5.11.2006
„Kommen wir nun zum Kovariations- und Konfigurationsprinzip von Kelley.“ Der Professor legte eine Folie auf, und 599 Studenten suchten hektisch nach ihren Folien. Ich starrte den Prof perplex an. Es war Mitte Mai. Der Frühling hatte dieses Jahr verdammt lange auf sich warten lassen. Und wenn ich verdammt lange sage, dann meine ich auch verdammt lange. Am 30. April war im ganzen Land nochmal mindestens ein Meter Schnee gefallen. Ich lag an diesem Tag erkältet zu Hause und zappte gelangweilt durch die Fernsehkanäle. Bei der Tagesschau blieb ich hängen. Sie meldete den Rekord von 321 Unfällen an diesem Tag. Soviele hatte es den ganzen Winter hindurch nicht gegeben. Als der Sprecher noch von Glatteis und Schneeketten erzählte, wurde die Unfallzahl um eins erhöht.
Drei Tage später schein sich das Wetter umentschieden zu haben. Plötzlich stiegen die Temperaturen um 15 Grad und die ganze weisse Pracht schmolz. Meine Eltern riefen mich an um mir mitzuteilen, dass der Keller der Nachbarn schon wieder vollgelaufen sei. War mir schon immer unverständlich, wie sie ihr Haus gleich neben einen Bach bauen konnten, der bekanntermassen jeden Frühling über die Ufer trat. Das ganze Jahr sah er aus wie ein unscheinbares Rinnsal, um bei der Schneeschmelze den grossen Strom zu spielen. Als Kind musste ich meinem Vater immer helfen, den ganzen Schlamm zu entsorgen, den der kleine Bach angeschleppt hatte. Viel Spass beim Keller säubern.
Die Frühlingsblumen schienen nur auf den ersten Sonnenstrahl als Startschuss gewartet zu haben. Ich beschloss, in Zukunft nicht mehr „wie Pilze aus dem Boden schiessen“ zu sagen, sondern stattdessen die Redewendung in „wie Krokusse aus dem Boden schiessen“ abzuändern. Man musste schon fast Angst haben, eine Wiese zu betreten.
Die Zugvögel hatten sich während des letzten Schneefalls offenbar irgendwo versteckt, sie fielen nämlich kollektiv über das Land her. Morgens wurde ich von munterem Gezwitscher geweckt, durch das geschlossene Fenster.
Draussen war also gerade eine frühlingshafte Hölle los, und ich befand mich im zweiten Semester. Oder genauer gesagt im vierten. Und der Prof kam schon wieder mit den Kelley-Prinzipien. Hatte ich irgendwas verpasst? War ich in ein Zeitloch gefallen, und schnurstracks in die Vergangenheit befördert worden? Hätte ich doch etwas zu Mittag essen sollen, weil ich jetzt halluzionierte? Oder erlaubte sich der Professor etwa einen Scherz mit uns?
Das ich träumte wurde mir klar, als dem Professor plötzlich Krokusse aus den Ohren wuchsen.