annas Lüge

Der Himmel hörte nirgends mehr auf. anna sass auf einer Bank im Park und starrte in das grüne Gras. Der Sommer hatte sich verspätet, so kam es ihr zumindest vor. Die ersten Versprechen wurden nicht eingehalten, die Temperaturen waren nicht gestiegen, der Frost bedeckte jeden Morgen das Land. Die Sonne schien und liess sich doch nie sehen, versteckte sich Tag für Tag hinter weissem Dunst.

Die Verkäuferin zog die Artikel mit geübter Bewegung über das Checkfeld für den Strichcode. Der Computer liess jedesmal ein bestätigendes Pipen ertönen und listete die Lebensmittel auf. Statt Backpulver stand da Vanillinzucker. Beides kostete gleichviel.

Ich lag in annas Armen. „Erzähl mir eine Lüge“, bat ich sie.

Die Nacht hatte ihr Gesicht bereits bedeckt. Nur das gelbe Licht einer Strassenlampe hier und da. anna ging durch die Strassen und vergass für kurze Zeit ihre Angst. Jeder Schritt wirkte befreit. Bis die Sonne aufging.

„Nein, heute habe ich keine Zeit. Und nein, morgen habe ich auch keine Zeit. Ich habe auch übermorgen keine Zeit, und an dem Tag danach. Niemehr, niemals mehr habe ich Zeit für dich!“

„Mein Leben“, antwortete anna. Sie blickte auf, sah ihm in die Augen. Ihr Blick war durchdrungen von Schmerz und Müdigkeit. Sie wurden weiss und verloren ihre Farbe, und die ganze Welt war nur noch grau.

Dies ist meine Lüge. Ich belüge dich, der du diese Worte liest. Ich belüge dich, die du meine Zeilen überfliegst. Dies sei mein Bekenntnis. Ich leide. Ich leide an dir.

26. April 2002