Ich stand in den heiligen Hallen von einst. Ein Jahr war ich nun schon vom Gymnasium weg. Ein Jahr lang hatte ich keine der Treppen hier bestiegen, keinen Gang durchschritten, in keinem Zimmer gesessen. Unser Klassentreffen fand im dritten Stock statt. Im Zimmer 305, dem Klassenraum unseres ehemaligen Klassenlehrers. Wg A fand sich wieder im Kantonsschulgebäude ein.
Ich war früh gekommen, hatte niemanden getroffen auf meinem Weg nach oben. Kurz war ich stehen geblieben. Nun horchte ich in die Gänge. Die Luft roch nicht mehr vertraut. Unsere Stimmen waren verblasst und hallten nicht mehr von den Wänden wieder. Im Geiste sah ich Schüler an mir vorbeilaufen. Ich war selber eine von ihnen. Auf dem Weg in ein anderes Zimmer. Kaugummikauend. Eine tonnenschwere Schultasche über der Schulter. Meine Handtasche kam mir wie ein schlechter Witz vor. Hie und da traf ich eine Bekannte aus einer anderen Klasse. Man wechselte ein paar Worte. Wünschte sich einen schönen Tag. Begrüsste im Vorbeigehen mit einem Nicken den Jungen aus dem Freikurs „Schreibwerkstatt“. Erinnerte sich an eine Stunde oder ein Gespräch. Wünschte sich das Wochenende herbei, obschon doch erst Dienstag war.
Am schwarzen Brett hingen die Listen wie immer. Informationen, die nicht für mich waren. Die mir nichts sagten. Mein Herz schlug schwer gegen den Brustkorb. Nein, ich vermisste die Schule nicht. Ich war glücklich, als ich meine 4,5 Jahre überstanden hatte, und ich war noch glücklicher mit meinem Job. Informatikerin, wer hätte gedacht, dass ich es durchzog? Noch war ich mitten in der Ausbildung. Genau wie die anderen, die mich ein Stockwerk höher erwarteten. Hatten sich endlich alle entschieden, was sie machen wollten? Hatten sie sich fest verändert? Wie ging es Fred, der ein Jahr in Amerika war und erst gestern zurückgekommen war? Wie Silvia, die sich nicht zwischen den Studienrichtungen Psychologie und Geologie entscheiden konnte?
Ich stieg die letzte Treppe hinauf. Ein paar Stimmen hallten mir nach. Von irgendwo wehte mir der Geruch von feuchter Regenkleidung entgegen. Das Treppengeländer fühlte sich vertraut an.
Die Halbdunkelheit irritierte mich. Die Gänge kamen mir seltsam lang und hoch vor. Die Türen waren neu gestrichen worden, irgend ein Künstler hatte der Schule eine Skulptur geschenkt und der Plattenboden war völlig neu verlegt worden. Wieder stand ich halb auf der Treppe. Wieder auf dem Weg ins Zimmer 305. Ich hatte es nur noch verschwommen in Erinnerung. In der Jackentasche umklammerte ich nochmals das Papier mit den Namen meiner ehemaligen Mitschüler. Ich hatte die Liste zwei Tage lang immer wieder durchgelesen. Ob ich die passenden Gesichter erkennen würde? Wieder war ich früh dran. Wieder kein Geräusch. Das Gebäude war eigenartig leer. Fremd, nach 20 Jahren. Ich konnte mich kaum noch an das Leben hier erinnern. Versuchte mir, ein paar Schüler vorzustellen, die an mir lachend und plappernd vorbei schlenderten. Doch irgendwie waren sie alle zu gross, zu alt. Ich ging in das Klo im zweiten Stock. Das war immer noch gleich. Roter Kachelboden. Nur die Türfallen sahen etwas zerkratzter aus. Eine Jugendliche hatte ihre Initialen in das Holz der Kabinenwand geschnitzt.
Ich wusch mir die Hände. Blickte in den Spiegel. Sah mein mir vertrautes Gesicht. Ich war nun Vierzig. Das Haar war hie und da von grauen Haaren durchzogen. Die ersten Falten legten sich verräterisch um die Augen, bald würde ich sie nicht mehr mit einem freundlichen Lächeln verstecken können. Ich entdeckte das junge Gesicht in meinem wieder. Dennoch war es mir fremd. Die Erinnerungen waren alt, der Geruch nicht mehr vertraut. Das Gebäude nicht mehr vertraut. Ich konnte mich nicht mehr an das Gefühl erinnern, hier zur Schule zu gehen. Durch die Gänge zu laufen. In langweiligen Schulstunden zu sitzen. Es war erschreckend. Zwanzig mickrige Jahre. Und sie waren wie im Flug vergangen! Doch schon schien mir alles so unwirklich, als hätte ich noch gar nicht richtig in der Realität gelebt, als ich täglich hier her kam. Ich dachte an die Zeit zurück, die vergangen war. Und was alles geschehen ist seither. Kriege auf der ganzen Welt. Skandale. Computer waren selbstverständlich geworden. Ich hatte viel gelernt und war immer noch mit Begeisterung am arbeiten. Ich hatte viele Menschen kennengelernt. Einige Beziehungen, längere, kürzere. Ferien in Frankreich, ein halbes Jahr. Krebsverdacht und die Erleichterung, als der negative Befund kam. Der Unfalltod eines Freundes, der Freitod einer Bekannten. Eltern sind gestorben und Kinder geboren worden. Ich war in anderen Schulen in andern Klassenzimmern gesessen. Nun würde ich meinen alten Klassenlehrer aus der Zeit im Gymnasium wieder sehen. Meine alten Mitschüler. Was aus ihnen geworden sein mochte? Wohin es sie verschlagen haben mag? Ob sie alle kommen würden? Diesmal war es schwerer. Doch ich war auch gespannt, die Leute zu sehen. Ich versuchte mich vorzubereiten. Es waren schliesslich alles Fremde. Seltsames Gefühl. Schliesslich waren wir mal 4,5 Jahre tagtäglich zusammen. Das Treppengeländer war neu lackiert worden.
Die Kantonsschule war wieder vergrössert worden. Drei neue Turnhallen, zwei waren abgerissen worden. Ein neues Schulgebäude stand neben dem alten. Ich war vorhin daran vorbeigekommen. Es gefiel mir. Die Erbauer hatten es gelb streichen lassen. Eine freundliche Farbe. Hier hatte sich kaum etwas verändert. Äusserlich nicht, hatte mir mein ehemaliger Klassenlehrer erklärt, der mich ein Stück begleitete. Doch man hatte Wände durchbrochen und immer zwei Schulzimmer zu einem vereint. Auch 305 bestehe jetzt aus 305 und 306. Das war dringend nötig gewesen. Die Klassen seien in den letzten Jahren immer grösser geworden. Ein Blödsinn, schliesslich könne ein Lehrer doch nicht 35 Schüler unter Kontrolle halten. Aber die Nachfrage bestünde, und sie seien nun mal ein Dienstleistungsbetrieb, der sie zu befriedigen habe. Ich musste lachen. Hatte nicht vor 40 Jahren ein anderer Lehrer etwas ähnliches gesagt? Er war mittlerweilen gestorben. Ich war an seiner Beerdigung, hatte sogar ein paar andere Mitschüler getroffen. Einer hatte mir erzählt, dass Fred an einem Herzinfarkt gestorben sei. Zu viel gearbeitet, natürlich. Wir sahen auf den Sarg und hofften wohl beide, dass wir das Pensionsalter noch heil erreichen würden. Und noch ein paar Jahre zur Verfügung hätten.
Im Gebäude war es still. Ich kannte den Weg. Aus Rücksicht auf mein Alter hatte an mir ein Zimmer im ersten Stock gegeben. Das war sowieso praktischer, dauernd kamen neue Computer, und die immer wieder in den dritten Stock zu schleppen schien mir sinnlos. Das Treppengeländer war durch so ein modernes Ding aus Stahl ersetzt worden. Ziemlich kalt, wenn man es anfasste. Wie er seine Rente verbringe, hatte ich meinen Klassenlehrer gefragt. Er reise viel, war seine Antwort, natürlich, aber er könnte nicht mehr überall hin, es bestünden halt auch gesundheitliche Risiken für so einen alten Mann wie ihn. Eine Schülerin lief an mir vorbei. Ein junges Ding von 19 Jahren. Sehr begabt im Umgang mit dem Computer. Sie nickte mir grüssend zu. Ich freute mich auf das Gesicht meines ehemaligen Klassenlehrers. Er würde sicher sehr überrascht sein zu hören, dass ich hier Schule gab. Lächelnd liess ich das kalte Treppengeländer los und öffnete die Tür zum Zimmer 305.
4. März 2001