Der Totenzug

Ausgerissen, endlich weg von zu Hause! Viele setzen das Ausreissen mit der Romantik der Cowboys aus der Malboro-Werbung glich, andere verdammen es wie die Hölle selbst. Das es aber auch ganz anders sein kann, habe ich erlebt.

Ich bin abgehauen, über die Gründe muss ich wohl kaum sprechen, sie gleichen sich bei allen Ausreissern, Krach mit den Eltern, Stress mit den Lehrern, Notendruck. Ich packte meine Sachen, ging zum Bahnhof und verlangte eine Fahrkarte für alles Gelt, das ich hatte. Der Schalterbeamte lächelte mich an, bückte sich unter die Theke und zog eine rote Fahrkarte hervor. Langsam schob er sie unter der Trennscheibe hindurch. Was es koste, fragte ich etwas erstaunt. Nichts, sagte er immer noch lächelnd. Für welche Route die Fahrkarte gültig sei? Für jede Route, antwortete er. Ich verliess den Schalterraum und stieg in einen wartenden Zug ein. Nachdem er angefahren war, kam der Schaffner. Er fragte nach meinem Fahrschein. Etwas schüchtern gab ich ihm den meinen. Er sah ihn an, holte dann langsam einen ‚Knipser‘‘ aus seiner Tasche und lochte meine Karte. Lächelnd gab er sie mir zurück. Mir schien, als hätte das Loch die Form eines Totenschädels. Als ich wieder aufblickte, lachte mich der Schaffner aus leeren Augen an und sagte: „Willkommen im…“. Das letzte Wort konnte ich nicht hören, wohl sprach er es aus, doch kein Ton kam über seine Lippen.

Seit jener Zeit sitze ich hier, aussteigen ist nicht möglich, denn er hält nicht mehr, der Totenzug…

29. März 96

Zugfahrt I

Seit eineinhalb Jahren fahre ich täglich mit dem Zug zur Schule. Noch nie war mir etwas Seltsames dabei passiert.

Auch jener Tag hätte ganz normal werden sollen, denn er begann ganz normal. Ich stand um fünf Uhr auf, duschte, trank zwei Tassen Kaffee und verliess eine Stunde später mit dem Mofa das Haus. Draussen empfing mich ein schöner Frühlingsmorgen, noch war es etwas kühl, aber auch wunderbar klar. Am Horizont erschien das erste Morgenrot und in den Bäumen zwitscherten die Vögel in einem hundertstimmigen Chor. Die ersten Sonnenstrahlen fielen auf die Häuserdächer, als ich mein Mofa abstellte. Um halb sieben traf der Regionalzug am Bahnhof ein und ich setzte mich wie gewöhnlich im zweiten Abteil des zweitletzten Waggons auf den Fensterplatz gegen die Fahrtrichtung. So konnte ich nämlich den Sonnenaufgang betrachten, einer der wichtigsten Gründe, weshalb ich nie den späteren Schnellzug nehme. An jenem Morgen nickte ich ganz gegen meine Gewohnheit ein. Als ich wieder erwachte, hatte ich den Sonnenaufgang verpasst und befand mich nur noch eine Station von meinem Ziel entfernt. Im Waggon war es sonderbar still, auf der ganzen bisherigen Strecke schienen keine neuen Reisenden eingestiegen zu sein. Nur mir gegenüber sass ein lächelnder Mann. Ich bin nicht sonderlich gut im Schätzen des Alters, doch er musste so um die Dreissig gewesen sein. Er hatte ein schmales Gesicht mit messerscharfen Zügen. Seine dezenten Augenbrauen und die lange gerade Nase gaben ihm irgendwie ein… antikes Aussehen. Seine pechschwarzen Haare waren kurzgeschnitten, und er war vollkommen schwarz gekleidet. Seine Augen bildeten zu alledem einen seltsamen Kontrast. Sie waren von einem intensiven Hellblau und schienen unter den Stirnsträhnen hervorzuleuchten. Seine Lippen waren zu einem dauernden Lächeln verzogen. Unwillkürlich musste ich zurücklächeln. So sassen wir da, ich starrte ihn an, er lächelte mir zu, und schliesslich hätte ich beinahe meine Station verpasst. Als der Zug stehen blieb, schreckte ich auf und griff eilig nach meiner Tasche. Schüchtern quäkte ich ein „Auf Wiedersehen“ hervor und verliess den Waggon. Bevor ich jedoch ganz aus der Tür trat, blickte ich noch einmal zurück. Er hatte sich erhoben und stand im Durchgang. Lässig lagen seine Hände rechts und links auf den Kopflehnen. Lächelnd rief er mir nach: „Auf Wiedersehen!“ Ein eisiger Schauer lief über meinen Rücken und ich verliess schnell den Waggon. Als ich mich nochmals umdrehte, war der Zug weg.

In der Schule erfuhr ich dann, dass mein Zug schwer verunglückt war. Es hatte trotz der frühen Morgenstunde zahlreiche Verletzte und sogar Tote gegeben. Die Bahnstrecke musste für einige Tage gesperrt werden, und so holte mich meine Mutter mit dem Auto ab. Als wir an der Unglücksstelle vorbeifuhren, lief mir wieder ein eiskalter Schauer über den Rücken. Schliesslich passiert es nicht jeden Tag, dass der Tod einen Menschen persönlich zur Schule bringt. Und ich werde ihn wieder sehen…

3. März 1997

Zugfahrt II

Ich sass im Zug. Wieder. Es wieder. Jeden Tag. Morgens. Abends. Hin und zurück.

An jenem Tag war ich auf dem Heimweg. Müde von der Arbeit schaute ich abwesend aus dem Fenster. Draussen war es grün geworden, der Winter hatte das Land lange in seiner Hand gehabt. Ich genoss die frischen Wiesen, bewunderte die Schönheit der neuen Blätter. Es war wunderbar, ohne Zweifel. Der Zug war voll mit Leuten, dich wie ich nach Hause wollten. Viele unterhielten sich. Manche schliefen, andere hörten Musik. Sie störten mich nicht.

Plötzlich wandte ich meinen Blick ab vom Fenster. Jemand war neben meinen Platz getreten. Ich sah auf und erkannte die Augen wieder, die mich erkannten. Es war der Tod.

Ich fühlte, wie sich meine Brust zusammenzog. Alle Haare begannen sich aufzustellen. Kalter Schweiss brach mir aus. „Hallo“, hauchte ich atemlos. Der Tod sah mich lächelnd an. Ich kannte ihn von einer anderen Begegnung. Noch immer war er schön. Mit schwarzen Haaren, blauen Augen, schwarz gekleidet. Die Lippen zu einem ewigen Lächeln verzogen. Ich staunte über ihn, fasste mich wieder und fragte dann etwas schüchtern: „Was tust du hier?“ Sein Lächeln wurde etwas breiter, doch er blieb stumm. „Bist du wegen mir hier?“, hackte ich nach. Er blickte mich weiter ohne ein Wort zu sagen, an. Die Frauen, die mir gegenüber sassen, unterbrachen ihr Gespräch und sahen den gutaussehenden Fremden neugierig an, der da so stumm lächelnd neben mir stand. Ich war mir ihres Lauschens unangenehm bewusst, als ich weiterfragte: „Wird etwas mit diesem Zug passieren?“ Der Tod beugte sich lächelnd zu mir hinab und küsste mich. Einen Moment war mir, als sähe ich Gesichter von Menschen, alten, jungen, schmerzverzerrt und selig lächelnd, schreiend und lachend, Soldaten, Hausfrauen, Abwarte, Schulkinder, Computerleute, Wissenschaftler, Höhlenmenschen, Künstler, sie alle, alle sah ich, in einem Moment, einer Sekunde, einem Augenblick.

Dann war es vorbei. Der Tod schenkte mir ein letztes Lächeln. Sagte: „Auf Wiedersehen“ und drehte sich um. Ging den Gang entlang und verschwand.

6. Mai 2001

Die andere Seite I

Ich sass im Zug. Draussen war es noch dunkel, meine Uhr bestand darauf, dass es sechs Uhr dreissig sei. Ich war müde. Das eintönige Rattern der Räder wirkte beruhigend und so lehnte ich meinen Kopf ans Fenster und starrte hinaus. Alles was ich erkennen konnte, war der Boden neben den Gleisen und natürlich die Spiegelung der Bänke im Fenster. Ein anderer Fahrgast betrat das Abteil und setzte sich auf die Bank zu meiner Linken. Im Spiegel sah es so aus, als sei sein Geist etwas zu gross für den Körper, als schwebe er einige Zentimeter um ihn herum. Ein weiterer Fahrgast setzte sich dem anderen gegenüber und begann sich lächelnd mit ihm zu unterhalten. An der nächsten Station standen die beiden auf und verliessen den Waggon. Ich beobachtete sie im Spiegelfenster. Der zweite Reisende liess dem ersten den Vortritt. Ich wendete meinen Kopf um ihn etwas genauer zu betrachten, doch da war niemand! Ich blickte wieder in den Spiegel. Dort stand er und lächelte mich traurig an. Dann verschwand er. Ich war verblüfft, schob das Ereignis aber auf meine Müdigkeit. Ich starrte weiter in den Spiegel. Dann kam der Schaffner. Auch er war nur ein Geist, aus den Augenwinkeln sag ich die Leere neben mir. Ich suchte nach meinem Portemonnaie und zog meine Fahrkarte heraus. Dann streckte ich meine Hand zum Gang aus und korrigierte die Richtung mit Hilfe des Spiegelbildes. Eine seltsame Pantomime. Der Schaffner nahm die Fahrkarte lächelnd entgegen, knipste sie ab und gab sie mir zurück. Ich riss meinen Blick vom Bild im Spiegel und betrachtete das Stück Papier in meiner Hand. Ein kleines Loch grinste mir entgegen. Als ich den Kopf wieder hob, sass ich im Spiegel. Im Fenster zu meiner Rechten konnte ich auf der leeren Bank meine Mappe erkennen. Der Schaffner stand neben mir und lächelte. Ich lächelte zurück und stand dann auf. Der Zug auf der anderen Seite füllte sich langsam mit Menschen. Sie sprachen aufgeregt miteinander, doch hier, wo ihre Geister sichtbar waren, schwiegen sie. Ich lief die Reihen entlang, setzte mich manchmal hin und unterhielt mich mit den Fahrgästen. Manchmal sah ich hier auch zwei, die sich wirklich unterhielten, doch im Fenster schwiegen sie sich nur an. Ich beneidete diese Menschen um ihre stumme Zwiesprache. Ich lächelte. Ich lächelte nun immer. Ich war glücklich.

Zum ersten Mal in meinem Leben wirklich glücklich…

7. Dezember 1996

Die andere Seite II

Ich sass im Zug. Draussen war es noch dunkel, meine Uhr bestand darauf, dass es sechs Uhr dreissig sei. Ich war müde. Das eintönige Rattern der Räder wirkte beruhigend und so lehnte ich meinen Kopf ans Fenster und starrte hinaus. Alles was ich erkennen konnte, war der Boden neben den Gleisen und natürlich die Spiegelung der Bänke im Fenster. Ein anderer Fahrgast betrat das Abteil und setzte sich auf die Bank zu meiner Linken. Im Spiegel sah es so aus, als sei sein Geist etwas zu gross für den Körper, als schwebe er einige Zentimeter um ihn herum. Ein weiterer Fahrgast setzte sich dem anderen gegenüber und begann sich lächelnd mit ihm zu unterhalten. An der nächsten Station standen die beiden auf und verliessen den Waggon. Ich beobachtete sie im Spiegelfenster. Der zweite Reisende liess dem ersten den Vortritt. Ich wendete meinen Kopf um ihn etwas genauer zu betrachten, dich da war niemand! Ich blickte wieder in den Spiegel. Dort stand er und lächelte mich traurig an. Dann verschwand er. Ich war verblüfft, schob das Ereignis aber auf meine Müdigkeit. Ich starrte weiter in den Spiegel. Dann kam der Schaffner. Auch er war nur ein Geist, aus den Augenwinkeln sag ich die Leere neben mir. Ich suchte nach meinem Portemonnaie und zog meine Fahrkarte heraus. Dann streckte ich meine Hand zum Gang aus und korrigierte die Richtung mit Hilfe des Spiegelbildes. Eine seltsame Pantomime. Der Schaffner nahm die Fahrkarte lächelnd entgegen, knipste sie ab und gab sie mir zurück. Ich riss meinen Blick vom Bild im Spiegel und betrachtete das Stück Papier in meiner Hand. Ein kleines Loch grinste mir entgegen. Als ich den Kopf wieder hob, sass ich im Spiegel. Im Fenster zu meiner Rechten konnte ich auf der leeren Bank meine Mappe erkennen. Der Schaffner stand neben mir und lächelte. Ich lächelte zurück und stand dann auf. Der Zug auf der anderen Seite füllte sich langsam mit Menschen. Sie sprachen aufgeregt miteinander, doch hier, wo ihre Geister sichtbar waren, schwiegen sie. Ich lief die Reihen entlang, setzte mich manchmal hin und unterhielt mich mit den Fahrgästen. Manchmal sah ich hier auch zwei, die sich wirklich unterhielten, doch im Fenster schwiegen sie sich nur an. Ich beneidete diese Menschen um ihre stumme Zwiesprache. Ich lächelte. Ich lächelte nun immer. Ich war glücklich. Zum ersten Mal in meinem Leben wirklich glücklich.

Blick- In den letzten Monaten verschwanden auf unerklärliche Weise immer wieder Leute aus den Zügen der SBB. Von den Vermissten ist meist nur noch ein Koffer, eine Schulmappe oder ein Mantel zu finden, der im Abteil zurückgelassen wurde. Die Polizei vermutet…

Ich war wirklich glücklich

7. Dezember 1996