Die Nacht

Wenn die Nacht
Mich unerwartet trifft
Und die Dunkelheit
Sich in jede Ecke schleicht
Wenn die Erinnerungen
Über den Boden wogen
Wie längst vergessene Wellen
Und wenn die Gedanken
Sich unbemerkt befreien

Wenn die Erinnerungen wispern
Die Unwissenheit geifernd am Bette steht
Wenn Wünsche
Und Befürchtungen
Schweigend Wache halten
Wer errettet mich dann?

Wenn der Mond mattes Licht
In düstres Denken sendet
Wenn Kerzenflammen
Drohende Schatten werfen
Wenn ein glitzerndes Auge
Wie tot erscheint
Und der Mund
Nur Leere fühlt
Und Schalheit

Wenn das Ohr erahntes Murmeln hört
Und eine Hand
Sich suchend einen Weg bahnt
Durch schwarze Angst
Wenn das Herz fast weint
Und schwere Tropfen
Das Leinentuch durchnässen
Wer errettet mich dann?

Wenn die Nacht mit ihren Gespenstern
Mit ihrem süssen Versprechen
Mich in alte Arme nimmt
Wenn sie das Licht ausschliesst
Und aufsaugt
Als wäre es goldene Milch
Dann küsse ich die treue Freundin
Und heisse willkommen
Was sie mir bringt
Und meine Retter
Müssen elend untergeh’n

9. Mai 2000

Wenn

Wenn ich dich lieben würde
Und du mich
Und wir beide
So ganz zusammen
Durch die Zeit fliessen würden
Als könnten wir nie sterben
Als wäre sie bedeutungslos
Würde ich wohl weinen
Wegen unserer Einsamkeit

Wenn ich dich lieben würde
Und du mich
Und wir beide
So ganz zusammen
Alleine wären
Fort von allen
Würde ich mich wohl sehnen
Nach anderen Menschen

Wenn ich dich lieben würde
Und du mich
Und wir beide
So ganz zusammen
Erkennen würden
Dass wir andere brauchen
Würden wir wohl froh sein
Und uns mehr lieben als zuvor

9. Mai 2000

Liebe

Deine Stimme
Stiehlt sich in mein Denken
Und manchmal
Ist alles von dir erfüllt!

Schäme dich!

Wenn ich dann laufe
Dann schwebe ich
Und wenn ich etwas tue
Hat es keinen Sinn

Schäme dich!

Wie konntest du es wagen
Mich so in Besitz zu nehmen
Mich so zu beschäftigen
Dass ich kaum noch atmen kann

Schäme dich!

Wie konnte ich es zulassen
Dass du in mein Leben kamst
Und es sofort ausfülltest
Obschon ich anderes tun wollte

Ich ärgere mich!

Wie kann es sein
Dass ich kaum noch überlegen kann
Dass jeder Gedanken
Von dir spricht

Ich ärgere mich!

Und warum ist es mir
Nicht gelungen
Dich von mir fern zu halten
Als ob du schon ein Teil von mir wärst

Ich ärgere mich!

Und doch ist da das leise Ahnen:
Hätten wir es nicht so gemacht
Wäre die Welt
Um eine Liebe ärmer…

9. Mai 2000

Dilemma

Ich habe dich vergessen
Um mich zu retten
Vor dir
Und vor mir
Und vor den Schmerzen
Wie seltsam
Welche Macht
Die Erinnerung über uns hat

Ich dachte immer
Ich könnte jeden lieben
Den zu lieben
Ich mich entschliessen würde
Doch es war anders
Wie ich erfahren musste

Ich konnte viele lieben
Oder einen
Aus ganzem Herzen
Und da war auch noch
Der Hass
Denn wer lieben kann
Kann auch hassen
Und muss es tun
Unweigerlich

Ich wollte aber nicht
Mein grosses Herz
Nur an einen hängen
Denn der Schmerz
Er ist zu gross
Und es gibt so viele
Die es wert sind
Geliebt zu werden

Und so bin ich weiter
Im Zwiespalt

21. Mai 2000

Schwere Träume

Der Regen prallt auf mein Fenster
Ein leises, stetes Klopfen
Die Lichter der Sturmwarnung
Blinken geschwind
Und gleichmässig
In der finsteren Nacht
Der Wind schüttelt die Bäume
Wiegt ihre Äste
Die Blätter
Flüstern längst vergessenen Geschichten
Schwere Düfte hängen in der Luft
Es ist stickig in meinem Zimmer
Und ich bin schwermütig

Ich frage mich
Wo ich hingehen werde
Und ob die Freiheit, dich ich mir erträume
Jemals für mich Wirklichkeit wird
Oder ob der Preis
Zu hoch ist
Und ich schlafe weiter
Gefangen in dunklen Träumen

22. Mai 2000

Albtraum

Reiter auf weissem Pferd
Kälte atmend
Eine Flucht
Die nie gelingen kann
Wo werden mich meine Gedanken hinführen?

Atemloses Laufen
Der Freiheit hinterher rennen
Immer zu langsam
Um das Licht zu sehn

Schmerzhaftes Fallen
Lautloses Schreien
Verzweiflung im Blick

Der Reiter ist da
Tödliche Umarmung

Ein giftiger Kuss

Kein befreiendes Erwachen

Tot

22. Mai 20000

Erinnerungen

Hab mich an Erinnerungen sattgesehen
Als ich schlafen sollte
An die Erinnerungen gedacht
Als ich lernen sollte
Die Erinnerungen aus meinem Herz geholt
Als es hätte kalt sein sollen

Und hab mich gelabt
Am süssen Schmerz
Und liess mich tragen
Auf samtenen Schwingen
Rauf zum Himmel
Und weiter noch

So tat ich es oft
Und es erinnerte mich auch daran
Dass ich nur ein Mensch
Und Erinnerungen
Nur flüchtige, schöne Gespenster sind

22. Mai 2000

Träne

Als hätte ich nicht schlafen können
So lag ich da
Und lauschte dem Wind
Und den Bäumen

Als hätte ich nicht schlafen können
So lag ich da
Und betrachtete die Sterne
Ein weiches Kissen unter meinem Kopf

Als hätte ich nicht schlafen können
So lag ich da
Und dachte
An nichts

Als hätte ich nicht schlafen können
So lag ich da
Und schlief ein
Und eine Träne
Versank langsam zwischen weichen Daunen

22. Mai 2000