Gudrun: althochdeutsch gunt-=Kampf, rúna=Geheimnis
anna lief durch den langen Gang. Die Wände waren hoch, von majestätischen Säulen getragen. Gudrun zog sie immer wieder in einem Raum. „Wow, sieh dir dieses Gemälde an!“, stiess sie hervor und verlor sich in Beschreibung und historischen Exkursen. anna hatte für die Bilder jeweils nur einen kurzen Blick übrig. Schon verfing er sich wieder in der Decke, am Muster des Kachelbodens, an einer Spinnwebe, einem Holzbalken, einem Deckengemälde. Wie in Trance lief sie durch die Hallen. Alles kam ihr vertraut vor. Bevor Gudrun einen Raum betrat, wusste anna schon, wie er aussehen würde. Ihre Absätze klapperten bei jedem Schritt, und das Geräusch wurde von den Wänden in jeden Winkel getragen und kam hundertfach zurück. anna hörte das Flüstern sich verlieren und wollte das Kunstmuseum verlassen. Gudrun war versunken in das Gemälde eines alten Meisters. „Gudrun?“ – „Ja?“ – „Ich warte draussen auf dich“. anna drehte sich um und trat durch die hohe Türöffnung, zurück auf den Gang. „Klack, Klack“, tönte es laut. Gudrun hatte sich umgedreht und sah anna fassungslos nach. „Aber du kannst doch nicht einfach gehen!“ rief sie verblüfft. anna war bereits nicht mehr zu sehen. Auch Gudrun trat über die Schwelle. „Klack, klack, klack“ Mit jedem Schritt fühlte anna sich verfolgt. Sie versuchte Haltung zu bewahren, doch das Klacken dröhnte ihr bedrohlich von überall entgegen. „Wir haben doch noch gar nicht alles gesehen, anna, wir können doch noch nicht gehen!“ rief Gudrun ihr nach, und Echos antworteten hundert Male: „nicht gehen, nicht gehen“
anna blickte nicht zurück. Die Strassen schienen zusammen zu rücken, aus Türen und Fenster schlüpften Menschen, wogen ihr entgegen, hielten sie auf, liessen sie nicht durch. „Wie Ameisen, wie Ameisen!“, dachte anna immer wieder und kämpfte sich voran. Aus den Kanalisationen krochen Kröten und Ratten, der Boden war übersäht von ihnen, die Strassen schwarz von Ameisen und Käfern. Die Luft war erfüllt vom Flügelschlagen tausender Vögel. Sie kreischten und schrieben, pickten nach den Augen der Leute, stürzten sich auf die Käfer, kämpften mit Ratten um tote Hunde. Deren Verwesungsgeruch mischte sich mit dem Gestank von Blut und Tränen.
Dann verschwand der Lärm, und nur eine unheimliche Stille blieb zurück. Die Menschen gingen langsamer, wie in Zeitlupe wichen sie anna nun aus. Nichts roch mehr, und das Licht war heller geworden. Am Horizont verdunkelte sich der Himmel, doch erst als die Dunkelheit die Häuser der Stadt erreichten, konnte anna erkenne, was da war: Gudrun schritt durch die Stadt. Gross wie ein Riese überragte sie die hohen Häuser.
Nur einen Riesenschritt von anna entfernt blieb Gudrun stehen. Sie sah auf anna hinab. „nicht gehen, nicht gehen“, wisperte von irgendwo. Gudrun beugte sich hinunter, über anna. Sah sie mit ihren grossen Augen an. Dann richtete sie sich wieder auf und begann zu lachen. Und ihr Lachen erschütterte die Stadt.
7. April 2002