annas Blut

anna sass mit Freunden im Café. Sie hatte spontan eine ‚Weil-heute-Dienstag-ist‘-Party ausgerufen, und die meisten konnte auch tatsächlich kommen. Es machte allen Spass, an diese Partys zu kommen. Meist traf man sich in einem der Cafés der Stadt. Sie erzählten sich, was sie so machten, lachten und diskutierten.

anna ging kurz raus… wie immer waren ihr die vielen Leute irgendwann zuviel geworden. Die frische Luft war befreiend. Sie ging an ein paar Schaufenstern vorbei. Stellte sich vor, dass sie nur eine Fussgängerin wäre, die nach Hause ging. Schaute einem schönen Mann hinterher. Und ging wieder zurück.

„Du hast uns schon gefehlt“, tönte es ihr entgegen. „Ich weiss“, antwortete anna mit einem frechen Grinsen im Gesicht. „anna?“ anna drehte sich um. Auch wenn es nicht ihr richtiger Name war, sie reagierte auf ihn. Ein junger Mann stand vor ihr. Sah sie an. Er hatte blondes Haar. Ein glattes Gesicht. anna konnte ein Parfum riechen, dass ihr nicht vertraut war. „Ja?“, antwortete sie fragend. „Bist du anna?“, hackte der junge Mann nach. „Kennen wir uns?“, gab anna zurück und runzelte ärgerlich die Stirn. „Du kennst mich nicht, aber ich kenne dich. Und ich habe etwas für dich…“, zischte der Mann.

Was dann passierte, wurde anna später erzählt. Sie selbst hatte keine Erinnerung daran. Nur an das Blut… Der junge Mann musst wohl ein Küchenmesser gezückt haben. Eines jener breiten Fleischermesser. Und rammte es ihr in den Bauch.

anna drückte ihre Hände auf ihren Bauch. Sofort fühlten sie sich schmierig an. Irritiert hob sie die hände. Blut, überall Blut… anna kippte nach hinten und der junge Mann drehte sich um und stürmte zur Tür.

Wie aus tausend Kehlen erklang plötzlich ein Befehl: „Bleib steh’n!“ Der junge Mann blieb stehen. Drehte sich langsam wieder um. Blickte mit panikerfüllten auf anna, die wie eine Marionette an unsichtbaren Fäden wieder aufgestellt wurde. Ihr Blut quoll dunkel aus ihrer Wunde und tropfte auf den Boden. Ihre Jeans waren voller dunkler Flecken. Wie von einer unsichtbaren Kraft wurde der junge Mann zu ihr hingezogen. Wieder stimmten die Kehlen einen Befehl an: „Trink!“, schrien sie. Und der Mann begann zu trinken. Mit gierigen Schlucken saugte er anna das Blut aus dem Körper. Und mit jedem Tropfen wich ihr die Farbe aus dem Gesicht. Die Leute im Café starrten die beiden an, bewegten sich jedoch nicht. Es war, als hätte eine Macht einen Film angehalten.

Als annas Lippen weiss geworden waren, liess sie den Mann gehen. Er stolperte rückwärts weg, starrte sie immer noch voller Entsetzen an. Als er die Tür im Rücken spürte, drehte er sich gehetzt um, riss sie auf und stürmte raus.

Ihm entgegen kam ein Polizist, der nur einen Kaffee trinken gehen wollte. So war er natürlich erstaunt, als ihm ein blutüberströmter junger Mann entgegenfiel, der aussah, als wäre er abgestochen worden.

Der junge Mann erkannte die Uniform, doch es war zu spät. Er prallte gegen den Polizisten. Fiel auf die Knie. Und übergab sich. Kotzte all das Blut wieder raus. Jeder Tropfen, den er anna ausgesaugt hatte wie ein Vampir fiel nun auf das Pflaster. Frauen schrien entsetzt auf, Kinder begannen zu weinen, Männer zu würgen. Das Blut ergoss sich über das Pflaster und färbte den Stein rot.

12. April 2002