Abendstern

19.11.2006

Mir war nicht ganz klar, wie ich mich dazu hatte überreden lassen, doch da war ich: stampfte durch den modrigen Waldboden und atmete einen seltsamen Geruch ein. Der Hund zerrte an seiner Leine. Woran erinnerte mich dieser unangenehme Geruch nur? Ich kannte ihn, er kratzte als alte Erinnerung an meinem Hinterkopf. Was konnte das nur sein? Der Hund blieb stehen und schnüffelte an einem Baumstumpf. Ich freute mich bereits darauf, den Waldrand zu erreichen. Fürchterlich mühsam, mit einem hyperaktiven Hund an der Leine durch den Wald zu laufen.

„Asche! Nasse Asche!“, fiel mir plöztzlich wieder ein, woher ich den Geruch kannte. Lagerfeuer löschen mit Wasser, danach roch es so. Ich mochte diesen Gestank nicht. Es kam mir immer vor, als würde er in meiner Nase festkleben.

Endlich erreichten wir den Waldrand. Ich liess den Hund von der Leine, steckte mir die Ohrstöpsel meines iPod in die Ohren und entspannte mich. Bereits mit dem zweiten Schritt war ich irgendwo in einer Fantasiewelt. Der Hund rannte an mir vorbei, liess sich zurückfallen, rannte wieder nach vorne. Irgendwann mal hatte ich entdeckt, dass unsere gemeinsamen Spaziergänge auf diese Art am entspanntesten waren. Zuvor war ich immer sehr ängstlich, rief den Hund sofort zu mir, wenn er meinen empfundenen Sicherheitsabstand überschritt. Vielleicht lag es auch daran, dass die Nacht über uns aufzog. Ich war immer wieder verblüfft, wie schnell es dunkel wurde im Winter. Daher hatte ich dem Hund auch ein Mäntelchen aus Sicherheitsstoff angezogen. Dieses neonfarbige, reflektierende Material. Dazu ein Leuchthalsband, das jedoch noch nicht eingeschaltet war.

Der erste Nebel erhob sich bereits aus dem Gras, als hätte er sich den ganzen Tag in der Erde verborgen gehalten. Ich marschierte an trostlosen Feldern vorbei. Das Korn war schon vor über einem Monat eingebraucht worden, und auch den Mais hatten die Bauern geschnitten. Schafe weideten auf einer grossen Grasfläche. Der Hund hüpfte aufgeregt am Kunststoffzaun herum, immer in einem Sicherheitsabstand. Er musste wohl wissen, dass diese orangen Schnüre mit Strom gelanden sind.

In der Ferne begann eine Kirchenglocke die volle Stunde zu schlagen, und kurz darauf fiel auch eine zweite ein. Zeit, sich auf den Rückweg zu machen. Als ich mich umdrehte, hielt ich für einen Moment den Atem an: Der Himmel war dunkelblau über mir und ging langsam in ein gelb über, um schliesslich den Horizont in ein leuchtendes Rosa zu tauchen. Bäume, Gebäude und Hügel hoben sich schwarz gegen den strahlenden Hintergrund ab. Mir war, als stände ich mitten in einem Zauberland.

Und hoch oben über mir stand der Abendstern.

Antreiber

16.11.2006

„Mensch Anna, so wird das nie was“, rief Annabelle verzweifelt aus und stellte ihre Kaffeetasse bestimmt auf den Tisch. „Du musst die Sache jetzt endlich mal angehen! Wir haben schon seid zwei Monaten Vorlesungen, und du hast ihn immer noch nicht angesprochen!“ „Ja, genau, so schwer ist das nicht“, warf Beat seine zwei Cents an Gedanken ein. Ich warf ihm einen meiner gefürchteten Todesblicke zu. Leider fiel er nicht tot um, sondern fuhr gleich weiter: „Du musst mich auch nicht mit deinem gefürchteten Todesblick ansehen. Annabelle hat recht. Ich hab dich beobachtet! Jedesmal wenn Emanuel kommt, begrüsst du ihn mit einem breiten Lächeln und beginnst zu glühen!“ „Ich glühe? Ah, darum riecht es neuerdings immer so verkohlt in den Bankreihen“, warf ich sarkastisch ein. „Ich meine es ernst. Lad ihn mal endlich zum Kaffeetrinken ein. Oder noch besser, frag ihn, ob er mir dir an die Psychoparty geht.“ Ich schnaubte verächtlich. „Psychoparty, du machst mir Spass, und wie soll ich wieder nach Hause kommen?“ „Das ist ja der Zweck der ganzen Sache. Emanuel wohnt irgendwo in dem Quartier, wo die Party stattfindet. Was für eine gute Gelegenheit.“ Auf Annabelles Gesicht breitete sich ein ein schmutziges Grinsen aus. „Ha, wofür hälst du mich nur? Ich springe doch nicht gleich beim ersten Date mit einem Kerl in die Kiste!“, spielte ich die Entrüstete. „Würde dir aber gut tun“, entgegnete Beat trocken. Ich konnte nicht anders und lachte los. „Okay, ihr habt mich überzeugt, ich frag ihn. Aber ich fahr an dem Tag wieder nach Hause, wollte schon immer mal den Nachtzug benützen.“

Eine Stunde später fühlte ich mich nicht mehr so selbstsicher und überschwänglich. Tatsächlich hatte ich das Bedürfnis, meine Fingernägel bis zur Wurzel abzuknabbern, mich zu übergeben und mir in die Hosen zu machen. Alles zeitgleich natürlich. Emanuel kam wie immer eine Viertelstunde vor Vorlesungsbeginn. Wie sollte ich das Gespräch nur anfangen. Himmel. Keine Ahnung! Panik! Hilfe!

“Hallo Emanuel”, sprach ich ihn an. Das war sicher die einfallreichste Einleitung, aber verdammt, es ging auch nicht darum, einen Nobelpreis in Rhetorik zu gewinnen. „Hei Anna. Wie geht’s?“ Toll, ich war einfach der Oberverlierer. Völlig ungeeignet für solche Gespräche. Mir fiel nicht mal ein, mich nach seinem Befinden zu erkundigen. „Danke, gut. Du, ich wollte dich was fragen.“ Nun war ich wirklich kurz davor, auf den Tisch zu kotzen. Das würde sicher total viel Eindruck machen. Einen schlechten natürlich. Tolle Geschichte für meine Enkel: „Tja meine Lieben, euer Opa und ich, wir sind uns näher gekommen, nachdem ich mich an der Uni über ihn übergeben habe. So war das damals. Ja ja, die guten alten Zeiten.”

Einen Moment war ich irritiert, schon so weit zu denken, dann fiel mir wieder ein, dass ich im jetzt und hier war und ihn fragen musste. Emanuel sah mich bereits wartend an. Okay, tief luft holen: „Hast du am Freitag schon was vor?“ “Ähm, ich muss am Vormittag arbeiten, und am Nachmittag ist ja das Proseminar…” Na super, er hatte offenbar keine Lust. Kein Mensch, beantwortet eine so offensichtliche Frage, die garantiert nicht auf seine Tagespläne, sondern auf den Abend abzielte, so bescheuert. Immerhin, nun konnte ich Annabelle und Beat sagen, dass er entweder nicht interessiert oder nicht helle genug war. „…warum?“ Oh. Er hat gefragt, warum… „Naja, am Freitag ist ja die Psychoparty, und ich hab mich gefragt, ob du Lust hast, mit mir da hin zu gehen – falls du nicht schon eine Begleitung hast?“ Falls ja, würde ich sie finden und töten müssen. Nachdem ich mich endlich getraut hatte, ihn zu fragen, musste er einfach mit mir gehen. Dahin meine ich natürlich.

„Hm, das ist jetzt blöd. Ich muss nach dem Proseminar….“. Darauf folgte irgend eine doofe Erklärung, auf die ich natürlich total verständig reagierte. Das Leben ist Scheisse.

From Outer Space

13.11.2006

Die Ausserirdischen hatten mich während einer Zugfahrt zu meinen Grosseltern erwischt. Es war mir wirklich ein Rätsel, wie sie es hingekriegt hatten, nur mich aus diesem Waggon rauszuholen. Noch mehr irritiert war ich von der Offenbarung, dass diese Wesen offenbar tatsächlich ihre Zeit damit vergeudeten, Menschen zu entführen und zu untersuchen.

Da mich bei meinen Grosseltern wie bei jedem meiner Besuche eine sensationelle Mocca-Torte aus Buttercreme erwartete, war ich gelinde gesagt stocksauer, mich plötzlich in einem Ufo wieder zu finden. Natürlich machte ich meinen Ärger auch lautstark Luft.

Der eine Ausserirdische, dessen Name ich sicher nicht mal aussprechen könnte, wenn ich mir die Zunge rausreissen und dafür einen Finger reinoperieren lassen würde, amüsierte sich sehr darüber.

Ich verlegte mich darauf, ihn mit sämtlichen Schimpfworten zu bewerfen, die mir gerade einfielen. Was nicht viele waren, da ein anderer Ausserirdische (um dessen Namen auszusprechen müsste ich mir wohl die Ohren verkehrt herum annähen lassen) gerade in der Sprachregion meines Gehirns rumfummelte.

Déjà vu

13.11.2006

„Kommen wir nun zum Kovariations- und Konfigurationsprinzip von Kelley. Sie werden vielleicht im ersten Moment etwas erschrecken ob der Theorie, doch ich versichere Ihnen, diese beiden Prinzipien wenden wir tagtäglich an.“

Ich notierte mir den Text von der an die Wand projezierten Folie und versuchte, mich auf das Referat des Professors zu konzentrieren. Ich war schon den ganzen Tag seltsam unruhig gewesen. Als hätte ich etwas vergessen, oder als würde etwas passieren. Mein Blick schweifte wieder zur grossen Wanduhr. Sie zeigte 13.13 Uhr. Für einen Moment wurde mir schwarz vor Augen. Ich atmete tief ein und aus, langsam und konzentriert. Für einen Moment flimmerte noch eine Armee von schwarzen Punkten vor meinen Augen, dann konnte ich den Prof wieder sehen. Ein nagendes Gefühl befiel mich. Hatte ich dies nicht schon mal erlebt? Ich versuchte, an etwas anderes zu denken. „Einatmen, ausatmen“. Atmen war immer gut.

Annabelle drehte plötzlich den Kopf und wandte ihre Aufmerksamkeit mir zu. Ihr Gesicht war verzerrt von einem Ausdruck von Grauen. Ich hob irritiert an, sie zu fragen, was los sei. Da bemerkte ich, dass etwas nicht stimmte. Vor mir schien grüner Rauch aufzusteigen. War ein elektrisches Kabel am schweelen? Ich blähte die Nasenflügel, um nach allfälligem Rauchgestank zu fanden. Es würde ein unglaubliches Chaos geben, wenn 600 Studentinnen und Studenten versuchen würden, bei Feueralarm aus dem Saal zu stürmen. Der grüne Rauch kam in regelmässigen Stössen. Plötzlich traf mich die Erkenntnis wie ein Vorschlaghammer:

Der Rauch kam aus meiner Nase!

Schlaflos

13.11.2006

Ich lag in meinem Bett uns starrte frustriert an die Decke. Es war schon lange Mitternacht vorbei, und ich war hellwach. Der Vollond zauberte seltsame Muster auf meine Bettdecke. Ich versuchte mir eine geistige Notiz zu machen, ab Morgen den Rolladen während der Nacht vollständig zu schliessen. Auch wenn ich es mochte, dass die Strassenlaternen vor dem Haus ihr oranges Licht ins Zimmer warfen. Wenn mir danach wäre, könnte ich die ganze Nacht im Halbdunkeln durch meine Wohnung streifen. Doch danach war mir im Moment nicht. Draussen hörte ich die ersten Schläge der Kirchenglocke. „Dong“ – „Eins“ – „Dong“ – „Zwei“ – „Dong“ – „Drei“ – „Dong“ – „Vier“ – „Dong“ – „Fünf“ – „Dong“ – „Sechs“ – „Dong“ – „Sieben“ – „Dong“ – „Acht“ – „Dong“ – „Neun“ – „Dong“ – „Zehn“ – „Dong“ – „Elf“ – „Dong“ – „Zwölf“ – „Dong“ – „Dreizehn“.

Ärger

13.11.2006

„Fred, du gehst mir auf den Wecker. Wie ist das? Bist du heute Morgen aufgestanden und hast beschlossen: „Das ist ein nerv-Anna-bis-sie-explodiert-Tag?““ Sein Grinsen gab mir den Hinweis, dass wohl genau das passiert war.

Der Kurs – Teil 3

13.11.2006

Plötzlich war ein ohrenbetäubendes Donnern zu hören, als würde der Himmel auseinanderbrechen. Die Stimme des Radiosprechers überschlug sich, und er begann wie irre ins Mikrophon zu schreien: „Dort, am Himmel, es ist unglaublich! Oh mein Gott, das kann einfach nicht wahr sein! Es ist unglaublich! Oh Gott, das kann einfach nicht wahr sein!“ Alle in der Halle sprangen auf und stürmten nach draussen. Und dort am Himmel waren sie. Umgeben von einem drohenden roten Licht, als wäre die Hölle aufgebrochen. Vier dunkle Reiter auf mächtigen Schlachtrössern. Der erste ritt einen Schimmel, den Bogen in der Hand und eine Krone aus loderndem Feuer auf dem Haupt. Der zweite sass auf einem roten Pferd und hielt ein Flammenschwert in der Hand, mit dem vielleicht bisher der Garten Eden bewacht wurde. Der dritte auf einem Rappen, der aus Schatten zu bestehen schein, hielt eine mächtige Waage, und hinterliess eine Spur aus verrottetem Getreide. Der letzte Reiter sass auf einem fahlen Pferd, das nur noch aus Knochen zu bestehen schien, und auch seine Hand, die unter einer schweren Kutte hervorlugte, war weiss wie Schnee.

„Nazgul!“, schrie jemand, und einige in seiner Nähe kicherten. Ein anderer begann zu lachen, hysterisch, in einer sich steigernden Lautstärke, bis nicht mehr auszumachen war, ob er noch lachte oder schon schluchzte. Hanna hatte sich während der Flucht nach draussen verzweifelt an mir festgehalten, und fiel nun auf die Knie, und begann leise zu murmeln:

„Und ich sah, dass das Lamm das erste der sieben Siegel auftat, und ich hörte eine der vier Gestalten sagen wie mit einer Donnerstimme:
Komm!
Und ich sah, und siehe, ein weißes Pferd. Und der darauf saß, hatte einen Bogen, und ihm wurde eine Krone gegeben, und er zog aus sieghaft und um zu siegen.
Und als es das zweite Siegel auftat, hörte ich die zweite Gestalt sagen:
Komm!
Und es kam heraus ein zweites Pferd, das war feuerrot. Und dem, der darauf saß, wurde Macht gegeben, den Frieden von der Erde zu nehmen, dass sie sich untereinander umbrächten, und ihm wurde ein großes Schwert gegeben.
Und als es das dritte Siegel auftat, hörte ich die dritte Gestalt sagen:
Komm!
Und ich sah, und siehe, ein schwarzes Pferd. Und der darauf saß, hatte eine Waage in seiner Hand.
Und ich hörte eine Stimme mitten unter den vier Gestalten sagen: Ein Maß Weizen für einen Silbergroschen und drei Maß Gerste für einen Silbergroschen; aber dem Öl und Wein tu keinen Schaden!
Und als es das vierte Siegel auftat, hörte ich die Stimme der vierten Gestalt sagen:
Komm!
Und ich sah, und siehe, ein fahles Pferd. Und der darauf saß, dessen Name war: Der Tod, und die Hölle folgte ihm nach. Und ihnen wurde Macht gegeben über den vierten Teil der Erde, zu töten damit Schwert und Hunger und Pest und durch die wilden Tiere auf Erden.“

Während Hanna diese berühmten Verse rezitierte, war es totenstill geworden. Der Himmel stand in Flammen, und die vier Reiter zogen über den Himmel und brachten uns die Dunkelheit.

Der Kurs – Teil 2

12.11.2006

Jemand anderes stiess einen Schrei aus, und von weiter hinten im Seminarraum konnte ich ein „Ich bin blind!“ hören. Stühle wurden umgestossen und Tische nach vorne verrutscht, wo nun eingeklemmte Studentinnen zu kreischen begannen. Weil ich vorne stand, konnte ich Herr Licht hören, der die Leute zu beruhigen versuchte: „Bitte, meine Damen und Herrn, beruhigt euch! Es bringt gar nicht, wenn jetzt alle in Panik verfallen!“ Der schrille Unterton in seiner Stimme strafte seine ruhigen Worte Lüge. Jemand stiess einen Schmerzensschrei aus.

Ich war mir unangenehm bewusst, weit weg von meiner Tasche und Beat und Annabelle zu sein. Ansonsten hätte ich versucht, mein Handy als Taschenlampenersatz zu benutzen. Schon rempelten mich die ersten Fliehenden an, so dass ich an die Wand zurückwich, um nicht umgerannt zu werden. Langsam näherte ich mich darauf meinem Sitzplatz. Irgendjemand schluchzte, und ich fragte: „Hei, wer bist du?“ „Hanna“, kam es erstickt zurück. „Ganz ruhig Hanna. Es wird sicher bald jemand mit einer Taschenlampe kommen, und dann wird sich alles aufklären. Am besten bleibst du hier sitzen. Ich komme gleich wieder, ich muss meine Tasche holen.“ „Bist du das Anna?“ kam Beats Stimme aus der Dunkelheit. Ich musste also schon nahe an meinem Platz sein. „Ja, ich bins, wo ist Annabelle?“ fragte ich zurück. „Hier, gleich neben mir. Die anderen sind links und rechts aus der Reihe gestürmt, darum ist uns nichts passiert. Ich glaub, jemand hat sich den Knöchel verletzt beim raus rennen. Warum bist du nicht auch rausgelaufen?“ „Ich bin auf dem Weg zu meinem Handy.“ „Dein Handy?“, erklang nun auch Annabelles Stimme, „Wen willst du denn jetzt anrufen?“ Offenbar hatten die beiden meine Unterhaltung mit Hanna nicht gehört. Ah, Moment, es war ja blöd, sie dort sitzen zu lassen. „Hanna, ich hab mich umentschieden, komm mit und bleib dich hinter mir. Wir setzen uns zu meinen Freunden und warten dann ab.“ Hanna schluchzte noch mal und dann spürte ich sie aufstehen und mit ihrer Hand nach meinem Pulli tasten. Einen Moment musste ich grinsen. Wenn ich mir mit einer Begleitung dein Weg durch eine grosse Menschenmenge kämpfen musste, hielt ich mich auch immer am Pulloversaum fest. „Ich will niemanden anrufen, aber das Handy kann als schwache Taschenlampe dienen“, beantwortete ich nun auch endlich Annabelles Frage, „Ich bin hier noch über Hanna gestolpert, wir kommen jetzt zu euch rüber.“ Plötzlich kam mir der ganze Seminarraum, der nicht mehr als zehn mal zehn Meter sein konnte, wie eine grosse dunkle Höhle vor. „Gut, aber passt auf, es liegen wahrscheinlich eine Menge Stühle auf dem Boden rum“, rief Beat. „Du musst nicht so brüllen,“ grinste ich ihn in die Dunkelheit an, „wir sind schon da.“ „Na zum Glück. Apropos Handy, ich hab doch eines mit einer Taschenlampe, damit man Fotos in der Nacht machen kann. Moment…“, sprach er und plötzlich war ich von einem Lichtstrahl geblendet. Hanna hinter mir stiess einen überraschten Kikser aus. Ich war unendlich froh, hatte schon befürchtet, eine elektromagnetische Bombe hätte alle Handys, Taschenlampen und ähnliches lahm gelegt.

„Uha, Beat, nimm das Licht aus meinen Augen, ich sehe sonst nichts mehr!“ Beat schaltete die Lampe wieder aus. „Gut, wir haben jetzt Licht, was machen wir nun?“ Annabelles Frage war durchaus berechtigt. Plötzlich erschall eine Stimme durch den Raum: „An alle Menschen, die sich noch hier im Gebäude befinden, hier spricht der Hausmeister. Bitte bewahren sie Ruhe und begeben Sie sich in die grosse Eingangshalle. Benutzen Sie auf keinen Fall die Aufzüge, auch wenn diese noch funktionieren sollten. Offenbar sind nicht alle elektrischen Geräte ausgefallen. Ich habe gerade einen Anruf von der Polizei erhalten, wir sollen uns besammeln und abwarten. Es besteht kein Grund zur Panik. Wir werden in der grossen Halle ein Radio aufbauen, dass uns mit den aktuellen Informationen von Armee und Zivilschutz versorgt. In ungefähr einer halben Stunde werden Helfer der beiden Organisationen kommen und uns weitere Instruktionen geben. Bitte begeben Sie sich also in die grosse Eingangshalle, benützen Sie nicht die Lifte und bewahren Sie Ruhe.“ Der Kerl vom Hausdienst wiederholte seine Ansage noch einige Male. Wir schulterten unsere Taschen, und machten uns mit den Händen am Pullover vom Vordermann im Gänsemarsch auf den Weg in die grosse Halle, Beat mit seiner improvisierten Taschenlampe voraus. Als wir im Gang eine Blutspur entdeckten, konnte ich ein Schaudern nicht unterdrücken. War hier ein irrer Massenmörder unterwegs?

Schon von weitem hörten wir das Stimmengewirr aus der Eingangshalle. Ich hatte mir noch nie Gedanken darüber gemacht, wie viele Menschen in das Gebäude passten, und heute war ja eigentlich Samstag, als hätte es nicht voll besetzt sein dürfen. Doch offensichtlich verbrachten auch andere Leute ihre freie Zeit mit Weiterbildung. Als wir die Menschenmasse erreichten, blendeten uns einige Taschenlampen und Handys. Offenbar waren auch andere auf die gleiche Idee gekommen. Die meisten hatten sich auf dem Boden auf Decken niedergelassen, die wohl die Angestellten aus den Zivilschutzkellern unter dem Gebäude organisiert hatten. Obwohl es Sommer war, konnte der Steinboden empfindlich kalt werden. Eine Ecke schien besonders gut beleuchtet zu sein. Offenbar war dort ein provisorisches Krankenlazarett eingerichtet worden. Als ich nachfragte, erklärte mir ein etwas älterer Mann, dass sich etliche Studenten bei der kopflosen Flucht verletzt hatten. Das erklärte wohl auch die Blutspur auf dem Gang.

Wie angekündigt wurde schon bald ein Radio gebracht. Der Hausmeister gab noch mal ein paar Verhaltensregeln und die neuesten Infos von der Polizei durch. Offenbar konnte noch nicht geklärt werden, wieso der elektrische Strom zwar noch funktionierte, aber keine Glühbirnen und Neonröhren. Weshalb es draussen mitten am Tag auf einen Schlag stockdunkel geworden war, war ebenfalls immer noch Gegenstand der Ermittlung. Jemand rief während er sprach dazwischen, dass man doch versuchen solle, ob die Fernseher noch funktionieren. Offenbar waren diese aber auch von dem ominösen Ausfall betroffen. Nachdem der Hausmeister noch mal sein Bedauern ausgedrückt hatte, stellte er endlich das Radio an. Das reguläre Programm war unterbrochen worden, und es gab Berichte, wo was zusammengebrochen war. Aus Sicherheitsgründen wurde der Verkehr unterbrochen, Handys funktionierten nicht, dafür konnten sich Helfer im ganzen Land per Festnetzanschluss miteinander verständigen. Natürlich hatte es viele Verletzte und einige Tote gegeben, vor allem auf den Autobahnen. Ich erschauderte. Das hätte mir wirklich nicht passieren müssen, plötzlich im Stockdunkeln mit 120 km/h unterwegs zu sein.

Es brach Unruhe im Saal aus, als bei der Erwähnung des Festnetzanschlusses etliche Leute den Hausmeister zu bestürmen begannen, ob sie nicht ihre Familien und Freunde anrufen dürften. Jene, die weiter weg sassen verlangten mehr Ruhe, da sie die weiteren Ansagen im Radio hören wollten. Mitarbeiter vom Hausmeister hasteten an den Wänden der Halle entlang, um weitere Radios aufzustellen. Hanna neben mir war leise in Tränen ausgebrochen.

Der Kurs

11.11.2006

„Denkst du, dass du dazu so viel zu erzählen hast?“ Beat musterte mich mit einem kritischen Blick.
„Himmel, was denkst du denn von mir? Gut, 45 Minuten sind vielleicht viel Zeit, aber die kriege ich locker voll. Ich kann schliesslich eine Menge über Fanfiction erzählen. Was denkst du, wie viele Stunden ich dir schon die Ohren zugequatscht habe damit? Falls ich zu früh fertig bin, kann ich immer noch ein paar Empfehlungen abgeben?“
„Empfehlungen?“, Anabelles Stimme hatte einen unangenehmen, schrillen Unterton. Es war wirklich toll, wie sehr mich meine Freunde zu ermutigen versuchten. „Würdet ihr euch bitte daran erinnern, wer mich an diesen ich-bin-bei-Referaten-total-unsicher-darum-lerne-ich-das-hier –Kurs mitgeschleppt hat? ICH habe diesen Kurs ganz sicher nicht nötig. Und wenn ich schon einen so langen Vortrag halten soll, dann wähle ich natürlich ein Thema, dass mich interessiert.“
„Du mogelst doch! Wenn du fürs Studium ein Referat halten musst, kannst du dir das Thema auch nicht immer aussuchen“, warf Anabelle ein.
„Punkt für dich. Aber so was kriege ich trotzdem besser hin als ihr. Ist mir ja schleierhaft, wie ihr durchs Gymnasium gekommen seid.“ Mein freches, breites Grinsen bewahrte mich davor, sofort erwürgt zu werden.

Vor zwei Monaten war Beat mit einem Flyer angekommen, der Werbung für einen Referat-Kurs machte. Unsichere Studentinnen und Studenten sollten dort gute Tipps bekommen, wie man einen Vortrag hält. Planung, Ablauf, Selbstsicherheit im Sprechen. Anabelle war sofort Feuer und Flamme. Ich konnte mich nicht wirklich dafür begeistern. Die Teilnehmerzahl war auf 30 Personen beschränkt. Mit so wenig Leuten wurde ich locker fertig. Für mich wären mindestens 100 Zuschauerinnen und Zuschauer interessant gewesen. Vor so einer Menge wurde ich immer sehr nervös, was sich natürlich auf meine Selbstsicherheit und so auch auf meine Ruhe auswirkte. Widerwillig liess ich mich trotzdem überreden.

In den kommenden Wochen verbrachte ich meine Samstage jeweils in einem stickigen Seminarraum an der Uni. Die Grundlagen lagen mir sowieso im Blut, trotzdem versuchte ich, aus jeder Stunde etwas mitzunehmen. Nach dem dritten Treffen bekamen wir als Hausaufgabe jeweils ein Thema, zu dem wir einen kurzen Vortrag vorbereiten mussten. Die Redezeit wurde jedes Mal um zehn Minuten erhöht.

Nächsten Samstag würde ich nun so zu sagen das Gesellenstück abliefern müssen. Ein so langer Vortrag muss natürlich entsprechend vorbereitet werden, und da wir nicht wirklich viel Zeit dafür hatten, konnten wir ein Thema wählen, für das wir uns sowieso schon interessierten. Anabelle hatte „Heilende Steine – Mythos und Realität“, Beat „Moto Guzzi Motorräder – Von den Anfängen bis zur Gegenwart“ gewählt. Ich hatte mich für „Fanfiction – Harry Potter ist mehr als nur ein Zauberschüler“ entschieden. Insgeheim war ich mir nicht wirklich sicher, wie ich Beats Referat überleben sollte.

Die anderen Teilnehmer hatten ebenfalls für mich mehr oder weniger spannende Themen gewählt. Ich freute mich bereits auf „Bonsai – Die Kunst der Baumzähmung“, „Japanischer Kampfsport – Karatekid und Kung Fu-Mönch“ und „Dogwispering – Wenn Hunde sprechen“. Für einige Referate versuchte ich mir immer noch eine Ausrede einfallen zu lassen, um nicht teilnehmen zu müssen. „Jurisprudenz – Eine wertlose Wissenschaft?“, „Fussball – Von der leeren Aludose zur WM“ und „Opel – Eine deutsche Marke erobert die Welt“ konnte mich nicht wirklich überzeugen. Kam noch hinzu, dass die Vortragenden totale Schlaftabletten waren, wie ich in den Übungsstunden zu Genüge feststellen konnte. Ich war wirklich versucht, diesen hoffnungslosen Kerlen anzubieten, mich jeweils als sie auszugeben und ihre Vorträge selbst zu halten. In verzweifelnden Situationen muss man zu ungewöhnlichen Mitteln greifen.

Am Mittwoch schon sassen wir wieder in der Uni zusammen. Beat hatte mich Dienstag Abend völlig verzweifelt angerufen, er käme mit seinem Vortrag, der PowerPoint-Präsentation, dem Handout und grundsätzlich seinem Leben nicht zurecht. Krisensitzung also am Mittwoch. Ich war ganz froh darüber, meine PowerPoint-Folien sahen richtig schlecht aus. Anabelle hatte mir am Wochenende am Telefon versichert, das sei nicht so schwierig. Ich hatte darauf den Montag damit verbracht, mich mit Textfeldern rumzuschlagen, die sich nicht bündig positionieren liessen, und eine Autokorrektur, die ich trotz halbstündiger Suche im Internet nicht abstellen konnte. Dienstags war ich kurz davor, meinen Computer aus dem Fenster zu werfen, da rettete mich Beat.

Gemeinsam überarbeiteten wir unsere Vorträge, motzten die Folien auf und übten unsere Texte. Ich hatte mich noch nie so gut auf ein Referat vorbereitet. Ich hatte noch nie so tolle PowerPoint-Folien, um meine Worte zu verdeutlichen. Nun konnten wir damit beginnen, nervös zu werden.

Das Klatschen verebbte ziemlich schnell. Immerhin war es aber so laut um die Leute zu wecken, die während „Fussball – Von der leeren Aludose zur WM“ geschlafen hatten. Wie befürchtet waren diese drei Viertel Stunden unerträglich. Nicht nur dass ich Fussball grundsätzlich nicht ausstehen konnte, von den PowerPoint-Folien dieses Kerles bekam man auch noch augenblicklich Augenkrebs. Welcher normale Mann kombiniert für einen Vortrag über Fussball Rosa und Orange? Dass er als jedes zweite Wort „Äh“ oder „Hm“ sagte, trieb mich fast in den Wahnsinn, bis ich anfing, eine Strichliste zu führen. Er kam auf 321 „Äh“ und 271 „Hm“. Ich musste mich wirklich zwingen, nicht einfach aus dem Fenster zu sehen. Gegen Ende der 45 Minuten wurde ich dann immer unruhiger, schliesslich würde ich nach ihm dran kommen. Hoffentlich waren die Leute schon alle geistig verkümmert, bis es soweit war.

Herr Licht erlöste mich von meinem Leiden. „Als nächstes ist Anna dran. Sie wird uns etwas über Fanfiction erzählen und erklären, warum Harry Potter nicht nur ein Zauberschüler ist.“ Im Raum erklang wieder Klatschen und ich ging nach vorne. „Hallo zusammen. Wie Herr Licht bereits sagte, ist mein Thema „Fanfiction – Harry Potter ist mehr als nur ein Zauberschüler“. In den nächsten drei Viertel Stunden werde ich euch erklären, was Fanfiction eigentlich sind, wie sie entstanden, wer sie schreibt, wer sie liest und wo man sie findet. Am Schluss werde ich gerne noch auf Fragen eingehen. Nun, was sind Fanf…“ Plötzlich ging das Licht aus.

Das Licht ging aus.

Es war plötzlich stockdunkel.

Wir befanden uns in einem Seminarraum mit grossen Fenstern. Es war Sommer, noch nicht ganz 16 Uhr, und wir sassen im Dunkeln. Als hätte jemand eine unglaublich grosse Käseglocke über die Welt gestülpt. Oder ein Abtropfsieb, denn in der Ferne konnte ich Sterne am Himmel entdecken.

Jemand schrie: „Die Apokalypse! Wir werden alle sterben!“ Dann ging das Chaos los.

TBC

Aufwertung

9.11.2006

„Hei Anna, ich hab da mal eine Frage zum Konfigurationsprinzip.“ Andrea setzte sich neben mich. Ich stellte meinen Kaffee seufzend hin und wendete mich ihr mit fragendem Blick zu. „Also, es gibt ja das Aufwertungs- und das Abwertungsprinzip. Wenn ich am alten Arbeitsplatz sexuell belästigt werde, am neuen Arbeitsplatz aber mehr Geld und mehr Urlaub bekomme, dann werden diese drei für die Kündigung sprechenden Argumente alle abgewertet. Wenn ich belästigt werde, am neuen Arbeitsplatz aber weniger Geld und weniger Urlaub bekomme, wird der Kündigungsgrund „Sexuelle Belästigung“ aufgewertet. Aber wie kann man denn da jetzt Voraussagen darüber machen, ob ich wirklich kündige oder nicht?“ Ich musste grinsen. Vor ungefähr einem Jahr hatte ich mir diese Frage auch gestellt. Heute schien mir die Antwort völlig logisch und offensichtlich.

„Weil das eine Attributionstheorie ist. Die Ursachenzuschreibung findet immer erst statt, nachdem das Ereignis bereits eingetreten ist. Ob eine Aufwertung oder eine Abwertung stattgefunden hat, kann man erst im Nachhinein sagen. Voraussagen über das Verhalten kann man nur mit attributionalen Theorien machen. Und ja, die spinnen die Psychologen, die zwei Theorien so ähnlich zu benennen.

Falls diese Vorlesung dieses Jahr auch gehalten wird, kommen attributionale Theorien dann zum Beispiel in Zusammenhang mit dem proaktiven Verhalten.“ Als mich Andrea bei dem Wort fragend ansah, grinste ich nur. Ich hatte ihr schon am zweiten Tag eine Online-Enzyklopädie ans Herz gelegt und wusste genau, wonach sie an diesem Abend suchen würde. „Da werden wir dann lernen, dass zum Beispiel viele Zuschauer bei einem Unfall sich gegenseitig am Eingreifen hindern.“ „Ja, weil sich alle drum streiten, wer helfen darf. Da gab es schon riesige Schlägereien!“, warf Beat ein. „Quatsch! Du bist ein Spinner, glaub ihm kein Wort Andrea. Nein, das Problem wäre dann die sogenannte Verantwortungsdiffusion. Jeder denkt, der andere greift ein, fühlt sich also nicht wirklich verpflichtet, selbst zu helfen. Es gibt noch einige andere hemmenden Mechanismen, aber wie gesagt, das kommt alles noch.“

„Verantwortungsdiffusion“, murmelte Andrea mit gedankenverlorenem Blick vor sich hin. „Dieses Studium ist so cool, man lernt so viele interessante Wörter. Die muss ich gleich heute Abend meinem Freund erzählen. Obwohl, er findet eh schon, dass ich viel zu klug werde… Danke, und bis nachher!“ Ich rollte mit den Augen und trank weiter.