Ganz kurz von W.

W. war krank. Schwer? Nein, ich denke nicht. Er hat sich auf alle Fälle nie deswegen beschwert. Weshalb hätte er das auch tun sollen? Kurz nach Ausbruch seiner Krankheit (und vor seinem Tod) sagte er mir einmal, er bedaure es nicht, krank zu sein. Er habe vorher nicht gelebt, meinte er. Anfangs war seine Krankheit auch nicht schlimm, im Gegenteil, er fühlte sich hervorragend, und mit jedem Tag, der verging, fühlte er sich noch besser. Er war glücklich.

Er lebte gerne, genoss jeden Augenblick, liebte jeden Menschen, bewunderte jede Pflanze. Doch eines Tages verkehrte sich alles ins Gegenteil. W. begann zu Leiden. Und er litt, wie er zuvor geliebt und genossen und bewundert hatte.

Sein Leiden war ebenso kurz wie sein Lieben. Bald darauf beging er Selbstmord. Es war, als ob er sein Leben gelebt hätte, als ob kein Platz mehr wäre für ihn als wäre alle Liebe und alles Leid verbraucht, in dieser kurzen, intensiven Zeit.

Ich bewunderte ihn.

Wie viele Menschen leben ihr Leben in grauer Eintönigkeit, lieben ein bisschen, leiden ein bisschen, und sterben am Ende –nein nicht ein bisschen, aber unspektakulär.

Was würde aus der Menschheit werden, wenn alle wie W. leben würden? Es gäbe keine Kinder, keine Grenzen.

Es ist wohl wenigen vergönnt, ein Leben wie W. zu führen. Ich gehöre nicht zu jenen. Doch manchmal denke ich so bei mir, dass ich sehr viel Glück hatte, W. zu kennen. Denn ein bisschen hat er sein Leben auch für mich gelebt…

14. Januar 1998
Nach der Lektüre ‚Die Leiden des jungen Werther‘