Ich sass im Zug. Wieder. Es wieder. Jeden Tag. Morgens. Abends. Hin und zurück.
An jenem Tag war ich auf dem Heimweg. Müde von der Arbeit schaute ich abwesend aus dem Fenster. Draussen war es grün geworden, der Winter hatte das Land lange in seiner Hand gehabt. Ich genoss die frischen Wiesen, bewunderte die Schönheit der neuen Blätter. Es war wunderbar, ohne Zweifel. Der Zug war voll mit Leuten, dich wie ich nach Hause wollten. Viele unterhielten sich. Manche schliefen, andere hörten Musik. Sie störten mich nicht.
Plötzlich wandte ich meinen Blick ab vom Fenster. Jemand war neben meinen Platz getreten. Ich sah auf und erkannte die Augen wieder, die mich erkannten. Es war der Tod.
Ich fühlte, wie sich meine Brust zusammenzog. Alle Haare begannen sich aufzustellen. Kalter Schweiss brach mir aus. „Hallo“, hauchte ich atemlos. Der Tod sah mich lächelnd an. Ich kannte ihn von einer anderen Begegnung. Noch immer war er schön. Mit schwarzen Haaren, blauen Augen, schwarz gekleidet. Die Lippen zu einem ewigen Lächeln verzogen. Ich staunte über ihn, fasste mich wieder und fragte dann etwas schüchtern: „Was tust du hier?“ Sein Lächeln wurde etwas breiter, doch er blieb stumm. „Bist du wegen mir hier?“, hackte ich nach. Er blickte mich weiter ohne ein Wort zu sagen, an. Die Frauen, die mir gegenüber sassen, unterbrachen ihr Gespräch und sahen den gutaussehenden Fremden neugierig an, der da so stumm lächelnd neben mir stand. Ich war mir ihres Lauschens unangenehm bewusst, als ich weiterfragte: „Wird etwas mit diesem Zug passieren?“ Der Tod beugte sich lächelnd zu mir hinab und küsste mich. Einen Moment war mir, als sähe ich Gesichter von Menschen, alten, jungen, schmerzverzerrt und selig lächelnd, schreiend und lachend, Soldaten, Hausfrauen, Abwarte, Schulkinder, Computerleute, Wissenschaftler, Höhlenmenschen, Künstler, sie alle, alle sah ich, in einem Moment, einer Sekunde, einem Augenblick.
Dann war es vorbei. Der Tod schenkte mir ein letztes Lächeln. Sagte: „Auf Wiedersehen“ und drehte sich um. Ging den Gang entlang und verschwand.
6. Mai 2001