Das Trinkwasser

„Das ist genial!“ Dr. Urmann, seines Zeichens Doktor der Medizin, strahlte Dr. Greuter an. Dr. Himmelmann schaute etwas skeptisch vom einen zum anderen. Natürlich konnte er sich als Physiker nicht so ganz vorstellen, dass Dr. Greuters Idee sich derart einfach würde umsetzen lassen.

Drei Monate später sassen die Doktoren über ihre Unterlagen gebeugt da. 5% der Studentenschaft klagte über

  • unerklärliche Uebelkeit (zu viele Studentenparties)
  • chronische Kopfschmerzen (kurz vor Prüfungen nochmal in Nachtschichten gelernt)
  • Müdigkeit (Ursache siehe Kopfschmerzen)
  • Mundtrockenheit (heisser Sommer. Anmerkung: sehr gut, trinken sie noch mehr Wasser)
  • Appetitlosigkeit (der heutige Diätenwahn)

Die restlichen Studenten fühlten sich wohl, glücklich und motiviert. Die Doktoren waren mit dem Resultat ihres Experimentes zufrieden. Dr. Urmann versprach, den Stadtrat in der nächsten geheimen Sitzung über die Ergebnisse zu informieren. Dr. Himmelmann trug ein verzücktes Lächeln auf den Lippen. Kein Wunder, nachdem er den ganzen Abend zwei Liter Wasser getrunken hatte.

Der Gemeinderat beschloss in seiner geheimen Sitzung drei Wochen später, das Trinkwasser der gesamten Stadt mit Psychopharmaka zu versetzen. Rund ein halbes Jahr später fühlt sich die Stadtbevölkerung wohl, glücklich und motiviert. Ein Lächeln lag allen Stadtbewohnern auf den Lippen. Es gab weniger Kriminalität, freundlichere Verkäuferinnen und schnelleres Servicepersonal.

Durch eine undichte Stelle im Stadtrat sickerte eines Tages die Information über den Psychopharmazusatz im Trinkwasser zu einem Angestellten eines anderen Stadtrates durch. Die Idee wurde sofort in einer geheimen Sitzung besprochen und umgesetzt. Nur drei Jahre nach dem ersten Experiment von Dr. Greuter, Dr. Urmann und Dr. Himmelmann war bereits das Trinkwasser der gesamten Schweiz mit dem Psychopharmaka versetzt. Die Bevölkerung fühlte sich wohl, glücklich und motiviert. Die Expo 02 wurde trotz enormer Kosten mit viel Wohlwollen durchgeführt. Der Bundesrat konnte es sich nicht verkneifen, ein Projekt namens ’sWISH‘ dazu zu schmuggeln, in dem die Schweizer und Schweizerinnen von ihren Träumen und Wünschen erzählten… Und sich eigentlich sehr zufrieden mit der Schweiz zeigten.

Jahre später: „Das ist genial!“ Dr. Urmann, seines Zeichens Doktor der Medizin, strahlte Dr. Greuter an. Dr. Himmelmann schaute etwas skeptisch vom einen zum anderen. Natürlich konnte er sich als Physiker nicht so ganz vorstellen, dass Dr. Greuters Idee sich derart einfach würde umsetzen lassen. Und ich kann mir nicht vorstellen, dass wir wirklich wissen wollen, was die drei nun schon wieder ausgebrütet haben…

7. Juli 2002

Im Blut

Und plötzlich wachsen dir hundert Arme. Du sprichst zu mir durch Wolken. Ich spüre dich auf mir, in mir. Höre dich kaum. Deine Hände auf meiner Haut. Und diese Spannung in mir. Weg soll sie, weg. Winde mich. Jemand stöhnt laut. Umklammere dich wie eine Spinne. Küsse deinen Hals. Rieche dich nicht. Dein Schweiss hat keinen Geschmack. Dein Gesicht ist nur ein Schatten. Wieder ein Stoss. Komm endlich, komm! Zu mir! In mich! Mit mir! Und liebe mich! Liebe mich! Das Oben wird zum unten, irgendwo ist das Bett, dein Kuss ist salzig, die Zunge direkt vom Mund ins Hirn, möchte dich aussaugen, dämmere schon weg, noch ein stoss, brichst über mir zusammen, in meine Arme…

Der Vollmond scheint staunend durch das Fenster.

22. Juli 2002

SMS

Alles begann mit der ersten SMS. Die erste Short Message stieg mit ihrer Nachricht in den Äther. Sie schwebte dort oben, gemächlich, träge, bis sie wieder heruntergesaugt wurde, und sich bald Millionen von Menschen ihrer bedienten. Jedes Handy, jeder Computer spuckte neue SMS aus, wichtige Nachrichten, nichtige, immer beschränkt auf 160 Zeichen.

Und der Äther füllte sich mit ihnen. Die meisten wurden wieder nach unten geholt, verschwanden spurlos und liessen nur Leere zurück. Leere, die gleich wieder durch eine neue Nachricht gefüllt wurde. Doch einige blieben. Ihre Bestimmungsnummern waren falsch getippt worden. Oder nicht mehr aktiv. Und so blieben sie im Äther, schwebten dort oben, gemächlich, träge.

Jeden Tag kamen neue SMS hinzu, und jeden Tag blieben ein paar dort oben. Der Äther wurde immer voller. Die Nachrichten mussten zusammenrücken. Kaum mehr Platz für neue. Kein Schweben mehr, Stillstand.

Und es kam die Stunde, da der Äther platzte. Er bekam einfach ein Loch. Oder vielleicht explodierte er auch, wer konnte das später so genau sagen? Die Handys begannen verrückt zu spielen. Die Menschen auf den Strassen blieben stehen. In den Zügen blickten sie verwundert auf ihre Handys. In den Schulen vibrierten die Wände von den Vibraalarmen. Und es erhob sich ein Lärm von Handymelodien. Valkyrie aus hundert Handys mischte sich mit Wilhelm Tell, Dawn kämpfte leise gegen Samba. Es war ein Piepen, ein Fiepen, es war ein Quietschen, ein Tickern das einem hätte der Kopf explodieren mögen.

Und die Menschen bekamen die vergessenen SMS. Auf ihren Handydisplays erschienen unsinnige Nachrichten. „Hallo, ich komme gleich, gruss delia“, „Arschloch“, „Ich liebe dich“ vermischte sich mit „Bahnhof Nord?“, „und das kontest du mir nicht sagen?“, „asap, ild“ oder „@}–‚–,— alles gute zum geburtztag“. „danke für alles“ prangte dort, „i freu mi auf heut abnd“ kam, ebenso wie „es ist aus“. Und es kamen SMS in englisch, in italienisch, spanisch, türkisch, chinesisch.

Und die Menschen drückten hektisch auf die Tasten, lasen die Sinnlosigkeiten (es hätte ja etwas Wichtiges dabei sein können) und manche begannen zu schreien oder schalteten verzweifelt ihre Handys aus, schmissen sie zu Boden und trampelten darauf herum.

Erst am Abend kehrte Ruhe ein. Der Äther war verlassen.

10. März 2002

Dank an meinen Vater für diese Geschichte. Hätte ich sie ihm nicht erzählt, wäre er nicht auch begeistert gewesen von dieser Vorstellung, diese Geschichte hätte nie meinen Kopf verlassen.

Der Exhibitionist

Der Exhibitionist stieg in den Zug. Und eigentlich war es gar kein steigen mehr, so ging es ihm durch den Kopf, nur noch ein Schritt und er war aus der Welt und im Zug.

So ging zur gegenüberliegenden Tür, nicht nach links und schon gar nicht nach rechts oben, nein, er blieb stehen, liess seine Tasche fallen und starrte aus dem Fenster. Die Landschaft zog vorbei, und er stellte sich vor, wie der Zug in Wirklichkeit still stehen würde und Gott eine Fototrommel angestossen hätte. Und nur er, der Exhibitionist, würde irgendwann erkennen, dass dort draussen keine wirkliche Landschaft war, weil sich alles wiederholte, der grosse Baum mit dem kaputten Ast, das rote Haus, der Bahnhof mit dem alten Schild.

Und der Exhibitionist dachte an den vergangenen Tag. Manchmal stand er so da und fragte sich, was ihn dazu bewogen haben mochte, in der Beschwerdeabteilung zu arbeiten. Man hatte ihn anfangs gar nicht nehmen wollen. Frauen wurden bevorzugt, Frauen hatten einen Instinkt für sowas, Frauen wirkten nicht so bedrohlich. Schliesslich hatte er die Zusage doch bekommen, nach 3 Wochen Probezeit. Es könne ja nichts schaden, einer aufgebrachten Kundin einen hübschen jungen Mann vor die Nase zu stellen, hatte der Personalchef augenzwinkernd gemeint und ihm dabei gutmütig auf die Schulter geklopft.

Seither arbeitete der Exhibitionist also in der Beschwerdeabteilung und hatte es jeden Tag mit aufgebrachten Kunden zu tun. Er machte das gerne, auch wenn es manchmal etwas anstrengend war. Die anderen Damen waren sehr nett. Das Team unterstützte sich gegenseitig, und wenn es mal sehr hart war für jemanden, gab es auch mal eine spontane Umarmung.

Daran dachte der Exhibitionist, wie er an der Zugtür stand und nach draussen schaute. Und dann, dass dies alles bald keine Bedeutung mehr haben würde, bis morgen. Später, in der Umarmung seiner Frau…

5. Juni 2002

Die Raupe

Daniel: hebr. = mein Richter ist Gott

„Made“ fiel anna spontan ein, als sie Daniel da so liegen sah. Sofort korrigierte sie sich. Wie er da lag, in seine Decke eingewickelt, erinnerte er sie an die fette, rauchende Raupe aus Alice im Wunderland. Erst jetzt wurde ihr klar, dass dieses Ding ja friedlich am Opium rauchen ist, die ganze Zeit. Und waren die Ratschläge der Raupe an Alice nicht immer irgendwie verwirrend, unklar? anna grinste vor sich hin. Dann sah sie sich im Zimmer um und fragte sich, wie sie hierher gekommen war.

Daniel schien fest zu schlafen auf seinem Futon. Eine andere Erinnerung drängte sich kurz in annas Kopf, um sich dann zwischen der Tür vom Schlaf- ins Wohnzimmer zu verlieren. anna ging in die Küche. Daniel hatte eine typische Jungesellenwohnung. Schmutziges Geschirr stapelte sich neben dem Herd. Mit einem Lächeln erinnerte sie sich an das erste Gespräch in dieser Küche. Daniel war die Unordnung peinlich gewesen. anna hatte nur gelacht und ihn beruhigt: „Bei mir sieht es Freitags auch so aus. Und ich werde mich hüten, etwas zu sagen. Seit ich mich darüber aufgeregt habe, dass in unserer Gesellschaft der Lebenserfolg eines Menschen daran gemessen wird, wie sauber er seine Wohnung halten kann und nicht, ob er glücklich ist, habe ich wohl auch kein Recht mehr dazu.“ Später war ihr diese Erklärung etwas peinlich gewesen. Sie klang platt und bemüht gesellschaftfeindlich. anna liess sich in Daniels Fernsehsessel fallen. Aus dem Schlafzimmer wehte ein Seufzer herüber. Der Fernsehsessel war richtig super. Der Himmel weiss, wie Daniel ihn gefunden hatte. Der edel schimmernde, dunkelblaue Bezug war mit grossen Sonnenblumen bedruckt…

anna liess ihren Blick träge aber fasziniert über die Unordnung schweifen. Sie dachte an ihre eigene Wohnung. Stellte sich ihre Möbel in diesem Raum vor und lächelte dabei. Dieser Platz war so gut wie jeder andere, und sie war sowieso nirgendmehr zu Hause. anna hörte das Rascheln der Decke. Daniel war aufgewacht und versuchte, sich aus der unfreiwilligen Umarmung zu lösen.

Als er ins Wohnzimmer kam, hatte sie ihn immer noch nicht freigegeben. Daniel hüpfte auf anna zu. Sah sie bittend an: „Kannst du mir aus dieser blöden Decke helfen?“ anna sah ihn an. Dann lachte sie, steigerte sich von einem leisen Kichern in ein donnerndes Lachen. „Was willst du von mir Daniel? Sei doch froh, dass du kein Käfer geworden bis!“

13. April 2002
Anmerkung: Eigentlich macht es sich nicht so gut, Geschichten zu erklären. *lächel*
Es gibt von Franz Kafka eine Kurz-Geschichte mit dem Titel ‚Der Käfer‘. Darin verwandelt sich ein junger Mann langsam vom Menschen in einen riesigen Käfer. Soweit ich das noch im Kopf habe, stirbt er am Schluss, ermordert von seiner eigenen Familie…

Spiegelzeit

Manchmal kommt es vor, dass die Welt einen Tag anhält. Dass sie seltsam ist und Dinge geschehen, die uns nur als dunkle Träume in Erinnerung bleiben. Als Spiegelzeit herrschte, merkten wir zunächst nichts davon. Wie auch, wenn unser Spiegelbild gerade am zu Bett gehen war? Ich traf das meine erst um halb vier. Plötzlich wurde es eng auf meinem Schreibtischstuhl. Verwundert sah ich elociN an. Sie blickte verwundert zurück und kam dann vom kaffeeholen zurück. Später dachte ich noch einmal an sie. Im Bus auf dem Heimweg sah ich sie zur Arbeit kommen. Kaffeetrinken. Duschen. Aufstehen.

Ich erzählte anna von elociN. Wie ich dachte, in einen Spiegel zu schauen. Wie ihre Narben an der falschen Stelle waren, sie mit der linken Hand ihre Tasse hielt. Wie sie nur kurz „ollaH“ sagte, als wäre es normal, dass wir uns begegnen. anna starrte nachdenklich in ihren Milchkaffee. „Ich bin meinem Spiegelbild nicht begegnet“, stiess sie plötzlich leise hervor. Für einen Moment verstand ich nicht, was sie mir da sagte. Ich blickte sie verblüfft an. „Aber das ist doch nicht möglich! Alle, alle sind ihrem Spiegelbild begegnet!“, wisperte ich schliesslich zurück. „Es ist mein Name… anna bliebt immer anna.“ anna hob den Kopf und sah mich voller Angst an: „Aber was hat das zu bedeuten?“

4. Mai 2002

Die Affäre

Die Affäre begann ohne Plan und ohne Absicht. Er hiess Peaux zum Nachname. Das französische Wort für Haut, einmal nicht melodiöser als das Deutsch, doch vielleicht gibt es in keiner Sprache ein Wort, dass der Haut gerecht wird.

Die Leute scherzten über seinen Nachnamen und sprachen es aus wie ‚Beau‘. Und schön war er auch, oder zumindest liess sein Charme das die Leute glauben. Später würde ich immer an seine Haut denken, wann immer mich nur der Hauch eines ähnlichen Geruches traf, wann immer ich eine Kerze brennen sah.

25. Juni 2002