Zugfahrt I

Seit eineinhalb Jahren fahre ich täglich mit dem Zug zur Schule. Noch nie war mir etwas Seltsames dabei passiert.

Auch jener Tag hätte ganz normal werden sollen, denn er begann ganz normal. Ich stand um fünf Uhr auf, duschte, trank zwei Tassen Kaffee und verliess eine Stunde später mit dem Mofa das Haus. Draussen empfing mich ein schöner Frühlingsmorgen, noch war es etwas kühl, aber auch wunderbar klar. Am Horizont erschien das erste Morgenrot und in den Bäumen zwitscherten die Vögel in einem hundertstimmigen Chor. Die ersten Sonnenstrahlen fielen auf die Häuserdächer, als ich mein Mofa abstellte. Um halb sieben traf der Regionalzug am Bahnhof ein und ich setzte mich wie gewöhnlich im zweiten Abteil des zweitletzten Waggons auf den Fensterplatz gegen die Fahrtrichtung. So konnte ich nämlich den Sonnenaufgang betrachten, einer der wichtigsten Gründe, weshalb ich nie den späteren Schnellzug nehme. An jenem Morgen nickte ich ganz gegen meine Gewohnheit ein. Als ich wieder erwachte, hatte ich den Sonnenaufgang verpasst und befand mich nur noch eine Station von meinem Ziel entfernt. Im Waggon war es sonderbar still, auf der ganzen bisherigen Strecke schienen keine neuen Reisenden eingestiegen zu sein. Nur mir gegenüber sass ein lächelnder Mann. Ich bin nicht sonderlich gut im Schätzen des Alters, doch er musste so um die Dreissig gewesen sein. Er hatte ein schmales Gesicht mit messerscharfen Zügen. Seine dezenten Augenbrauen und die lange gerade Nase gaben ihm irgendwie ein… antikes Aussehen. Seine pechschwarzen Haare waren kurzgeschnitten, und er war vollkommen schwarz gekleidet. Seine Augen bildeten zu alledem einen seltsamen Kontrast. Sie waren von einem intensiven Hellblau und schienen unter den Stirnsträhnen hervorzuleuchten. Seine Lippen waren zu einem dauernden Lächeln verzogen. Unwillkürlich musste ich zurücklächeln. So sassen wir da, ich starrte ihn an, er lächelte mir zu, und schliesslich hätte ich beinahe meine Station verpasst. Als der Zug stehen blieb, schreckte ich auf und griff eilig nach meiner Tasche. Schüchtern quäkte ich ein „Auf Wiedersehen“ hervor und verliess den Waggon. Bevor ich jedoch ganz aus der Tür trat, blickte ich noch einmal zurück. Er hatte sich erhoben und stand im Durchgang. Lässig lagen seine Hände rechts und links auf den Kopflehnen. Lächelnd rief er mir nach: „Auf Wiedersehen!“ Ein eisiger Schauer lief über meinen Rücken und ich verliess schnell den Waggon. Als ich mich nochmals umdrehte, war der Zug weg.

In der Schule erfuhr ich dann, dass mein Zug schwer verunglückt war. Es hatte trotz der frühen Morgenstunde zahlreiche Verletzte und sogar Tote gegeben. Die Bahnstrecke musste für einige Tage gesperrt werden, und so holte mich meine Mutter mit dem Auto ab. Als wir an der Unglücksstelle vorbeifuhren, lief mir wieder ein eiskalter Schauer über den Rücken. Schliesslich passiert es nicht jeden Tag, dass der Tod einen Menschen persönlich zur Schule bringt. Und ich werde ihn wieder sehen…

3. März 1997