Das Gefühl – Ich bin ohne zu sein

Ich konnte nichts tun, es war, als würde ich jeden Moment explodieren, eine unendliche Wut wollte hinaus. Die Musik dröhnte in meinen Ohren, jeder Ton wie ein Kanonenschuss, wie ein Scherz Gottes sanftes Vogelgezwitscher dazwischen. In meinen Adern pulsierte mein Blut, mein Herz schlug schnell und schmerzhaft, blind starrten meine Augen in die Dunkelheit. Dann brach das Lied ab. Alles war still, bis ein neuer Ton die Stille zerriss. Und die Töne trugen mich davon. Schnell und immer schneller flog ich über das Land, unter mir zogen Wälder dahin, weite Felder, golden in der Sonne glänzend, niedergedrückt durch den rasenden Wind, triefend nass vom strömenden Regen. Ich flog über saftige Wiesen und alte, grüne Bäume, von denen ich jedes einzelne Blatt in meiner Erinnerung behielt. Ich flog über Dörfer und Städte, sah die Menschen dahinströmen, gefangen in ihren Häusern, gefangen in ihren Autos, gefangen in ihren Körpern. Ich sah ihre Gesichter, wie ein Fremder durchflog ich ihre Mengen, besah ich ihre Reihen. In den Dschungeln der Erde fand ich den Tod, in den Wüsten begegnete ich dem Leben. Ich drang in die Tiere ein, das Grösste wurde zum Kleinsten, das Kleinste zum Grössten, und am Ende verliess ich diese Welt.

Ich flog in die Dunkelheit, doch noch immer war jene Wut in mir, jenes Gefühl, das zu beschreiben ich nie fähig sein werde. Als ich die Enden des Universums erreichte, stülpte sich mein Geist nach aussen, das Schwarze wurde Weiss, das Dunkle wurde hell. Ich wurde zu allem, und alles wurde zu mir. Ich verband mich mit dem Universum, wurde zu allem und schliesslich zu Gott. In mir breitete sich Dunkelheit aus, denn das Gefühl war verschwunden, und mit ihm alles, was lebte. Bis das Lied wieder erklang. Seine Töne schleuderten mich in die Höhe und liessen mich stürzen, seine Melodie liess mich sterben und leben. Da tauchte das Licht vor mir auf. Es leuchtete hell, kam immer näher, verschlang mich, zersetzte meine Körper in die letzten und ersten Arten des Seins. Schliesslich beruhigte ich mich, doch das Gefühl blieb, irgendwo tief in mir, und eines Tages wird es wieder kommen, ganz bestimmt…

Text zum Lied ‚Salva mea‘ von Faithless

28.Oktober 1996