23.11.2006
Verzweifelt versuchte ich, ruhiger zu Atmen. Meine Kehle fühlte sich wund an, und ich hatte den Geschmack von Blut im Mund. Mein Atem kam stossweise, verzweifelt rang ich nach Luft. „Ruhig. Atme ruhig.“
Es war mal wieder einer jener Tage, an denen ich für alles drei Minuten zu spät war. So hatte ich in Rekordzeit zum Bus rennen müssen. Und zahlte nun den Preis. Heute Abend würde der Husten anfangen, der jedesmal folgte, wenn ich mich von Null auf 100 so anstrengte. „Leider war keine Zeit führ Dehnübungen“, dachte ich sarkastisch.
Der Bus überquerte die Stadtgrenze und fuhr gemächlich übers Land. Ich steckte mir Kopfhörer in die Ohren und genoss das Ambiente. Draussen herrschte Endzeitstimmung. Der Himmel war bewölkt. Alles hatte eine seltsame Klarheit. Das Gras auf den Feldern begann bereits zu verdorren, und die ersten Blätter wurden gelb. Auf den Wiesen weideten Kühe und Schafe, und einmal fuhren wir an einem Bauern vorbei, der sein Feld pflügte.
Ich musste wohl eingenickt sein, denn als der Busfahrer die letzte Haltestelle ansagte, schreckte ich hoch. Endlich da.
Ich stieg aus. Die automatische Tür schloss sich hinter mir. Der Bus gab ein Zischen von sich, und fuhr dann weg. Ich liess die Umgebung auf mich wirken.
Der Hügel war breit und fiel nur leicht ab. Er fügte sich so harmonisch in die Landschaft ein. Ein Wind riss an meinen Haaren, und es roch nach Freiheit. In der Ferne konnte ich eine mächtige Eiche sehen, deren Äste sich unwillig wiegten. „Zeit, sich auf den Weg zu machen“, dachte ich mir, und lief los.
Anfangs hatte mich noch Gedanken unterhalten. Doch je länger ich unterwegs war, je grösser die Zahl der Schritte wurde, die ich ging, desto mehr fielen sie von mir ab, wie Blätter von einem Baum im Herbst. Ich spürte plöztlich meinen Körper, der mit der ungewohnten Anstrengung und der und schon lange andauernden Bewegung fertig zu werden versuchte. „Bin halt ein Bürogummi“, huschte es mir durch den Kopf. Ich gab mich keinen Illusionen hin: Der Weg war noch weit.
Der Wind kam immer wieder in Stössen und zerrte wie ein ungeduldiger Liebhaber an meiner Kleidung und meinem Haar. Er flüsterte durch die Blätter der Bäume, an denen ich ab und zu vorbeikam und schien sich unter Steinen zu verstecken.
Als meine Hüften zu schmerzen begannen, versuchte ich mich mit der Frage abzulenken, warum ich dieses Wetter so genoss. Ob dies vielleicht eine tief in meinen Genen verankerte Erinnerung war? Das Gefühl, dass die Zeitsteinmenschen hatten, wenn sie von einem Ort zum anderen zogen, oder gar auf der Jagd waren?
Plötzlich trieb der Wind einen weissen Plastiksack vor mir her. Ich konnte nicht erkennen, woher er kam. Das feine Material blähte sich auf und wurde dicht über den Boden gerissen. Ich schenkte meiner Umgebung wieder mehr Beachtung und versuchte mich zu orientieren. Zum Glück war der Plastiksack aufgetaucht. Ich musste nun meine Richtung ändern.
Vor mir ragte in der Ferne ein Berg auf. Erleichtert mobilisierte ich nochmal meinen Körper und ging frisch beschwingt weiter. Das Ziel vor Augen war dieser Marsch um einiges einfacher.
Als ich näher kam, konnte ich ihn entdecken. Anfangs war er nur ein kleiner Punkt. Doch ich wusste, wonach ich suchen musste. Langsam wurde der Punkt zu einer Gestalt. Es stand hoch oben, am Rand eines steilen Abhangs, der viele hundert Meter in die Tiefe führte. Bald konnte ich erkennen, dass der Wind auch an ihm riss. Dort oben musste er noch stärker sein als hier unten. Sein T-Shirt flatterte wild an seinem Körper. Ich nahm die Kopfhörer aus den Ohren, es war Zeit.
Er sprang.