Antreiber

16.11.2006

„Mensch Anna, so wird das nie was“, rief Annabelle verzweifelt aus und stellte ihre Kaffeetasse bestimmt auf den Tisch. „Du musst die Sache jetzt endlich mal angehen! Wir haben schon seid zwei Monaten Vorlesungen, und du hast ihn immer noch nicht angesprochen!“ „Ja, genau, so schwer ist das nicht“, warf Beat seine zwei Cents an Gedanken ein. Ich warf ihm einen meiner gefürchteten Todesblicke zu. Leider fiel er nicht tot um, sondern fuhr gleich weiter: „Du musst mich auch nicht mit deinem gefürchteten Todesblick ansehen. Annabelle hat recht. Ich hab dich beobachtet! Jedesmal wenn Emanuel kommt, begrüsst du ihn mit einem breiten Lächeln und beginnst zu glühen!“ „Ich glühe? Ah, darum riecht es neuerdings immer so verkohlt in den Bankreihen“, warf ich sarkastisch ein. „Ich meine es ernst. Lad ihn mal endlich zum Kaffeetrinken ein. Oder noch besser, frag ihn, ob er mir dir an die Psychoparty geht.“ Ich schnaubte verächtlich. „Psychoparty, du machst mir Spass, und wie soll ich wieder nach Hause kommen?“ „Das ist ja der Zweck der ganzen Sache. Emanuel wohnt irgendwo in dem Quartier, wo die Party stattfindet. Was für eine gute Gelegenheit.“ Auf Annabelles Gesicht breitete sich ein ein schmutziges Grinsen aus. „Ha, wofür hälst du mich nur? Ich springe doch nicht gleich beim ersten Date mit einem Kerl in die Kiste!“, spielte ich die Entrüstete. „Würde dir aber gut tun“, entgegnete Beat trocken. Ich konnte nicht anders und lachte los. „Okay, ihr habt mich überzeugt, ich frag ihn. Aber ich fahr an dem Tag wieder nach Hause, wollte schon immer mal den Nachtzug benützen.“

Eine Stunde später fühlte ich mich nicht mehr so selbstsicher und überschwänglich. Tatsächlich hatte ich das Bedürfnis, meine Fingernägel bis zur Wurzel abzuknabbern, mich zu übergeben und mir in die Hosen zu machen. Alles zeitgleich natürlich. Emanuel kam wie immer eine Viertelstunde vor Vorlesungsbeginn. Wie sollte ich das Gespräch nur anfangen. Himmel. Keine Ahnung! Panik! Hilfe!

“Hallo Emanuel”, sprach ich ihn an. Das war sicher die einfallreichste Einleitung, aber verdammt, es ging auch nicht darum, einen Nobelpreis in Rhetorik zu gewinnen. „Hei Anna. Wie geht’s?“ Toll, ich war einfach der Oberverlierer. Völlig ungeeignet für solche Gespräche. Mir fiel nicht mal ein, mich nach seinem Befinden zu erkundigen. „Danke, gut. Du, ich wollte dich was fragen.“ Nun war ich wirklich kurz davor, auf den Tisch zu kotzen. Das würde sicher total viel Eindruck machen. Einen schlechten natürlich. Tolle Geschichte für meine Enkel: „Tja meine Lieben, euer Opa und ich, wir sind uns näher gekommen, nachdem ich mich an der Uni über ihn übergeben habe. So war das damals. Ja ja, die guten alten Zeiten.”

Einen Moment war ich irritiert, schon so weit zu denken, dann fiel mir wieder ein, dass ich im jetzt und hier war und ihn fragen musste. Emanuel sah mich bereits wartend an. Okay, tief luft holen: „Hast du am Freitag schon was vor?“ “Ähm, ich muss am Vormittag arbeiten, und am Nachmittag ist ja das Proseminar…” Na super, er hatte offenbar keine Lust. Kein Mensch, beantwortet eine so offensichtliche Frage, die garantiert nicht auf seine Tagespläne, sondern auf den Abend abzielte, so bescheuert. Immerhin, nun konnte ich Annabelle und Beat sagen, dass er entweder nicht interessiert oder nicht helle genug war. „…warum?“ Oh. Er hat gefragt, warum… „Naja, am Freitag ist ja die Psychoparty, und ich hab mich gefragt, ob du Lust hast, mit mir da hin zu gehen – falls du nicht schon eine Begleitung hast?“ Falls ja, würde ich sie finden und töten müssen. Nachdem ich mich endlich getraut hatte, ihn zu fragen, musste er einfach mit mir gehen. Dahin meine ich natürlich.

„Hm, das ist jetzt blöd. Ich muss nach dem Proseminar….“. Darauf folgte irgend eine doofe Erklärung, auf die ich natürlich total verständig reagierte. Das Leben ist Scheisse.