Ich kannte den Maler schon viele Jahre. Er hatte eine schwermütige Seele doch ein freundliches Wesen. Vielleicht war es das, was uns trotz unterschiedlichen Wegen all die Zeit verband.
Er hatte verlauten lassen, er würde mit dem malen aufhören. Zu seiner letzten Ausstellung kamen viele Leute. Kuriose Geister und reiche Mäzene. Die Malerei hatte ihm eine einigermassen gesicherte Existenz ermöglicht. Er konnte nicht gerade wie Gott in Frankreich leben, doch das wollte er auch nicht. Das entsprach nicht seinem Naturell. Ein anderer Maler klopfte meinem Freund während der Ausstellung auf den Rücken und lobte seinen klugen Zug, durch angebliche Beendigung seines Malens die Preise seiner bestehenden Bilder in die Höhe zu treiben. Mein Freund war empört über diese Unterstellung und erklärte dem anderen, dass dies keineswegs seine Absicht sei. Der andere zwinkerte ihm daraufhin verschwörerisch zu und meinte nur, das sei ja keine Schande. Ausserdem glaube er als ebenfalls hauptberuflicher Maler, dass der andere sowieso nicht ganz mit malen aufhören werde. Das sei ihm im Blut, das könne er nicht einfach abschalten.
Diese Unterhaltung hatte ich schon wieder vergessen, als ich nun auf dem Weg zum Maler war. Ich betrat sein Atelier und sah ihn an seiner Staffelei arbeiten. Leise nahm ich mir einen Stuhl und setzte mich hinter ihn, um ihm bei der Arbeit zu zu sehen. Ich hatte ihm auch einmal Modell gelegen. Es war sehr anstrengend, und ich hatte danach jeweils tagelang Muskelkater.
Er hatte mir immer wieder gesagt, ich solle mich entspannen, doch es gelang mir einfach nicht. Später waren meine Gesichtszüge auf dem Bild verzerrt, als würde mich ein unangenehmer Bekannter daran hindern, meinen Bus zu erwischen. Ich hatte dem Maler das Bild abgekauft, darauf hatte ich bestanden. Damals hatte es mich einen halben Monatslohn gekostet. Wo immer ich arbeitete, hing es gegenüber an der Wand. Es erinnerte mich an meinen Vorsatz, dass meine Arbeit mir Freude machen soll. Wann immer sich meine Gesichtszüge so verkrampft wie auf dem Bild anfühlten, war es Zeit zu gehen. Ich sass nun hinter dem Maler und beobachtete ihn, wie ich es oft getan hatte. Im Gegensatz zu anderen Künstlern glaubte er nicht, dass es Unglück bringen würde, andere seine Bilder vor deren Vollendung sehen zu lassen.
Er malte eine düstere Landschaft, der Pinsel strich vorsichtig Schwarz und Grau auf die Leinwand. Dafür war er bekannt geworden, für diese seltsamen Traumlandschaften, die nur ihm verständlich waren. Auch auf meinem Bild lag ich vor solch einem Hintergrund, rot schimmerte er wie eine Aura um mich und dunkle Schatten drängten mir zu.
Der Maler war fertig mit seinem Bild, setzte mit vorsichtigen Strichen seine Signatur darunter und erhob sich dann, um mich herzlich zu begrüssen.
Ich sprach ihn sogleich auf sein neues Bild an. Es entsprach nicht seiner Gewohnheit, er hatte immer grossformatige Leinwände bevorzugt, dieses jedoch war klein, kaum ein halber Meter auf zwanzig Zentimeter. Er nahm die Leinwand mit der noch feuchten Farbe von der Staffelei, hielt sie mit Daumen und Zeigefinger jeweils in der Mitte oben und unten, und begann sie langsam zu drehen. Als mir die Vorderseite wieder zugewandt war, war das Bild verschwunden. Nur noch weisses Leinen. Warum er das gemacht habe, fragte ich ihn. Er antwortete traurig: „Sie allen entdecken eine Seite in mir, die ich nicht mehr finde.“
In meinem Büro empfing mich am nächsten Tag eine weisse Leinwand. Der Maler, so erfuhr ich später, war über Nacht gestorben. Meine Arbeit macht mir immer noch Freude.
Nach einem verstörenden Traum
30. April 2001