Alles begann mit der ersten SMS. Die erste Short Message stieg mit ihrer Nachricht in den Äther. Sie schwebte dort oben, gemächlich, träge, bis sie wieder heruntergesaugt wurde, und sich bald Millionen von Menschen ihrer bedienten. Jedes Handy, jeder Computer spuckte neue SMS aus, wichtige Nachrichten, nichtige, immer beschränkt auf 160 Zeichen.
Und der Äther füllte sich mit ihnen. Die meisten wurden wieder nach unten geholt, verschwanden spurlos und liessen nur Leere zurück. Leere, die gleich wieder durch eine neue Nachricht gefüllt wurde. Doch einige blieben. Ihre Bestimmungsnummern waren falsch getippt worden. Oder nicht mehr aktiv. Und so blieben sie im Äther, schwebten dort oben, gemächlich, träge.
Jeden Tag kamen neue SMS hinzu, und jeden Tag blieben ein paar dort oben. Der Äther wurde immer voller. Die Nachrichten mussten zusammenrücken. Kaum mehr Platz für neue. Kein Schweben mehr, Stillstand.
Und es kam die Stunde, da der Äther platzte. Er bekam einfach ein Loch. Oder vielleicht explodierte er auch, wer konnte das später so genau sagen? Die Handys begannen verrückt zu spielen. Die Menschen auf den Strassen blieben stehen. In den Zügen blickten sie verwundert auf ihre Handys. In den Schulen vibrierten die Wände von den Vibraalarmen. Und es erhob sich ein Lärm von Handymelodien. Valkyrie aus hundert Handys mischte sich mit Wilhelm Tell, Dawn kämpfte leise gegen Samba. Es war ein Piepen, ein Fiepen, es war ein Quietschen, ein Tickern das einem hätte der Kopf explodieren mögen.
Und die Menschen bekamen die vergessenen SMS. Auf ihren Handydisplays erschienen unsinnige Nachrichten. „Hallo, ich komme gleich, gruss delia“, „Arschloch“, „Ich liebe dich“ vermischte sich mit „Bahnhof Nord?“, „und das kontest du mir nicht sagen?“, „asap, ild“ oder „@}–‚–,— alles gute zum geburtztag“. „danke für alles“ prangte dort, „i freu mi auf heut abnd“ kam, ebenso wie „es ist aus“. Und es kamen SMS in englisch, in italienisch, spanisch, türkisch, chinesisch.
Und die Menschen drückten hektisch auf die Tasten, lasen die Sinnlosigkeiten (es hätte ja etwas Wichtiges dabei sein können) und manche begannen zu schreien oder schalteten verzweifelt ihre Handys aus, schmissen sie zu Boden und trampelten darauf herum.
Erst am Abend kehrte Ruhe ein. Der Äther war verlassen.
10. März 2002
Dank an meinen Vater für diese Geschichte. Hätte ich sie ihm nicht erzählt, wäre er nicht auch begeistert gewesen von dieser Vorstellung, diese Geschichte hätte nie meinen Kopf verlassen.