Die Wahrheit ist: ich fühle mich alt. Nicht das Alter der Weisheit, das Alter der Kraftlosigkeit erfüllt meinen Körper, der, nach den Erklärungen meines alten Biolehrers, in der grössten Schönheit meines Lebens steht. Manchmal überwältigt mich eine Traurigkeit und mir ist, als müsse ich um alle Menschen weinen, trauern um die Unglücklichen, Gekränkten, um die Toten, und jene, die dennoch leben. Doch am Ende muss ich erkennen, wie leer mein Leben ist und dass alle Tränen nur mir selber gelten. Ich werde nie Grosses bewirken kännen, gefangen in Zufriedenheit und einem Grössenwahnsinn der Gedanken. Es gibt keinen Ausweg, es braucht keinen zu geben. Ich wünschte mir Freiheit, die Freiheit, so zu leben, wie ich es in mir fühle.
Doch mir fehlen die Mittel und die Kraft. Auch jene halbe Ewigkeit lässt sich nicht leben, sie wurden verpasst, ich kann keine Klasse mehr wiederholen. Und so fühle ich mich von Tag zu Tag schwächer und fühle mich traurig und fühle mich allein und bin doch zufrieden und wünsche mir dennoch den Frieden, den mir nur mein Abraxas geben kann, in seinen Armen, mit seinem Atem, seinem Herzschlag, seiner Liebe. Der Gedanke an ihn erhält mich aufrecht, längst reicht die Einsicht der Notwendigkeit einer Ausbildung nicht mehr. Guter Abraxas, wie hilfst Du Deiner gottlosen Geliebten, wie bewahrst Du sie vor der drohenden Dunkelheit. Mir bleibt nur zu schlafen und zu träumen, und mir mein Leben nicht anders zu wünschen, trotz der Kraftlosigkeit, trotz der Eintönigkeit, trotz der Hoffnungslosigkeit. Und der gute Gott verhindert, dass ich mich zu schämen brauche meines Selbstmitleides, denn in ihm darf ich sein, wie es in mir lebt.
21. April 98