7.11.2006
„Ich kann nicht mehr!“ Als ich mich umdrehte, sah ich Andrea auf einem Stein sitzen und schmollen. Himmel, wie kann man nur so verweichlicht sein? „Himmel, wie kann man nur so verweichtlicht sein“, frage ich sie, „wir sind gerade mal zwei Stunden unterwegs.“ „Ich bin aus der Stadt, ich bin es nicht gewöhnt, so weit zu laufen!“, kam die trotzige Antwort. „Glaubst du, nur weil ich vom Land komme, sei Wandern mein Hobby? Falls du es noch nicht weisst: Ich hasse Sport. Und diese verdammte Wanderung war schliesslich deine Idee!“
Was nicht ganz richtig war, eigentlich war es meine. Oder meine Erinnerung, um genauer zu sein. Als Kind, mit ungefähr neun oder zehn, war ich zusammen mit meiner Klasse auf diesen Berg geschleppt worden. Ich konnte mich schon damals kaum für den langen „Spaziergang“ erwärmen, wurde jedoch am Ende mehr als reichlich belohnt. Wir waren mühsam auf den Kroinenberg raufgelaufen, und durften dann mit einer Gondel zurück ins Tal schweben. Und dort war sie: Eine Alpwiese mit einer unglaublichen, unendlichen Anzahl an wundervollen Blumen.
Wahrscheinlich war dieses Feld einfach so überwältigend, weil ich zuvor noch nie so etwas gesehen hatte. Vielleicht wirkte die Blumenpracht so unendlich, weil ich noch klein und unerfahren war. Doch ich hatte die Wiese nie vergessen und mir seither jedes Jahr vorgenommen, im Frühsommer zum Alpfrühling auf den Kroinenberg zu laufen und die Gondel ins Tal mit der wundervollen Blumenwiese zu nehmen. Fast zwanzig Jahre lang.
Als wir wieder mal nach einer Sozialpsychologie-Vorlesung mit einem Kaffee in der Mensa sassen, kamen wir plötzlich auf das Thema Blumen. Es war Ende Mai, und draussen hatten sich bereits Krokusse, Schneeglöckchen, Osterglocken und Akelei die Klinke in die Hand gegeben.
Beat erzählte uns gerade von seiner Grossmutter, die in irgendeinem Bergkaff wohnte und den ganzen Sommer wie besessen Unkraut in ihren angebeteten und peinlich genau gepflegten Blumenbeeten jätete. Offenbar hatte die alte Dame vor einigen Jahren einen genauen Saat- und Blühplan ausgearbeitet. Ich wusste gar nicht, dass Blumen pflanzen einen solche Wissenschaft ist. Beat verdächtigte seine Oma, eine zwanghafte Persönlichkeit zu sein und freute sich auf die entsprechendne Vorlesungen in zwei Jahren. Anabelle empfahl ihm trocken, schon vorher ein paar einschlägige Bücher zu kaufen, schliesslich weiss man nie bei alten Menschen. „Ha, meine Oma stirbt sicher nicht in den nächsten zwei Jahren. Sie hat letztes Jahr eine Blume gepflanzt, die erst in drei Jahren richtig blühen wirdt, und ich denke mal, sie wird eher den eigenen Hund fressen, als sich diese Pracht entgehen zu lassen.“
Beat erzählte also von seiner zwanghaften Blumengrossmutter, und mir fiel die Blumenwiese wieder ein. Andrea schien plötzlich sehr interessiert zu sein. „Ihr seid also richtig gewandert?“, fragte sie nach. Städter sind manchmal etwas komisch. „Nein, wir hatten natürlich kleine, motorenbetriebene Miniroller dabei. Na klar sind wir richtig gewandert! Wie sollen wir sonst diesen Berg raufgekommen sein?“ Andrea schien meine zynische Antwort nicht weiter abzuschrecken. „Wann könnte die Wiese denn ungefähr blühen?“ „Hm, jetzt denke ich mal“, antwortete ich zögerlich. Mir schwandte bereit Schlimmes. Und ich wurde nicht enttäuscht: „Warum wandern wir diese Route nicht nächstes Wochenende ab? Ich wollte zwar mit Roland ins Museum, doch wandern wäre doch viel extravaganter und aufregender.“ Ich verriet Andrea nicht, dass eine Menge Leute am Wochenende wandern gehen und das daher nicht sonderlich extravagant sei, stimmte aber zu. Beat und Anabelle wollten zum Glück auch mitkommen.
Als wir uns am Sonntagmorgen am Hauptbahnhof trafen, war ich froh, dass Andrea wenigstens einmal auf mich gehört hatte. Schliesslich hatte ich sie ungefähr eine Stunde lange bequatscht, nicht zu viel Zeug in ihrem Rucksack mitzunehmen. Gemäss Wanderkarte waren wir ca. 4 Stunden unterwegs (es waren natürlich nur 2 Stunden angegeben, ich rechnete eine grosszügige Pufferzeit ein), würden also nicht an Hunger sterben. Heftpflaster, etwas Kleines zu essen und zu trinken, ein Regenschutz, mehr brauchten wir nicht als Ausrüstung. Meine Befürchtung war ja, dass Andrea im Hollywood-Stil als Wanderin aus dem Bilderbuch auftauchen würde, mit schweren Wanderschuhen, Wollsocken, Lederhosen und einem Karohemd. Ich musste ihr zugutehalten, dass sie sich auf normale Kleidung und feste Schuhe beschränkt hatte.
Andrea irritierte mich grundsätzlich, war mir manchmal sogar etwas unheimlich. Als ich sie das erste Mal sah, dachte ich gleich: „Oh, Tussi aus dem Bilderbuch.“ Sie mochte es, sich sexy und nach dem neuesten Schrei zu kleiden. Sie konnte den neuesten Klatsch über Prominente aufzählen, von denen ich nicht mal wusste, dass diese Leute berühmt sind. Vor und nach jeder Vorlesung stürmte sie aufs Damenklo, um ihr Make-up zu kontrollieren. Als sie mir gestand, dass sie leider nicht wisse, aus welchem Tier die Milch käme, war ich schockiert. Um dann wirklich sprachlos zu sein, als sie mir darauf einen Vortrag über Tierschutz in unserem Land hielt, und was daran verbessert werden könnte. Ausserdem schleppte sie ihren Freund, einen begeisterten Hip-Hop-Fan regelmässig ins Museum. Ich denke, Roland wäre lieber mit ihr shoppen gegangen.
Kurz, Andrea war zwar manchmal etwas naiv, doch grundsätzlich OK. Also war ich auch nicht zu genervt, als sie schmollend auf ihrem Stein am Wegrand sass und mir aufzuzählen begann, welche ihr bisher unbekannten Körperteile alle schmerzten. Ich grinste. „Erinnerst du dich an den Homunculus?“, fragte ich sie. Andrea sah mich völlig verständnislos an. „Ähm, ja, was ist mit dem?“ „Der sieht doch so komisch aus. Wie ein Mensch mit einem übergrossen Kopf und riesigen Händen. Die Grösse seiner Körperteile zeigt an, wieviele Rezeptoren dort sind. Auf den Händen haben wir sehr viele Berührungsrezeptoren, weil wir sie oft brauchen. Wenn ich mich richtig erinnere, sind die Füsse nicht so gross, die können also gar nicht so stark schmerzen, wie du gerade jammerst.“ Ich zwinkerte ihr zu und sie versuchte mich mit ihrem Blick zu töten. „Hei, es ist nicht mehr weit! Ich sehr die Gebäude auf dem Gipfel vom Kroinenberg!“, rief Beat von oben herunter. Wir waren schneller vorangekommen, als ich dachte. Ich hielt Andrea meine Hand hin: „Komm schon Süsse, es ist nicht mehr weit. Lass uns auf dem Gipfel dieses Hügels eine Pause machen, danach sind wir schnell bei der Schwebebahn.“ Andrea blickte noch einen Moment sehnsüchtig zu Beat rauf, der ca. 200 Meter weiter oben auf uns wartete. Er war gerade dabei, seine Bratwurst auszupacken. Andrea und ich waren in Rekordzeit oben.
„Irgendwie macht Wandern heute nicht mehr soviel Spass wie früher“, murmelte Anabelle in ihre Bratwurst. „Wieso meinst du?“, fragte Beat verblüfft. „Naja, sieh dir doch an, wo wir unsere Würste braten. Heute gibt es alle paar Kilometer eine gemauerte Feuerstelle, an der bereits Holz bereitsteht.“ „Ich weiss was du meinst“, mischte ich mich kauend ein, „früher musste man das Holz noch selber im Wald zusammensuchen. Das hier ist ja schon fast kein Wandern mehr, eher so eine Art Luxusspaziergang.“ „Also von Spaziergang kann ja wohl kaum die Rede sein“, widersprach mir Andrea vehement, und ich konnte mein Lachen gerade noch verstecken, indem ich vorgab, mich an einem Stück Bratwurst verschluckt zu haben. Beat war da weniger zimperlich und begann ungeniert zu lachen. „Ich bin schon erstaunt, dass du Stadtmaus nicht ob der sauberen Luft an einer Sauerstoffvergiftung gestorben bist“, scherzte er, und nun konnte ich mich wirklich nicht mehr zurückhalten. „Bevor ich Schwäche vor einem Landei wie dir zeige, sorge ich vorher dafür, dass eine Kuh alle Blumen deiner Grossmutter auffrisst“, erwiderte Andrea und grinste ihn frech an.
Wir alberten noch eine Weile herum. Der Aufstieg zum eigentlichen Gipfel des Kroinenberges dauerte nicht mehr lange und eine Ewigkeit. Der stetige Rhythmus, die ungewohnte Bewegung hatte uns in eine Art Trance gelullt. Als wir in der Gondel nach unten schwebten, versuchte ich die Aussicht in mich aufzusaugen, als würde ich nie mehr so eine wundervolle Berglandschaft sehen.
Im Tal wurden wir nicht enttäuscht. Das Feld war einfach überwältigend, und das Blumenmeer schien unendlich zu sein. Wir standen davor, bestaunten die vielen verschiedenen Formen und Farben und waren alle neun Jahre alt.