Der Kurs III

26.11.2006

„Annabelle?“. Als ich mich suchend umdrehte, kam Annabelle mit unseren Taschen auf uns zu. „Ich weiss nicht wie es euch geht, aber ich will hier weg. Das ist kein sehr sicherer Ort, falls ein Erdbeben stattfindet, oder Meteoriten runterkommen.“ „Sollten wir dann nicht lieber einen Luftschutzkeller aufsuchen?“, warf ich fragend ein. „Oder eine Kirche?“, ergänzte Beat. Ich sah ihn strafend an. „Wir wollen jetzt nicht melodramatisch werden, mein Lieber“, tadelte ich ihn. „Na du als Atheistin hast es gut, du wirst ja eh nix davon mitkriegen, aber ich werde bald gerichtet werden!“, erwiderte Beat. „Hier wird niemand gerichtet! Zumindest nicht, wenn ich es verhindern kann“, mischte sich Annabelle wieder ein und drückte uns unsere Taschen in die Hände. Mir war zwar nicht klar, was die uns nützen sollten, doch ich wollte ihr nicht widersprechen. Sie hatte ein gefährliches Blitzen in den Augen. „Was schlägst du vor, wo wir hingehen sollen?“, fragte ich sie. „Ich bin heute mit dem Auto hier und hab es im Parkhaus da vorne abgestellt. Mein Gefühl sagt mir, wir sollten aufs Land fahren.“ Ich nickte nur und legte der knienden Hanna meine Hand auf die Schulter. Sie zuckte zusammen, blickte dann zu mir auf. „Komm Hanna, wir müssen weg von hier“, erklärte ich ihr, und zog sie auf die Füsse. Wie in Trance liess sie sich von mir leiten. „Wieso nimmst du sie mit?“, zischte mir Beat zu. „Sie kennt offenbar die Bibel genau. Kann nicht schaden, so jemanden dabei zu haben“, erwiderte ich.

Als Annabelle zu den Automaten eilte, um das Ticket zu zahlen, musste ich lachen. „Bist du sicher, dass die überhaupt funktionieren? Oder die Schranken?“, fragte ich sie. „Du hast Recht“, stimmte sie mir zu. Wortlos erklommen wir die Treppen in die dritte Parkebene und setzten uns in ihr Auto. In den Nachrichten hatten wir ja gehört, dass Fahrzeuge, die nicht auf Strom angewiesen waren, offenbar noch funktionierten.

Als wir uns der Schranke näherten, trat Annabelle härter aufs Gas. Wie in einem Abenteuerfilm rasten wir durch sie durch, und das dünne Holz zersprang in alle Richtungen. Beat hatte neben Annabelle Platz genommen, und ich musste mir hinten Hannas gemurmelte Gebete anhören. Zum Glück konnte ich kaum etwas verstehen. Sie hätte mich sonst vom Denken abgelenkt. Als wir das Parkhaus verliessen, konnten wir Zeichen am Himmel entdecken. Ich beugte mich vor, um sie besser sehen zu können.

„Was ist das?“, fragte Beat erstaunt. „Das sind Engelszeichen“, antwortete ich. „Engelszeichen? Machst du Witze? Woran erkennst du das?“ Seine Stimme hatte schon wieder einen unangenehmen Unterton. Ich hoffte, dass er nicht durchdrehen würde. „Die Zeichen sehen ein wenig wie Runen aus, haben aber an den Enden aller Striche einen kleinen Kreis. Ich hab sie das erste Mal in einem Film gesehen, „God’s Army“ heisst der. Später sah ich sie auch in einem Buch über Engel.“ „Du kennst dich mit Engel aus?“, hauchte Hanna. „Auskennen kann man das nicht nennen. Ich weiss ein wenig über sie, aber nur Bruchstücke. Oh du meine Güte!“ „Was? Was ist?“ Beats Stimme war nun seine Panik deutlich anzuhören. „Das sind die Zeichen der Erzengel! Die werden doch jetzt wohl nicht die Erzengel auf uns loslassen? Ist das überhaupt so geplant? Hanna?“, fragend wandte ich mich ihr zu. Pflichtbewusst unterbrach sie ihr Gebet und begann zu rezitieren:

„Danach sah ich vier Engel stehen an den vier Ecken der Erde, die hielten die vier Winde der Erde fest, damit kein Wind über die Erde blase noch über das Meer noch über irgendeinen Baum. Und ich sah einen andern Engel aufsteigen vom Aufgang der Sonne her, der hatte das Siegel des lebendigen Gottes und rief mit großer Stimme zu den vier Engeln, denen Macht gegeben war, der Erde und dem Meer Schaden zu tun: Tut der Erde und dem Meer und den Bäumen keinen Schaden, bis wir versiegeln die Knechte unseres Gottes an ihren Stirnen.
Und ich hörte die Zahl derer, die versiegelt wurden: hundertvierundvierzigtausend, die versiegelt waren aus allen Stämmen Israels.“

Ich war verwirrt. Offenbar wurde gerade die Ankunft der Erzengel angekündigt, doch von denen war nicht die Rede in diesem Text. Andererseits hatte sich auch der erste Teil dieser seltsamen Apokalypse nicht sehr genau ans Drehbuch gehalten. Ob hier auch andere Glaubensrichtungen einflossen? „Was haben die vor mit uns, Anna. Wieso schickt Gott uns seine mächtigsten Engel?“, fragte Beat flehentlich. Woher sollte ich das bloss wissen? Ich beschloss, ihn mit etwas Engels-Fachwissen abzulenken.

„Keine Angst, das sind nicht die mächtigsten Engel. Die Erzengel sind nur die bekanntesten. Die Engel sind in neun Chöre aufgeteilt, die aus drei Triaden bestehen. Die Erzengel gehören mit den gewöhnlichen Engeln und den Fürstentümern zur untersten Triade. Zur Mittleren gehören die Herrschaften, Mächte und Gewalten. Frag mich nicht, wieso die so heissen. Die oberste Triade bilden die Throne, die Cherubim und die Seraphim. Falls wirklich Engel erscheinen, haben wir es wahrscheinlich mit solchen aus der untersten Triade zu tun. Die Seraphim sind zum Beispiel die ganze Zeit damit beschäftigt, um den Thron Gottes zu kreisen und ein heiliges Loblied zu singen. Insofern macht es Sinn, dass dort oben Erzengelzeichen stehen.“ „Erkennst du welche davon?“ „Buh, es ist schon ziemlich lange her, dass ich mir den Film angesehen habe, und in meinem Buch sind die Zeichen nicht abgebildet. Wenn ich mich richtig erinnere, ist das komische da oben rechts…“, ich versuchte, darauf zu zeigen, „… das Zeichen von Michael. Wenn ich mich richtig erinnere, bedeutet sein Name „Wer ist wie Gott“, und er war nach Jesus und Luzifer der drittliebste Engel Gottes.“ „Jesus und Luzifer waren Engel?“ Beat sah mich schockiert an. „Das über Jesus hatte ich in diesem Buch gelesen, kann ich also nicht beschwören, aber zu Luzifer sag ich nur: Beat, wie hast dus in dieses Studium geschafft? Das gehört nun wirklich zur Allgemeinbildung.“ Er schien sich meinen Tadel zu Herzen zu nehmen, also fuhr ich fort: „Das Zeichen dort drüben könnte „Gabriel“ darstellen. Was mich etwas überrascht. Sie war es, die Maria die Geburt Jesu ankündigte.“ „Sie?“ „Ja, gemäss manchen Theorien ist Gabriel ein weiblicher Engel. Und nein, ich weiss nicht mehr, wieso man darauf gekommen ist. Wenn wir das hier überleben, geb ich dir mal mein Buch. Weiter, das da unten sieht nach Uriel aus. Schlecht für uns. Uriel ist der Engel, der das Paradies mit seinem Flammenschwert bewacht, und gilt auch als der Engel mit den schärfsten Augen. Das Zeichen links davon ist wahrscheinlich „Metatron“.“ „Metatron? Wie der Engel aus dem Film „Dogma“?“ Ich rollte mit den Augen. Manche Leute hatten ihre Bildung offensichtlich aus dem Fernsehn. „Ja, genau der. Die anderen Zeichen kenne ich nicht. Also wenn ihr mich fragt, wenn diese Kerle tatsächlich auftauchen, ist die Kacke hier auf Erden wirklich am dampfen.“

Schweigen fuhren wir weiter, offenem Land entgegen.