Wahrheit

30.11.2006

„Niemand wird kommen, um dich zu retten Süsse, das ist dir doch klar, oder?“ Ich starrte ihn verdutzt an. Er hatte es tatsächlich gewagt, mich „Süsse“ zu nennen, als wären wir ein Paar oder so vertrau, dass er das Recht hatte, mir Ratschläge zu geben. Ich kämpfte gegen das dringende Bedürfnis an, ihm meinen Wein ins Gesicht zu schütten. Stattdessen schlang ich meine Finger enger um den dünnen Stil des Glases und nahm einen weiteren Schluck. Als ich die Flüssigkeit in meinem Mund spürte, war ich erstaunt, nicht alles verschüttet zu haben. Das innere Zittern schien sich noch nicht äusserlich manifestiert zu haben.

„Denkst du, das weiss ich nicht?“, baffte ich ihn an. Wie konnte er es nur wagen? Er blieb ruhig. „Dass du es weisst ist mir schon klar, aber fühlst du es auch so?“ Ich begann interessiert das Muster der Tischplatte zu betrachten und Stossgebete gegen den Himmel zu schicken. Beherrschung, ich flehte um Beherrschung. „Carsten, bist du neuerdings unter die Psychoanalytiker gegangen? Was soll dieser Mist mit „fühlst du es auch so“? Hälst du mich für bescheuert? Denkst du, ich warte auf den Ritter in schwarzer Rüstung, der auf seinem Ross vorbeigaloppiert und mich aus meinem Leben befreit? Nein, ich fühle es nicht so, aber ich weiss es, und das ist alles, was zählt!“

Draussen schlug eine Kirchenglocke viermal.