19.11.2006
Mir war nicht ganz klar, wie ich mich dazu hatte überreden lassen, doch da war ich: stampfte durch den modrigen Waldboden und atmete einen seltsamen Geruch ein. Der Hund zerrte an seiner Leine. Woran erinnerte mich dieser unangenehme Geruch nur? Ich kannte ihn, er kratzte als alte Erinnerung an meinem Hinterkopf. Was konnte das nur sein? Der Hund blieb stehen und schnüffelte an einem Baumstumpf. Ich freute mich bereits darauf, den Waldrand zu erreichen. Fürchterlich mühsam, mit einem hyperaktiven Hund an der Leine durch den Wald zu laufen.
„Asche! Nasse Asche!“, fiel mir plöztzlich wieder ein, woher ich den Geruch kannte. Lagerfeuer löschen mit Wasser, danach roch es so. Ich mochte diesen Gestank nicht. Es kam mir immer vor, als würde er in meiner Nase festkleben.
Endlich erreichten wir den Waldrand. Ich liess den Hund von der Leine, steckte mir die Ohrstöpsel meines iPod in die Ohren und entspannte mich. Bereits mit dem zweiten Schritt war ich irgendwo in einer Fantasiewelt. Der Hund rannte an mir vorbei, liess sich zurückfallen, rannte wieder nach vorne. Irgendwann mal hatte ich entdeckt, dass unsere gemeinsamen Spaziergänge auf diese Art am entspanntesten waren. Zuvor war ich immer sehr ängstlich, rief den Hund sofort zu mir, wenn er meinen empfundenen Sicherheitsabstand überschritt. Vielleicht lag es auch daran, dass die Nacht über uns aufzog. Ich war immer wieder verblüfft, wie schnell es dunkel wurde im Winter. Daher hatte ich dem Hund auch ein Mäntelchen aus Sicherheitsstoff angezogen. Dieses neonfarbige, reflektierende Material. Dazu ein Leuchthalsband, das jedoch noch nicht eingeschaltet war.
Der erste Nebel erhob sich bereits aus dem Gras, als hätte er sich den ganzen Tag in der Erde verborgen gehalten. Ich marschierte an trostlosen Feldern vorbei. Das Korn war schon vor über einem Monat eingebraucht worden, und auch den Mais hatten die Bauern geschnitten. Schafe weideten auf einer grossen Grasfläche. Der Hund hüpfte aufgeregt am Kunststoffzaun herum, immer in einem Sicherheitsabstand. Er musste wohl wissen, dass diese orangen Schnüre mit Strom gelanden sind.
In der Ferne begann eine Kirchenglocke die volle Stunde zu schlagen, und kurz darauf fiel auch eine zweite ein. Zeit, sich auf den Rückweg zu machen. Als ich mich umdrehte, hielt ich für einen Moment den Atem an: Der Himmel war dunkelblau über mir und ging langsam in ein gelb über, um schliesslich den Horizont in ein leuchtendes Rosa zu tauchen. Bäume, Gebäude und Hügel hoben sich schwarz gegen den strahlenden Hintergrund ab. Mir war, als stände ich mitten in einem Zauberland.
Und hoch oben über mir stand der Abendstern.