Der Schmerz

9.11.2006

„Ich geh heim!“ Abrupt stand ich auf. Zu schnell, mir wurde augenblicklich Schwarz vor Augen. Ich versuchte das Gleichgewicht zu halten und atmete tief ein und aus, versuchte, die Dunkelheit wegzuatmen. „Das hättest du schon vor zwei Stunden machen sollen. Du siehst leichenblass aus“, kommentierte Anabelle mit strengen Blick. Es ist wirklich bitter, wenn einem der Kopf zu explodieren scheint und man auch noch zugeben muss, dass man ein unvernünftiger Sturkopf ist. Ich begann wortlos meine Sachen zusammen zu packen. Meine Hände zitterten unmerklich dabei. „Ich dachte, du hast jetzt einen neuen Betablocker? Die Anfälle kommen aber wieder häufiger, oder?“, erkundigte sich Beat. „Hats erst auch super geholfn. Weiss auch nich, wiesos jetz nich mehr nützt“, nuschelte ich. Im Moment war mir wirklich nicht nach Analysen. „OK, ich geh dann mal. Bis morgn.“

Draussen schien die Sonne. Natürlich. Die Sonne schien immer, wenn ich einen Migräneanfall hatte. Hastig fummelte ich nach meiner Sonnenbrille. Mit Blick auf den Boden schlug ich den Weg Richtung Bahnhof ein. Vor meinen Augen tanzten interessante Muster aus schwarzen Kreisen, die zu pulsieren schienen. Mein Gehirn war stehts bereit, sich zu meiner unterhaltung etwas neues einfallen zu lassen. Irgendwie stand ich plötzlich vor den grossen Fahrplantafeln. Blackouts, das hatte mir gerade noch gefehlt.

Im Zug suchte ich mir ein freies Abteil und schickte ein Stossgebet zu allen Göttern, dass sich keine Familie mit schreienden Kindern in diesen Waggon verirrte. Schon das gedämpfte Fahrgeräusch des Zuges war kaum erträglich. Da ich nichts tun konnte als rumzusitzen, gab es auch nichts, mit dem ich mich vor den um ein vielfaches verstärkten Geräuschen schützen konnte. Mein Kopf war ein pulsierender Schmerz, und ich versuchte verzweiflte, die Stirn mit meinen Händen zu wärmen. Ich wollte nur noch schlafen, doch das war gefährlich. Meine Haltestelle zu verpassen wäre eine Katastrophe.

Zu Hause angekommen (wie war ich hergekommen?), durchsuchte ich meine Hausapotheke. Wie hatte ich mein Migränemittel vergessen können? Wieso hatte ich es nicht dabei? Glücklich drückte ich eine Tablette aus der Packung. Wunderte mich mal wieder, wie unglaublich kein ein so unglaublich grosses Geschenk sein konnte. Einen Moment musste ich am Wasser würgen, dass ich zum runterspühlen der Tablette trank. Bloss keine Nahrung, bloss keine Flüssigkeit. Erleichtert sank ich in mein Bett. Die Decke war schwer und weich, und die Sonne warf geheimnisvolle Muster auf meine Bettdecke. Der Mann löste sich aus den Schatten meiner Seele und entwich als grüner Rauch aus meinem Körper.