscheiden konnte. Erst wollte er einfach nur Goldfische. Die waren ihm aber dann zu ordinär. Also sollten es Koi sein. Zu teuer. Schliesslich begann er sämtliche Fischarten in Betracht zu ziehen, die auf der Welt verfügbar sind. So kam es mir zumindest vor. Am Ende hatten wir die möglichen Fischarten auf drei eingegrenzt: Kofferfisch, Blutsalmler und Schlammspringer. Der Kofferfisch fiel wegen Salzwasserhaltung weg. Gegen den Blutsalmler war eigentlich gar nichts einzuwenden, doch ich verliebte mich spontan in den Schlammspringer. Ein ziemlich ulkiger Fisch, und es war wirklich sehr lange her, dass ich etwas als ulkig bezeichnen konnte.
Die Viecher sehen ein wenig wie eckige Echsen aus, denen aber die hinteren Beine fehlen. Aus dem Kopf ragen zwei grüne Augen, mit denen sie sogar blinzeln können. Das Aquarium musste zur Hälfte mit Sand gefüllt werden, damit die Fische auf dem Sand rumlungern konnten. Beat hatte sämtliche verfügbare Literatur gelesen, stundenlang das Internet durchforstet und das Aquarium mit viel Liebe eingerichtet. Zur Dekoration gab es noch zwei Vietnamkrebse und ein paar kleine silberne Firsche, deren Name ich mir nie merken konnte. Die waren aber auch nicht so wichtig, wichtig war Rudi. Rudi war Beats erster Schlammspringer. Er bezog an Beats Geburtstag sein neues Zuhause und bekam schon bald Gesellschaft von einer ganzen Meute an Artgenossen.
Nun war der quitschfidele Rudi also tot. Aus unbekannten Gründen verstoben, von uns gegangen, ohne uns noch einmal zu zu blinzeln. Als Beat tatsächlich in Tränen ausbrach, tat ich das einzige, was ich tun konnte: Ich stand auf, umarmte ihn von der Seite und weinte mit ihm.