22.11.2006
„Oah, mein Rücken tut weh! Das darf doch einfach nicht wahr sein, verdammt! Dieser beschissene Rücken!… Verdammt!“, stöhnend liess ich mich in den Stuhl neben Beat fallen, allerdings nicht, ohne noch kurz vor Schmerz zusammen zu zucken. „Was ist denn mit dir los?“, fragte der mich völlig entsetzt, „Du siehst ziemlich Sch….. lecht aus.“ „Ich fühl mich auch so. Mein Rücken mal wieder. Gestern Abend wollte ich die Futterschalen meiner Katzen aufheben, um sie abzuwaschen, und da ist plötzlich ein mächtiger Stromstoss durch meinen Rücken gejagt. Ich hab wieder mal Hexenschuss.“ „Und wieso kommst du dann?“ Die Frage war natürlich berechtigt, die Antwort allerdings auch sonnenklar: „Weil wir hier anwesenheitspflichtig sind vielleicht?“ Ich versuchte, möglichst viel Sarkasmus in meine rhetorische Frage einfliessen zu lassen. „Ach komm schon, dieses eine Mal ist doch kein Problem! Wir haben zwölf Wochen Vorlesungen, zwei können wir entschuldigt und zwei unentschuldigt fehlen. Du hast bisher noch nie gefehlt.“ „Ja, okay, das stimmt. Also um ehrlich zu sein, ich will unbedingt den einen Vortrag heute hören. „Marilyn Manson – Musiker oder Monster?“, ich meine, nur schon für den Titel würde ich der Frau eine gute Note geben. „Ich gebe ja zu, das Thema ist interessant, aber du solltest wirklich nicht deine Gesundheit aufs Spiel setzen.“ „Wieso setzt Anna ihre Gesundheit aufs Spiel?“ Annabelle war gerade durch die Tür gerauscht und hatte natürlich die letzten Worte von Beat aufgeschnappt. Ich sah ihn böse an. „Ich hab mal wieder Hexenschuss, will aber heute den einen Vortrag unbedingt hören“, antwortete ich ihr pflichtschuldig. „Ach so ist das. Dann hab ich das war für dich.“ Annabelle begann in ihrer Tasche rum zu kramen und holte ihren berüchtigten Kulturbeutel hervor. Das „Reise-Necessaire“, wie wir es auf gut Schweizerdeutsch nannten. Das Ding sah völlig harmlos aus: Durchsichtige Plastikfolie, die von einem pinkfarbigen Band eingefasst war. Doch wenn Annabelle den Reissverschluss öffnete, entpuppte sich der Beutel als schwarzes Loch. Ich schwöre, Annabelle könnte darin eine Leiche verstecken! Tatsächlich schleppte sie darin ungefähr folgenden Inhalt mit sich:
– Kopfwehtabletten in drei verschiedenen Stärken
– Drei Lippenstifte, je einen in braun, hellbraun und rot
– Ein kleines Fläschchen Parfum
– Ein Fläschchen mit Augentropfen
– Einen Kugelschreiber
– Ein Feuerzeug (Annabelle war Nichtraucherin)
– Eine Reservepackung der Verhütungspille
– Lidschatten in dunkelbraun und dunkelrot mit Glitzer
– Einen kleinen Kosmetikspiegel
– Lingualtabletten gegen Übelkeit
Dies war zumindest alles, was ich bisher davon gesehen hatte. Wie gesagt, das Ding schien keinen Boden zu haben.
„Hier“, sagte sie, und hielt mir eine Tablette hin. Ich beäugte sie misstrauisch. Das chemische Zeug hatte eine geradezu übelkeiterregende grüne Farbe. Wahrscheinlich waren dafür die Lingualtabletten. „Was ist das?“, fragte ich nun skeptisch nach. Eigentlich hatte ich gehofft, das Problem „Rücken“ ohne Medikamente in den Griff bekommen zu können. Gerade sitzen, eine professionelle Massage und eine Heizdecke in der Nacht sowie zwei Tage Bettruhe hatten das letzte Mal Wunder gewirkt. „Das ist Requiam. Ist ein Schmerz- und Muskelentspannungsmittel. Wird dir helfen“, antwortete sie lapidar. „Requiam? Wie von Requiem? Was soll das bedeuten, dass ich tot umfalle, wenn ich das Zeug schlucke?“ „Von der Farbe her würde ich der Pilla das zutrauen“, warf Beat einen wenig konstruktiven Beitrag ein. „Nun hab dich nicht so. Die Farbe ist vielleicht hässlich, aber das Zeug hilft wirklich! Hier, runterschlucken!“ Sprachs und hielt mir ihre Wasserflasche hin.
Wie ein hilfloser Patient im Krankenhaus nahm ich die Tablette und die Flasche entgegen und schluckte das Teufelszeug runter.
„Ach ja, nur so als Vorwarnung: Das Zeug fährt ziemlich ein. Falls du plötzlich bunte Kreise siehst oder dich high fühlst, ist das ganz normal.“
Ich starrte Annabelle einen Moment entsetzt an und überlegte dann, ob ich auf die Toilette rennen und die Pille wieder rauswürgen sollte. In dem Moment kam unser Seminarleiter herein.
Im Nachhinein denke ich, dass Marilyn Manson wahrscheinlich gar kein so spannender und ausgeflippter Kerl ist, wie es mir damals während es Vortrags vorkam. Wobei, er ist eigentlich doch seeeehr ausgeflippt… Aber glaubt mir Leute: Jurisprudenz ist keine wertlose Wissenschaft!