11.11.2006
„Denkst du, dass du dazu so viel zu erzählen hast?“ Beat musterte mich mit einem kritischen Blick.
„Himmel, was denkst du denn von mir? Gut, 45 Minuten sind vielleicht viel Zeit, aber die kriege ich locker voll. Ich kann schliesslich eine Menge über Fanfiction erzählen. Was denkst du, wie viele Stunden ich dir schon die Ohren zugequatscht habe damit? Falls ich zu früh fertig bin, kann ich immer noch ein paar Empfehlungen abgeben?“
„Empfehlungen?“, Anabelles Stimme hatte einen unangenehmen, schrillen Unterton. Es war wirklich toll, wie sehr mich meine Freunde zu ermutigen versuchten. „Würdet ihr euch bitte daran erinnern, wer mich an diesen ich-bin-bei-Referaten-total-unsicher-darum-lerne-ich-das-hier –Kurs mitgeschleppt hat? ICH habe diesen Kurs ganz sicher nicht nötig. Und wenn ich schon einen so langen Vortrag halten soll, dann wähle ich natürlich ein Thema, dass mich interessiert.“
„Du mogelst doch! Wenn du fürs Studium ein Referat halten musst, kannst du dir das Thema auch nicht immer aussuchen“, warf Anabelle ein.
„Punkt für dich. Aber so was kriege ich trotzdem besser hin als ihr. Ist mir ja schleierhaft, wie ihr durchs Gymnasium gekommen seid.“ Mein freches, breites Grinsen bewahrte mich davor, sofort erwürgt zu werden.
Vor zwei Monaten war Beat mit einem Flyer angekommen, der Werbung für einen Referat-Kurs machte. Unsichere Studentinnen und Studenten sollten dort gute Tipps bekommen, wie man einen Vortrag hält. Planung, Ablauf, Selbstsicherheit im Sprechen. Anabelle war sofort Feuer und Flamme. Ich konnte mich nicht wirklich dafür begeistern. Die Teilnehmerzahl war auf 30 Personen beschränkt. Mit so wenig Leuten wurde ich locker fertig. Für mich wären mindestens 100 Zuschauerinnen und Zuschauer interessant gewesen. Vor so einer Menge wurde ich immer sehr nervös, was sich natürlich auf meine Selbstsicherheit und so auch auf meine Ruhe auswirkte. Widerwillig liess ich mich trotzdem überreden.
In den kommenden Wochen verbrachte ich meine Samstage jeweils in einem stickigen Seminarraum an der Uni. Die Grundlagen lagen mir sowieso im Blut, trotzdem versuchte ich, aus jeder Stunde etwas mitzunehmen. Nach dem dritten Treffen bekamen wir als Hausaufgabe jeweils ein Thema, zu dem wir einen kurzen Vortrag vorbereiten mussten. Die Redezeit wurde jedes Mal um zehn Minuten erhöht.
Nächsten Samstag würde ich nun so zu sagen das Gesellenstück abliefern müssen. Ein so langer Vortrag muss natürlich entsprechend vorbereitet werden, und da wir nicht wirklich viel Zeit dafür hatten, konnten wir ein Thema wählen, für das wir uns sowieso schon interessierten. Anabelle hatte „Heilende Steine – Mythos und Realität“, Beat „Moto Guzzi Motorräder – Von den Anfängen bis zur Gegenwart“ gewählt. Ich hatte mich für „Fanfiction – Harry Potter ist mehr als nur ein Zauberschüler“ entschieden. Insgeheim war ich mir nicht wirklich sicher, wie ich Beats Referat überleben sollte.
Die anderen Teilnehmer hatten ebenfalls für mich mehr oder weniger spannende Themen gewählt. Ich freute mich bereits auf „Bonsai – Die Kunst der Baumzähmung“, „Japanischer Kampfsport – Karatekid und Kung Fu-Mönch“ und „Dogwispering – Wenn Hunde sprechen“. Für einige Referate versuchte ich mir immer noch eine Ausrede einfallen zu lassen, um nicht teilnehmen zu müssen. „Jurisprudenz – Eine wertlose Wissenschaft?“, „Fussball – Von der leeren Aludose zur WM“ und „Opel – Eine deutsche Marke erobert die Welt“ konnte mich nicht wirklich überzeugen. Kam noch hinzu, dass die Vortragenden totale Schlaftabletten waren, wie ich in den Übungsstunden zu Genüge feststellen konnte. Ich war wirklich versucht, diesen hoffnungslosen Kerlen anzubieten, mich jeweils als sie auszugeben und ihre Vorträge selbst zu halten. In verzweifelnden Situationen muss man zu ungewöhnlichen Mitteln greifen.
Am Mittwoch schon sassen wir wieder in der Uni zusammen. Beat hatte mich Dienstag Abend völlig verzweifelt angerufen, er käme mit seinem Vortrag, der PowerPoint-Präsentation, dem Handout und grundsätzlich seinem Leben nicht zurecht. Krisensitzung also am Mittwoch. Ich war ganz froh darüber, meine PowerPoint-Folien sahen richtig schlecht aus. Anabelle hatte mir am Wochenende am Telefon versichert, das sei nicht so schwierig. Ich hatte darauf den Montag damit verbracht, mich mit Textfeldern rumzuschlagen, die sich nicht bündig positionieren liessen, und eine Autokorrektur, die ich trotz halbstündiger Suche im Internet nicht abstellen konnte. Dienstags war ich kurz davor, meinen Computer aus dem Fenster zu werfen, da rettete mich Beat.
Gemeinsam überarbeiteten wir unsere Vorträge, motzten die Folien auf und übten unsere Texte. Ich hatte mich noch nie so gut auf ein Referat vorbereitet. Ich hatte noch nie so tolle PowerPoint-Folien, um meine Worte zu verdeutlichen. Nun konnten wir damit beginnen, nervös zu werden.
Das Klatschen verebbte ziemlich schnell. Immerhin war es aber so laut um die Leute zu wecken, die während „Fussball – Von der leeren Aludose zur WM“ geschlafen hatten. Wie befürchtet waren diese drei Viertel Stunden unerträglich. Nicht nur dass ich Fussball grundsätzlich nicht ausstehen konnte, von den PowerPoint-Folien dieses Kerles bekam man auch noch augenblicklich Augenkrebs. Welcher normale Mann kombiniert für einen Vortrag über Fussball Rosa und Orange? Dass er als jedes zweite Wort „Äh“ oder „Hm“ sagte, trieb mich fast in den Wahnsinn, bis ich anfing, eine Strichliste zu führen. Er kam auf 321 „Äh“ und 271 „Hm“. Ich musste mich wirklich zwingen, nicht einfach aus dem Fenster zu sehen. Gegen Ende der 45 Minuten wurde ich dann immer unruhiger, schliesslich würde ich nach ihm dran kommen. Hoffentlich waren die Leute schon alle geistig verkümmert, bis es soweit war.
Herr Licht erlöste mich von meinem Leiden. „Als nächstes ist Anna dran. Sie wird uns etwas über Fanfiction erzählen und erklären, warum Harry Potter nicht nur ein Zauberschüler ist.“ Im Raum erklang wieder Klatschen und ich ging nach vorne. „Hallo zusammen. Wie Herr Licht bereits sagte, ist mein Thema „Fanfiction – Harry Potter ist mehr als nur ein Zauberschüler“. In den nächsten drei Viertel Stunden werde ich euch erklären, was Fanfiction eigentlich sind, wie sie entstanden, wer sie schreibt, wer sie liest und wo man sie findet. Am Schluss werde ich gerne noch auf Fragen eingehen. Nun, was sind Fanf…“ Plötzlich ging das Licht aus.
Das Licht ging aus.
Es war plötzlich stockdunkel.
Wir befanden uns in einem Seminarraum mit grossen Fenstern. Es war Sommer, noch nicht ganz 16 Uhr, und wir sassen im Dunkeln. Als hätte jemand eine unglaublich grosse Käseglocke über die Welt gestülpt. Oder ein Abtropfsieb, denn in der Ferne konnte ich Sterne am Himmel entdecken.
Jemand schrie: „Die Apokalypse! Wir werden alle sterben!“ Dann ging das Chaos los.
TBC