Der Totenzug

Ausgerissen, endlich weg von zu Hause! Viele setzen das Ausreissen mit der Romantik der Cowboys aus der Malboro-Werbung glich, andere verdammen es wie die Hölle selbst. Das es aber auch ganz anders sein kann, habe ich erlebt.

Ich bin abgehauen, über die Gründe muss ich wohl kaum sprechen, sie gleichen sich bei allen Ausreissern, Krach mit den Eltern, Stress mit den Lehrern, Notendruck. Ich packte meine Sachen, ging zum Bahnhof und verlangte eine Fahrkarte für alles Gelt, das ich hatte. Der Schalterbeamte lächelte mich an, bückte sich unter die Theke und zog eine rote Fahrkarte hervor. Langsam schob er sie unter der Trennscheibe hindurch. Was es koste, fragte ich etwas erstaunt. Nichts, sagte er immer noch lächelnd. Für welche Route die Fahrkarte gültig sei? Für jede Route, antwortete er. Ich verliess den Schalterraum und stieg in einen wartenden Zug ein. Nachdem er angefahren war, kam der Schaffner. Er fragte nach meinem Fahrschein. Etwas schüchtern gab ich ihm den meinen. Er sah ihn an, holte dann langsam einen ‚Knipser‘‘ aus seiner Tasche und lochte meine Karte. Lächelnd gab er sie mir zurück. Mir schien, als hätte das Loch die Form eines Totenschädels. Als ich wieder aufblickte, lachte mich der Schaffner aus leeren Augen an und sagte: „Willkommen im…“. Das letzte Wort konnte ich nicht hören, wohl sprach er es aus, doch kein Ton kam über seine Lippen.

Seit jener Zeit sitze ich hier, aussteigen ist nicht möglich, denn er hält nicht mehr, der Totenzug…

29. März 96