Das Begräbnis

Der Wagen rollte ruhig dahin. Sie starrte auf ihre Knie und als sie es bemerkte, blickte sie aus dem Fenster. Draussen schien die Sonne, doch sie sah die Schönheit dieses Tages nicht.

Als der Wagen anhielt, blieb sie noch einen Moment sitzen. Der Chauffeur umrundete das schwarze Auto und hielt ihr die Tür auf. Langsam stieg sie aus und richtete sich auf. Der Friedhof lag in seiner ganzen Pracht vor ihr. Beiläufig fragte sie sich, weshalb Friedhöfe oft schöner als Stadtparks sind, wo doch die Toten nichts mehr davon haben. Die Gräber waren gepflegt, die alten Grabsteine zeigten zwar Spuren der Verwitterung, doch waren sie sauber. Bäume standen in einem nicht erkennbaren Muster zwischen den Gräbern und auf ihnen zwitscherten einige Vögel, als wüssten sie nicht, wo sie sich befänden. Überall blühten Blumen und streckten ihre farbenprächtigen Blüten der Sonne und den eifrig summenden Bienen entgegen. Flüchtig fiel ihr die Zeile eines Gedichtes ein: „Ein bisschen mehr Blumen im Leben, denn auf uns’ren Gräbern sind sie vergeben.“ Sie liess ihren Blick schweifen. Das offenen Grab lag am anderen Ende des Friedhofs. Einige schwarzgekleidete Menschen drängten sich darum und überall in der Nähe standen Trauerkränze. Der Chauffeur bot ihr seinen Arm an, doch sie drückte ihr Kreuz durch und ging sicheren Schrittes auf die wartenden Leute zu. Der Chauffeur folgte ihr, in der Hand vier weisse Rosen, die er ihr am Grab übergab. Der Pfarrer hielt seine Messe auf Latein, sie hatte darauf bestanden, sie wollte die tröstenden Worte nicht hören. Als er geendet hatte, blieb sie stumm am Fussende des Grabes stehen. Niemand sprach ein Wort und sogar die Vögel waren verstummt. Das Schweigen lastete auf ihren Schultern, und so hob sie zum Sprechen an. Sie nahm eine der Weissen Rosen und sprach: „Eine Rose meiner Schwester, die keine Hoffnung auf Erlösung hat, denn sie war wie ich, ohne Gott und ohne Glauben.“ Dann nahm sie die zweite Rose: „Meiner Mutter, die Gott verbunden war, doch über den Glaube ich nur lachen konnte.“ Die dritte Rose: „Meinem Vater, von dem ich überzeugt bin, dass sein Gott tot war, doch über den ich nichts weiss.“ Und schliesslich nahm sie die vierte Rose: „Für mich selbst, die mit euch gestorben ist und die euren Gott verachtet.“ Dann warf sie die Rosen in das Grab. Sie stand noch einen Moment still da und wurde von allen angestarrt, nur einige Augenblicke, dann verblasste sie langsam…

10. März 1997