26.11.2006
“Hallo Emanuel”, sprach ich ihn an. Das war sicher nicht die einfallreichste Einleitung, aber verdammt, es ging auch nicht darum, einen Nobelpreis in Rhetorik zu gewinnen. „Hei Anna. Wie geht’s?“ Toll, ich war einfach der Oberverlierer. Völlig ungeeignet für solche Gespräche. Mir fiel nicht mal ein, mich nach seinem Befinden zu erkundigen. „Danke, gut. Du, ich wollte dich was fragen.“ Nun war ich wirklich kurz davor, auf den Tisch zu kotzen. Das würde sicher total viel Eindruck machen. Einen schlechten natürlich. Tolle Geschichte für meine Enkel: „Tja meine Lieben, euer Opa und ich, wir sind uns näher gekommen, nachdem ich mich an der Uni über ihn übergeben habe. So war das damals. Ja ja, die guten alten Zeiten.”
Einen Moment war ich irritiert, schon so weit zu denken, dann fiel mir wieder ein, dass ich im Jetzt und Hier war und ihn fragen musste. Emanuel sah mich bereits wartend an. Okay, tief Luft holen: „Hast du am Freitag schon was vor?“ “Ähm, ich muss am Vormittag arbeiten, und am Nachmittag ist ja das Proseminar…” Na super, er hatte offenbar keine Lust. Kein Mensch, beantwortet eine so offensichtliche Frage, die garantiert nicht auf seine Tagespläne, sondern auf den Abend abzielte, so bescheuert. „…warum?“ Oh. Er hat gefragt, warum… „Naja, am Freitag ist ja die Psychoparty, und ich hab mich gefragt, ob du Lust hast, mit mir da hin zu gehen – falls du nicht schon eine Begleitung hast?“ Falls ja, würde ich sie finden und töten müssen. Nachdem ich mich endlich getraut hatte, ihn zu fragen, musste er einfach mit mir gehen. Dahin meine ich natürlich.
„Das ist eine gute Idee! Ich hatte letztes Jahr ein total schlechtes Gewissen, dass ich wegen dieser lächerlichen Sache nicht zusagen konnte. Jetzt haben wir ja nochmal eine Chance. Ich freu mich, wann treffen wir uns wo?“ „Die letzte Vorlesung am Freitag ist ja um 19 Uhr fertig. Da lohnt es sich für mich nicht, nochmal nach Hause zu fahren. Ich warte also hier und bin ab dann verfügbar.“ „Wie wäre es dann mit Abendessen? Ich könnte uns was kochen. Magst du Pizza?“ „Ich liebe Pizza! Soll ich was mitbringen? Eine Flasche Wein?“ „Das wäre perfekt. Dann also Abendessen und Psychoparty am Freitag.“ Ich sah ihn strahlend an. „Super! Ok, wir sehen uns ja noch, ich muss nun in die Mensa, Annabelle und Beat wollen nochmal das Kovariationsprinzip durchgehen. Bis später.“ „Ja, bis später.“ Emanuel erwiederte mein Strahlen.
Auf dem Weg zur Mensa begann ich zu befürchten, dass meine Gesichtsmuskulatur bis Freitag vollständig gelähmt wäre. Als ich bei Annabelle und Beat ankam, reiche ein Blick: „Er hat ja gesagt!“, stellte Annabelle mit einem begeisterten Tonfall fest. „Hat er! Ja, hat er wirklich! Oh du meine Güte, ich kann es einfach nicht glauben, er hat ja gesagt! Und mich erst noch zum Abendessen bei sich eingeladen! Ich glaub ich sterbe!“ „Kein guter Zeitpunkt, das solltest du auf Samstag verschieben“, kommentierte Beat grinsend meinen kleinen Freudesausbruch. „Gute Idee. Meine Oma hatte doch Recht“, stiess ich atemlos hervor. „Womit denn?“, wollte Annabelle wissen. „Meine Oma sagte immer: „Gut Ding will Weile haben. Obwohl ich ein Jahr für eine verdammt lange Zeit halte. Aber ich will mich nicht beklagen. Abendessen!“ Das Leben ist wundervoll!