Der Exhibitionist

Der Exhibitionist stieg in den Zug. Und eigentlich war es gar kein steigen mehr, so ging es ihm durch den Kopf, nur noch ein Schritt und er war aus der Welt und im Zug.

So ging zur gegenüberliegenden Tür, nicht nach links und schon gar nicht nach rechts oben, nein, er blieb stehen, liess seine Tasche fallen und starrte aus dem Fenster. Die Landschaft zog vorbei, und er stellte sich vor, wie der Zug in Wirklichkeit still stehen würde und Gott eine Fototrommel angestossen hätte. Und nur er, der Exhibitionist, würde irgendwann erkennen, dass dort draussen keine wirkliche Landschaft war, weil sich alles wiederholte, der grosse Baum mit dem kaputten Ast, das rote Haus, der Bahnhof mit dem alten Schild.

Und der Exhibitionist dachte an den vergangenen Tag. Manchmal stand er so da und fragte sich, was ihn dazu bewogen haben mochte, in der Beschwerdeabteilung zu arbeiten. Man hatte ihn anfangs gar nicht nehmen wollen. Frauen wurden bevorzugt, Frauen hatten einen Instinkt für sowas, Frauen wirkten nicht so bedrohlich. Schliesslich hatte er die Zusage doch bekommen, nach 3 Wochen Probezeit. Es könne ja nichts schaden, einer aufgebrachten Kundin einen hübschen jungen Mann vor die Nase zu stellen, hatte der Personalchef augenzwinkernd gemeint und ihm dabei gutmütig auf die Schulter geklopft.

Seither arbeitete der Exhibitionist also in der Beschwerdeabteilung und hatte es jeden Tag mit aufgebrachten Kunden zu tun. Er machte das gerne, auch wenn es manchmal etwas anstrengend war. Die anderen Damen waren sehr nett. Das Team unterstützte sich gegenseitig, und wenn es mal sehr hart war für jemanden, gab es auch mal eine spontane Umarmung.

Daran dachte der Exhibitionist, wie er an der Zugtür stand und nach draussen schaute. Und dann, dass dies alles bald keine Bedeutung mehr haben würde, bis morgen. Später, in der Umarmung seiner Frau…

5. Juni 2002