Der Schmerz

9.11.2006

„Ich geh heim!“ Abrupt stand ich auf. Zu schnell, mir wurde augenblicklich Schwarz vor Augen. Ich versuchte das Gleichgewicht zu halten und atmete tief ein und aus, versuchte, die Dunkelheit wegzuatmen. „Das hättest du schon vor zwei Stunden machen sollen. Du siehst leichenblass aus“, kommentierte Anabelle mit strengen Blick. Es ist wirklich bitter, wenn einem der Kopf zu explodieren scheint und man auch noch zugeben muss, dass man ein unvernünftiger Sturkopf ist. Ich begann wortlos meine Sachen zusammen zu packen. Meine Hände zitterten unmerklich dabei. „Ich dachte, du hast jetzt einen neuen Betablocker? Die Anfälle kommen aber wieder häufiger, oder?“, erkundigte sich Beat. „Hats erst auch super geholfn. Weiss auch nich, wiesos jetz nich mehr nützt“, nuschelte ich. Im Moment war mir wirklich nicht nach Analysen. „OK, ich geh dann mal. Bis morgn.“

Draussen schien die Sonne. Natürlich. Die Sonne schien immer, wenn ich einen Migräneanfall hatte. Hastig fummelte ich nach meiner Sonnenbrille. Mit Blick auf den Boden schlug ich den Weg Richtung Bahnhof ein. Vor meinen Augen tanzten interessante Muster aus schwarzen Kreisen, die zu pulsieren schienen. Mein Gehirn war stehts bereit, sich zu meiner unterhaltung etwas neues einfallen zu lassen. Irgendwie stand ich plötzlich vor den grossen Fahrplantafeln. Blackouts, das hatte mir gerade noch gefehlt.

Im Zug suchte ich mir ein freies Abteil und schickte ein Stossgebet zu allen Göttern, dass sich keine Familie mit schreienden Kindern in diesen Waggon verirrte. Schon das gedämpfte Fahrgeräusch des Zuges war kaum erträglich. Da ich nichts tun konnte als rumzusitzen, gab es auch nichts, mit dem ich mich vor den um ein vielfaches verstärkten Geräuschen schützen konnte. Mein Kopf war ein pulsierender Schmerz, und ich versuchte verzweiflte, die Stirn mit meinen Händen zu wärmen. Ich wollte nur noch schlafen, doch das war gefährlich. Meine Haltestelle zu verpassen wäre eine Katastrophe.

Zu Hause angekommen (wie war ich hergekommen?), durchsuchte ich meine Hausapotheke. Wie hatte ich mein Migränemittel vergessen können? Wieso hatte ich es nicht dabei? Glücklich drückte ich eine Tablette aus der Packung. Wunderte mich mal wieder, wie unglaublich kein ein so unglaublich grosses Geschenk sein konnte. Einen Moment musste ich am Wasser würgen, dass ich zum runterspühlen der Tablette trank. Bloss keine Nahrung, bloss keine Flüssigkeit. Erleichtert sank ich in mein Bett. Die Decke war schwer und weich, und die Sonne warf geheimnisvolle Muster auf meine Bettdecke. Der Mann löste sich aus den Schatten meiner Seele und entwich als grüner Rauch aus meinem Körper.

Der Wald

9.11.2007

Ich konnte mir wirklich erklären, wie ich in diesen Wald geraten war. Ich hatte beschlossen, nach den Vorlesungen des Tages noch etwas shoppen zu gehen. Die Weihnachtszeit war vielleicht nicht gerade die ruhigste, doch ich mochte die üppigen Dekorationen. Es konnte mir nie genug glitzern und leuchten.

Als ich in die Betrachtung der Schaufenster versunken durch die Strassen schlenderte, tauchte plötzlich ein grosses Objekt vor mir auf. Aus den Augenwinkeln hatte ich es im letzten Moment entdeckt und konnte gerade noch ausweichen. Als ich mich umdrehte um zu sehen, was mir da im Wege stand, war ich verblüfft. Keinen Meter von der Fassade entfernt stand ein ausgewachsener, mehrere Meter hohe Baum. Der Strassenbelag um seine Wurzeln war aufgerissen, als wäre er nur wenige Sekunden zuvor aus dem Boden geschossen. Kopfschüttelnd ging ich weiter. Entweder war dies ein Weihnachtskunstwerk, wofür die Stadt berühmt war. Oder jemand hatte sich einen dummen Scherz erlaubt. Auch wenn ich mir nicht erklären konnte, wie man so einen grossen Baum mitten in die Stadt bekam. Vielleicht waren ja Asterix und Obelix kurz vorbeigekommen.

Schnell hatte ich mich wieder in den Schaufenstern verloren und bewunderte das prächtige Angebot. So bemerkte ich auch nicht, dass es immer dunkler und leiser um mich herum wurde. Bis ich die letzte Boutique der Strasse erreichte. Plötzlich war Stille um mich herum. Und ich stand mitten in einem Wald. Einem gruseligen Wald, voller gruseliger, hoher Bäume. Bei Tageslicht hätte es mir hier sicher gut gefallen, denn der Boden war nicht wie so oft mit altem Laub bedeckt, sondern bestand aus weichem Gras. Ein leichter Wind blies weiter oben durch das Blätterdach, und hie und da erreichte gespenstisch bleiches Mondlicht den Waldboden.

„Toll“, konnte ich nur sarkastisch denken, und mich vor Angst gelähmt nicht bewegen. Alleine mitten in einem verlassenen Wald zu sein, das war wohl einer der schlimmsten möglichen Albträume. Ich versuchte, die rasend schnell in mir aufsteigende Panik zu bekämpfen. Dunkelheit. Alleine an einem unbekannten Ort. Ich war in der Hölle gelandet, und in der Hölle wuchsen wunderschöne, grosse Bäume.

„Es wird sicher kein irrer Mörder so verrückt sein, mitten in der Nacht in diesem verdammten Wald auf ein Opfer zu warten“, versuchte ich mir einzureden. Es waren die gleichen Worte, die wir uns in den Schullagern der Kindheit zuflüsterten, wenn wir während einer Nachtübung Angst hatten. Und wie damals half dieses Wissen nun auch nicht, mich in irgendeiner Weise zu beruhigen.

Ich musste da raus. Obwohl mich die Angst bis in die Knochen zu lähmen schien, zwang ich meine Beine und meine Füsse, sich zu bewegen. Vielleicht hatten die auch ein eigenes Bewusstsein entwickelt, mit dem gleichen Ziel wie mein Gehirn: Nur weg hier!

Da ich keine Ahnung von der Flugbahn des Mondes oder der Bestimmung von Himmelsrichtungen mithilfe von Sternen hatte, und die Sterne durch die spärlichen Lücken im Blätterdach sowieso nicht auszumachen waren, drehte ich mich dreimal im Uhrzeigersinn um meine Achse und lief dann einfach los. All zu gross konnte der Wald ja nicht sein. Ich hatte als Kind viel Zeit in den Wäldern um mein Elternhaus verbracht, und die waren alle nicht sehr ausgedehnt.

Nach einiger Zeit blieb ich im Zentrum einer Mondlichtinsel stehen. Meine Armbanduhr zeigte zwei Uhr morgens. Wie war das nur möglich, ich konnte doch erst ungefähr eine halbe Stunde unterwegs sein? Als ich meinen Marsch fortsetzte, begann ich meine Schritte zu zählen. Bei 200 blieb ich stehen und prüfte wieder die Uhrzeit. 4.05 Uhr.

Menschen, die plötzlich an Orten auftauchen, wo sie nicht sein sollten, und die sich auch nicht erinnern konnte, wie sie dahin gekommen waren. Uhren, die verrückt spielten. Augenblicklich fielen mir sämtliche Berichte und Filme über Entführungen durch Ausserirdische ein, die ich jemals gesehen hatte. Der kalte Schweiss brach mir aus. War das möglich? Wenn ich meinen Mantel öffnete, würde ich ein T-Shirt tragen, auf dem stand: „I was abducted by Aliens, and all I got was this lousy T-Shirt!“

Mit zittriger Hand griff ich nach meinem Hals, um meinen Schal zu lösen.

Überwindung

7.11.2006

„Ich kann nicht mehr!“ Als ich mich umdrehte, sah ich Andrea auf einem Stein sitzen und schmollen. Himmel, wie kann man nur so verweichlicht sein? „Himmel, wie kann man nur so verweichtlicht sein“, frage ich sie, „wir sind gerade mal zwei Stunden unterwegs.“ „Ich bin aus der Stadt, ich bin es nicht gewöhnt, so weit zu laufen!“, kam die trotzige Antwort. „Glaubst du, nur weil ich vom Land komme, sei Wandern mein Hobby? Falls du es noch nicht weisst: Ich hasse Sport. Und diese verdammte Wanderung war schliesslich deine Idee!“

Was nicht ganz richtig war, eigentlich war es meine. Oder meine Erinnerung, um genauer zu sein. Als Kind, mit ungefähr neun oder zehn, war ich zusammen mit meiner Klasse auf diesen Berg geschleppt worden. Ich konnte mich schon damals kaum für den langen „Spaziergang“ erwärmen, wurde jedoch am Ende mehr als reichlich belohnt. Wir waren mühsam auf den Kroinenberg raufgelaufen, und durften dann mit einer Gondel zurück ins Tal schweben. Und dort war sie: Eine Alpwiese mit einer unglaublichen, unendlichen Anzahl an wundervollen Blumen.

Wahrscheinlich war dieses Feld einfach so überwältigend, weil ich zuvor noch nie so etwas gesehen hatte. Vielleicht wirkte die Blumenpracht so unendlich, weil ich noch klein und unerfahren war. Doch ich hatte die Wiese nie vergessen und mir seither jedes Jahr vorgenommen, im Frühsommer zum Alpfrühling auf den Kroinenberg zu laufen und die Gondel ins Tal mit der wundervollen Blumenwiese zu nehmen. Fast zwanzig Jahre lang.

Als wir wieder mal nach einer Sozialpsychologie-Vorlesung mit einem Kaffee in der Mensa sassen, kamen wir plötzlich auf das Thema Blumen. Es war Ende Mai, und draussen hatten sich bereits Krokusse, Schneeglöckchen, Osterglocken und Akelei die Klinke in die Hand gegeben.

Beat erzählte uns gerade von seiner Grossmutter, die in irgendeinem Bergkaff wohnte und den ganzen Sommer wie besessen Unkraut in ihren angebeteten und peinlich genau gepflegten Blumenbeeten jätete. Offenbar hatte die alte Dame vor einigen Jahren einen genauen Saat- und Blühplan ausgearbeitet. Ich wusste gar nicht, dass Blumen pflanzen einen solche Wissenschaft ist. Beat verdächtigte seine Oma, eine zwanghafte Persönlichkeit zu sein und freute sich auf die entsprechendne Vorlesungen in zwei Jahren. Anabelle empfahl ihm trocken, schon vorher ein paar einschlägige Bücher zu kaufen, schliesslich weiss man nie bei alten Menschen. „Ha, meine Oma stirbt sicher nicht in den nächsten zwei Jahren. Sie hat letztes Jahr eine Blume gepflanzt, die erst in drei Jahren richtig blühen wirdt, und ich denke mal, sie wird eher den eigenen Hund fressen, als sich diese Pracht entgehen zu lassen.“

Beat erzählte also von seiner zwanghaften Blumengrossmutter, und mir fiel die Blumenwiese wieder ein. Andrea schien plötzlich sehr interessiert zu sein. „Ihr seid also richtig gewandert?“, fragte sie nach. Städter sind manchmal etwas komisch. „Nein, wir hatten natürlich kleine, motorenbetriebene Miniroller dabei. Na klar sind wir richtig gewandert! Wie sollen wir sonst diesen Berg raufgekommen sein?“ Andrea schien meine zynische Antwort nicht weiter abzuschrecken. „Wann könnte die Wiese denn ungefähr blühen?“ „Hm, jetzt denke ich mal“, antwortete ich zögerlich. Mir schwandte bereit Schlimmes. Und ich wurde nicht enttäuscht: „Warum wandern wir diese Route nicht nächstes Wochenende ab? Ich wollte zwar mit Roland ins Museum, doch wandern wäre doch viel extravaganter und aufregender.“ Ich verriet Andrea nicht, dass eine Menge Leute am Wochenende wandern gehen und das daher nicht sonderlich extravagant sei, stimmte aber zu. Beat und Anabelle wollten zum Glück auch mitkommen.

Als wir uns am Sonntagmorgen am Hauptbahnhof trafen, war ich froh, dass Andrea wenigstens einmal auf mich gehört hatte. Schliesslich hatte ich sie ungefähr eine Stunde lange bequatscht, nicht zu viel Zeug in ihrem Rucksack mitzunehmen. Gemäss Wanderkarte waren wir ca. 4 Stunden unterwegs (es waren natürlich nur 2 Stunden angegeben, ich rechnete eine grosszügige Pufferzeit ein), würden also nicht an Hunger sterben. Heftpflaster, etwas Kleines zu essen und zu trinken, ein Regenschutz, mehr brauchten wir nicht als Ausrüstung. Meine Befürchtung war ja, dass Andrea im Hollywood-Stil als Wanderin aus dem Bilderbuch auftauchen würde, mit schweren Wanderschuhen, Wollsocken, Lederhosen und einem Karohemd. Ich musste ihr zugutehalten, dass sie sich auf normale Kleidung und feste Schuhe beschränkt hatte.

Andrea irritierte mich grundsätzlich, war mir manchmal sogar etwas unheimlich. Als ich sie das erste Mal sah, dachte ich gleich: „Oh, Tussi aus dem Bilderbuch.“ Sie mochte es, sich sexy und nach dem neuesten Schrei zu kleiden. Sie konnte den neuesten Klatsch über Prominente aufzählen, von denen ich nicht mal wusste, dass diese Leute berühmt sind. Vor und nach jeder Vorlesung stürmte sie aufs Damenklo, um ihr Make-up zu kontrollieren. Als sie mir gestand, dass sie leider nicht wisse, aus welchem Tier die Milch käme, war ich schockiert. Um dann wirklich sprachlos zu sein, als sie mir darauf einen Vortrag über Tierschutz in unserem Land hielt, und was daran verbessert werden könnte. Ausserdem schleppte sie ihren Freund, einen begeisterten Hip-Hop-Fan regelmässig ins Museum. Ich denke, Roland wäre lieber mit ihr shoppen gegangen.

Kurz, Andrea war zwar manchmal etwas naiv, doch grundsätzlich OK. Also war ich auch nicht zu genervt, als sie schmollend auf ihrem Stein am Wegrand sass und mir aufzuzählen begann, welche ihr bisher unbekannten Körperteile alle schmerzten. Ich grinste. „Erinnerst du dich an den Homunculus?“, fragte ich sie. Andrea sah mich völlig verständnislos an. „Ähm, ja, was ist mit dem?“ „Der sieht doch so komisch aus. Wie ein Mensch mit einem übergrossen Kopf und riesigen Händen. Die Grösse seiner Körperteile zeigt an, wieviele Rezeptoren dort sind. Auf den Händen haben wir sehr viele Berührungsrezeptoren, weil wir sie oft brauchen. Wenn ich mich richtig erinnere, sind die Füsse nicht so gross, die können also gar nicht so stark schmerzen, wie du gerade jammerst.“ Ich zwinkerte ihr zu und sie versuchte mich mit ihrem Blick zu töten. „Hei, es ist nicht mehr weit! Ich sehr die Gebäude auf dem Gipfel vom Kroinenberg!“, rief Beat von oben herunter. Wir waren schneller vorangekommen, als ich dachte. Ich hielt Andrea meine Hand hin: „Komm schon Süsse, es ist nicht mehr weit. Lass uns auf dem Gipfel dieses Hügels eine Pause machen, danach sind wir schnell bei der Schwebebahn.“ Andrea blickte noch einen Moment sehnsüchtig zu Beat rauf, der ca. 200 Meter weiter oben auf uns wartete. Er war gerade dabei, seine Bratwurst auszupacken. Andrea und ich waren in Rekordzeit oben.

„Irgendwie macht Wandern heute nicht mehr soviel Spass wie früher“, murmelte Anabelle in ihre Bratwurst. „Wieso meinst du?“, fragte Beat verblüfft. „Naja, sieh dir doch an, wo wir unsere Würste braten. Heute gibt es alle paar Kilometer eine gemauerte Feuerstelle, an der bereits Holz bereitsteht.“ „Ich weiss was du meinst“, mischte ich mich kauend ein, „früher musste man das Holz noch selber im Wald zusammensuchen. Das hier ist ja schon fast kein Wandern mehr, eher so eine Art Luxusspaziergang.“ „Also von Spaziergang kann ja wohl kaum die Rede sein“, widersprach mir Andrea vehement, und ich konnte mein Lachen gerade noch verstecken, indem ich vorgab, mich an einem Stück Bratwurst verschluckt zu haben. Beat war da weniger zimperlich und begann ungeniert zu lachen. „Ich bin schon erstaunt, dass du Stadtmaus nicht ob der sauberen Luft an einer Sauerstoffvergiftung gestorben bist“, scherzte er, und nun konnte ich mich wirklich nicht mehr zurückhalten. „Bevor ich Schwäche vor einem Landei wie dir zeige, sorge ich vorher dafür, dass eine Kuh alle Blumen deiner Grossmutter auffrisst“, erwiderte Andrea und grinste ihn frech an.

Wir alberten noch eine Weile herum. Der Aufstieg zum eigentlichen Gipfel des Kroinenberges dauerte nicht mehr lange und eine Ewigkeit. Der stetige Rhythmus, die ungewohnte Bewegung hatte uns in eine Art Trance gelullt. Als wir in der Gondel nach unten schwebten, versuchte ich die Aussicht in mich aufzusaugen, als würde ich nie mehr so eine wundervolle Berglandschaft sehen.

Im Tal wurden wir nicht enttäuscht. Das Feld war einfach überwältigend, und das Blumenmeer schien unendlich zu sein. Wir standen davor, bestaunten die vielen verschiedenen Formen und Farben und waren alle neun Jahre alt.

Jeden Tag eine gute Tat

6.11.2006

Mein unangenehmstes Geschenk zu Weihnachten war dieses Jahr ein Buch von Markus. Er hatte es geschrieben, einen Umschlag dazu gestaltet und es auf eigene Kosten drucken lassen. Dann hat er einige Exemplare an Verlage geschickt und den Rest Verwandten und Freunden geschenkt.

Leider war Markus ein total unbegabter Schreiberling. Es war schlicht unerträglich: der Plot seiner Geschichte war völlig verwirrend bis nicht-existent, die Spannung sank von Seite zu Seite und das Machwerk strotzte nur so von Rechtschreibefehler. Er hatte es mir freudenstrahlend überreicht mit den Worten, ich sollte ihm unbedingt ein Feedback dazu geben.

Ich mag Bücher. Genauer gesagt, ich liebe Bücher. Bücher sind toll. Ich sammle sie, guck sie gerne an, lese sie, behandle sie pfleglich. Nach der siebten Seite verliess ich meine Wohnung und verbrannte Markus’ Buch. Die Welt durfte einfach nicht durch „Zwei Rosen halte ich in meiner liebenden Hand“ vermutzt werden.

Danach erwog ich, mich plastisch umoperieren zu lassen, um Markus nie mehr wieder sehen zu müssen. Der Zufall rettete mich vor hohen Arzt- und Spitalkosten: Markus bekam kurzfristig von einer Firma in Neuseeland den Auftrag, irgendein komisches Säugetier dort unten zu erforschen. Da er schon fast krankhaft tierlieb und der Säuger kurz vor dem aussterben war, liess sich der Möchtegern-Schreiberling nicht lange bitten und bestieg das nächste Flugzeug.

Seither quält er seine Lieben mit ausführlichen Berichten über seine Arbeit und seine „Abenteuer“ auf dem grossen Kontinent. Zum Glück gibt es Filter für E-Mailprogramme.

Gewitter

6.11.2006

„Glaubst du, es hört mal wieder auf zu regnen?“ Der Sommer war dieses Jahr wirklich nicht sehr freundlich zu uns gewesen. An dem Tag, als Annabelle Beat und mich unter etlichen fiesen Drohungen ins Freibad schleppte, wurden wir nach drei Stunden von einem Platzregen überrascht, dem sofort ein Gewitter folgte. Wir sahen den Donnergott über den Himmel ziehen und Blitze schleudern. Es war sicher eine gute Idee, sich in Sicherheit zu bringen. Ich war nur etwas erstaunt, dass Thor keine Kutsche mehr fuhr. Offensichtlich wurde er neuerdings von einer japanischen Automarke gesponsored.

Die moderne Medizin

6.11.2006

„Können Sie mich hören? Hallo, so sagen Sie doch was!“ Ein stetiges Rütteln und ein unsäglich nervender, sich wiederholender Lärm hatten mich geweckt. Ich blinzelte in eine grelle Helligkeit. Dann schob sich ein Schatten vor die Lichtquelle und ich erkannte den Kopf eines Sanitäters oder Arztes. Er sah besorgt auf mich herunter und bewegte dabei die Lippen. Erst nach einigen Sekunden wurde mir klar, dass er wohl mit mir reden musste. Meine Armbeuge fühlte sich an, als hätte jemand versucht, mir ein Stachelschwein in die Vene zu drücken. Von meinem Handgelenk breitete sich eine willkommene Dumpfheit aus, und ich wusste, sie hatten die Infusion schliesslich knapp über dem Daumen einführen müssen. Von meinen zarten Rollvenen konnten die Damen bei der Blutspende ein Lied singen.

Der Kerl richtete den Lichtstrahl einer Taschenlampe in meine Augen, so dass ich plötzlich nichts mehr sehen konnte. Dafür kamen seine Worte endlich in meinem Gehirn an. „Sind Sie wach? Wie heissen Sie? Sagen Sie mir Ihren Namen!“ Sein Brüllen ging mir auf die Nerven und ich fragte mich, wie seine Stimme in normaler Lautstärke klingen würde. „Anna“, würgte ich hervor. Beim sprechen fühlte sich mein Hals plötzlich völlig ausgetrocknet an, als hätte ich die letzen Tage in einer Wüste verbracht. „Welchen Tag haben wir heute?“ Menno, war ich hier in Emergency Room oder was? Welcher Witzbold denkt sich eigentlich so eine Frage aus? Als ob jeder Mensch immer genau wüsste, was für ein Tag ist. Wäre Weihnachten gewesen, oder mein Geburtstag, hätte ich das Datum vielleicht gewusst, aber sicher nicht einfach so. „Geben Sie mir meine Uhr, dann kann ich es ihnen sagen“, krächzte ich, und versuchte, meinen Arm in Augenhöhe zu heben. Leider war er festgebunden.

„Na gut, dann eine andere Frage: Wie heisse ich?“ „Kann ich hellsehen? Sagen Sie mir lieber, was mit mir los ist?“, schnappte ich wütend zurück. Der Kerl ging mir mächtig auf die Nerven mit seiner Fragerei. Irgendwelche Drüsen in meinem Rachen begannen aufgrund der Trockenheit in meinem Mund sensationell schnell anzuschwellen. Ich holte keuchend Luft und versuchte eine aufstiegende Panik niederzukämpfen. Als ich den Atem wieder ausstiess, verliss er meine Lungen in Form eines grünen Nebels. „Woh, was haben wir denn hier? Da braucht wohl jemand eine anständige Infusion Morphium.“ Morphium? War der Kerl völlig verrückt geworden? Ich hatte irgendwelchen grünen Rauch in der Lunge, ich brauchte sicher keine Schmerzmitteldroge dagegen! Ich begann mich gegen die Gurte der Krankentrage zu wehren und meinen Kopf hektisch hin und her zu werfen. Doch es war zu spät. Ich spürte, wie eine kalte, moosgrüne Flüssigkeit durch mein Blut raste. Mein Herz zog es gierig in meinen Körper, und als die Droge mein Gehirn erreichte, wurde mein Atem braun.

Tod

5.11.2006

„Rudi ist tot“, stiess Beat mit erstickter Stimme hervor und liess sich in den Stuhl mir gegenüber fallen. Ich blickte ungläubig von meinem Mittagessen auf. „Was? Wie?“ Wieder einmal verfluchte ich mein fehlendes Feingefühl. Mir musste wohl die soziale Kompetenz für den Umgang mit Menschen in schwierigen Situationen fehlen. Das waren ja tolle Aussichten für mein Berufsleben. Vielleicht sollte ich beim Lehrstuhl der Psychologischen Methodenlehre bleiben und mein Leben damit verbringen, Statistiken auszuwerten. Anabelle rettete mich, indem sie die naheliegendste Frage stelle: „Was ist passiert?“

Beat starrte einen Moment gedankenverloren auf die Tischplatte. Ich befürchtete schon, dass er zu weinen anfängt. Weinende Menschen sind einfach die Hölle. Man muss sie offensichtlich trösten, aber was soll man schon sagen, wenn der Lieblingsfisch gestorben ist?

Beat begann tatsächlich zu schniefen, doch ich war von meinen Erinnerungen abgelenkt. Er hatte uns damals eingeladen, als er Rudi bekommen hat. Das war nun ungefähr ein Jahr her. Er hatte uns zuvor mächtig genervt, weil er sich einfach für keine Fischart entscheiden konnte. Erst wollte er einfach nur Goldfische. Die waren ihm aber dann zu ordinär. Also sollten es Koi sein. Zu teuer. Schliesslich begann er sämtliche Fischarten in Betracht zu ziehen, die auf der Welt verfügbar sind. So kam es mir zumindest vor. Am Ende hatten wir die möglichen Fischarten auf drei eingegrenzt: Kofferfisch, Blutsalmler und Schlammspringer. Der Kofferfisch fiel wegen Salzwasserhaltung weg. Gegen den Blutsalmler war eigentlich gar nichts einzuwenden, doch ich verliebte mich spontan in den Schlammspringer. Ein ziemlich ulkiger Fisch, und es war wirklich sehr lange her, dass ich etwas als ulkig bezeichnen konnte.

Die Viecher sehen ein wenig wie eckige Echsen aus, denen aber die hinteren Beine fehlen. Aus dem Kopf ragen zwei grüne Augen, mit denen sie sogar blinzeln können. Das Aquarium musste zur Hälfte mit Sand gefüllt werden, damit die Fische auf dem Sand rumlungern konnten. Beat hatte sämtliche verfügbare Literatur gelesen, stundenlang das Internet durchforstet und das Aquarium mit viel Liebe eingerichtet. Zur Dekoration gab es noch zwei Vietnamkrebse und ein paar kleine silberne Firsche, deren Name ich mir nie merken konnte. Die waren aber auch nicht so wichtig, wichtig war Rudi. Rudi war Beats erster Schlammspringer. Er bezog an Beats Geburtstag sein neues Zuhause und bekam schon bald Gesellschaft von einer ganzen Meute an Artgenossen.

Nun war der quitschfidele Rudi also tot. Aus unbekannten Gründen verstoben, von uns gegangen, ohne uns noch einmal zu zu blinzeln. Als Beat tatsächlich in Tränen ausbrach, tat ich das einzige, was ich tun konnte: Ich stand auf, umarmte ihn von der Seite und weinte mit ihm.

Traum

5.11.2006

„Kommen wir nun zum Kovariations- und Konfigurationsprinzip von Kelley.“ Der Professor legte eine Folie auf, und 599 Studenten suchten hektisch nach ihren Folien. Ich starrte den Prof perplex an. Es war Mitte Mai. Der Frühling hatte dieses Jahr verdammt lange auf sich warten lassen. Und wenn ich verdammt lange sage, dann meine ich auch verdammt lange. Am 30. April war im ganzen Land nochmal mindestens ein Meter Schnee gefallen. Ich lag an diesem Tag erkältet zu Hause und zappte gelangweilt durch die Fernsehkanäle. Bei der Tagesschau blieb ich hängen. Sie meldete den Rekord von 321 Unfällen an diesem Tag. Soviele hatte es den ganzen Winter hindurch nicht gegeben. Als der Sprecher noch von Glatteis und Schneeketten erzählte, wurde die Unfallzahl um eins erhöht.

Drei Tage später schein sich das Wetter umentschieden zu haben. Plötzlich stiegen die Temperaturen um 15 Grad und die ganze weisse Pracht schmolz. Meine Eltern riefen mich an um mir mitzuteilen, dass der Keller der Nachbarn schon wieder vollgelaufen sei. War mir schon immer unverständlich, wie sie ihr Haus gleich neben einen Bach bauen konnten, der bekanntermassen jeden Frühling über die Ufer trat. Das ganze Jahr sah er aus wie ein unscheinbares Rinnsal, um bei der Schneeschmelze den grossen Strom zu spielen. Als Kind musste ich meinem Vater immer helfen, den ganzen Schlamm zu entsorgen, den der kleine Bach angeschleppt hatte. Viel Spass beim Keller säubern.

Die Frühlingsblumen schienen nur auf den ersten Sonnenstrahl als Startschuss gewartet zu haben. Ich beschloss, in Zukunft nicht mehr „wie Pilze aus dem Boden schiessen“ zu sagen, sondern stattdessen die Redewendung in „wie Krokusse aus dem Boden schiessen“ abzuändern. Man musste schon fast Angst haben, eine Wiese zu betreten.

Die Zugvögel hatten sich während des letzten Schneefalls offenbar irgendwo versteckt, sie fielen nämlich kollektiv über das Land her. Morgens wurde ich von munterem Gezwitscher geweckt, durch das geschlossene Fenster.

Draussen war also gerade eine frühlingshafte Hölle los, und ich befand mich im zweiten Semester. Oder genauer gesagt im vierten. Und der Prof kam schon wieder mit den Kelley-Prinzipien. Hatte ich irgendwas verpasst? War ich in ein Zeitloch gefallen, und schnurstracks in die Vergangenheit befördert worden? Hätte ich doch etwas zu Mittag essen sollen, weil ich jetzt halluzionierte? Oder erlaubte sich der Professor etwa einen Scherz mit uns?

Das ich träumte wurde mir klar, als dem Professor plötzlich Krokusse aus den Ohren wuchsen.

Antwort vom Leben

2.11.2006

Das/mein Leben
Irgendwo da draussen
Planet Erde

Anna Weiss
Sternstrasse 2
8400 Winterthur

Irgendwo da draussen, November 2006

Absage

Sehr geehrte Frau Weiss

Ich habe Ihre Kündigung Ihres Lebens vom November 2006 auf Ende Februar 2007 erhalten.

Leider müssen muss ich mitteilen, dass es für diesen speziellen Vertrag keine Kündigungsmöglichkeit gibt. Bitte beachten Sie dazu § 9, Absatz 3:

„Die Laufzeit des vorliegenden Vertrages ist lebenslänglich. Er kann daher nicht gekündigt werden.“

Ich bedauere dieses Situation, hoffen aber, dass wir doch noch zu einer Einigung gelangen können. Bitte setzen Sie sich dazu telefonisch mit mir in Verbindung. Meine Nummer ist:

++00 1

Ich bin rund um die Uhr zum Ortstarif erreichbar.

Freundliche Grüsse aus Irgendwo da draussen

Das/Ihr Leben


„Das glaub ich nicht!“, rief Beat aus und knallte den Brief vor sich auf den Tisch. Dann starrte er mich entgeistert an. „Den hast du gefälscht! Oder einer von der Post hat ihn beantwortet, wie die Briefe ans Christkind! Das kann nicht sein!“ Ungerührt schälte ich weiter meine Orange. „Wenn du mir nicht glaubst, ruf doch die Nummer an, die da steht“, entgegnete ich. „Das werde ich! Und ob ich das werde!“, stiess mein aufgebrachter Studienkollege hervor und begann hektisch in seiner Tasche nach seinem Handy zu suchen.

Haushalt

2.11.2006

Auf dem obersten Regal des Büchergestelles hatte sich mal wieder eine sensationelle Staubschicht angesammelt. Woher das Zeug nur immer kam?. Ich machte kurzen Prozess und setzte meinen Super-Staubsauger ein. Wenn ich aufräumen und putzen musste, stellte ich mir immer vor, eine Superheldin wider der Verschmutzung und dem Chaos in meiner Wohnung zu sein. Die Super-Putze und ihr Super-Staubsauger „Walter“. Ich weiss, für einen Superhelden bzw. Super-Staubsauger wünscht man sich einen besseren Namen, doch der stand als Marke fett über seinen Hintern, und wer war ich, daran rumzumäkeln? Walter war vielleicht nicht das beste zur Zeit auf dem Mark verfügbare Modell, doch er hatte mich noch nie im Stich gelassen. Und ich war ihm immer noch sehr dankbar, dass er mir geholfen hatte, das Riesen-Problem hinter meinem Sofa zu lösen.

Ich wusste wirklich nicht, wie sie da hingekommen waren. Eines Tages kam ich nach Hause, und entdeckte hinter meinem Sofa eine Kolonie von Riesen. Das hätte mich ja nicht weiter gestört, wenn diese verdammten Kreaturen nicht andauernd meinen Kühlschrank gegessen hätten. Ja, den Kühlschrank, nicht den Inhalt. Den stellten sie netterweise jeweils neben den Kochherd. Nach dem dritten Kühlschrank und einer Verwarnung meiner Vermieterin hatte ich genug. So konnte es nicht weitergehen. Ich stelle den Anführer der Riesen zur Rede. Uluk, wie er sich vorstellte, blickte nachdenklich auf mich herunter, während er sich meine Erklärung anhörte, dass meine Vermieterin mir mit Rauswurf gedroht hatte, falls noch ein Kühlschrank verschwinden sollte. Plötzlich hörte ich ein Krachen aus der Küche. Uluk, der Jüngste aus dem Clan (ja, er hiess gleich wie der Anführer, tatsächlich hiessen alle Riesen Uluk, auch die Frauen), hatte gerade meinen neuen Kühlschrank verspiesen. Wie vom Donner gerührt starrte ich auf das Loch in der Wand. „Vielleicht könnten Sie ja bei einem Fachgeschäft für Kühlschränke wegen einem Sponsoring anfragen?“, erklang Uluks Stimme kleinlaut hinter mir und Uluk verdrückte sich schnell hinter das Sofa.

Fuchsteufelswild begann ich Pläne zu schmieden, wie ich die Bande loswerden sollte und konnte kaum schlafen.

Als ich am nächsten Morgen aufstand, lag Walter halb hinter dem Sofa. Von den Riesen war weit und breit nichts zu sehen. Ich musste am gleichen Tag den Staubsack entsorgen. Als ich ihn in die Mülltonne vor dem Haus werfen wollte, viel ein einzelner, kleiner Knochen aus dem Beutel.