Dilemma

Ich habe dich vergessen
Um mich zu retten
Vor dir
Und vor mir
Und vor den Schmerzen
Wie seltsam
Welche Macht
Die Erinnerung über uns hat

Ich dachte immer
Ich könnte jeden lieben
Den zu lieben
Ich mich entschliessen würde
Doch es war anders
Wie ich erfahren musste

Ich konnte viele lieben
Oder einen
Aus ganzem Herzen
Und da war auch noch
Der Hass
Denn wer lieben kann
Kann auch hassen
Und muss es tun
Unweigerlich

Ich wollte aber nicht
Mein grosses Herz
Nur an einen hängen
Denn der Schmerz
Er ist zu gross
Und es gibt so viele
Die es wert sind
Geliebt zu werden

Und so bin ich weiter
Im Zwiespalt

21. Mai 2000

Schwere Träume

Der Regen prallt auf mein Fenster
Ein leises, stetes Klopfen
Die Lichter der Sturmwarnung
Blinken geschwind
Und gleichmässig
In der finsteren Nacht
Der Wind schüttelt die Bäume
Wiegt ihre Äste
Die Blätter
Flüstern längst vergessenen Geschichten
Schwere Düfte hängen in der Luft
Es ist stickig in meinem Zimmer
Und ich bin schwermütig

Ich frage mich
Wo ich hingehen werde
Und ob die Freiheit, dich ich mir erträume
Jemals für mich Wirklichkeit wird
Oder ob der Preis
Zu hoch ist
Und ich schlafe weiter
Gefangen in dunklen Träumen

22. Mai 2000

Albtraum

Reiter auf weissem Pferd
Kälte atmend
Eine Flucht
Die nie gelingen kann
Wo werden mich meine Gedanken hinführen?

Atemloses Laufen
Der Freiheit hinterher rennen
Immer zu langsam
Um das Licht zu sehn

Schmerzhaftes Fallen
Lautloses Schreien
Verzweiflung im Blick

Der Reiter ist da
Tödliche Umarmung

Ein giftiger Kuss

Kein befreiendes Erwachen

Tot

22. Mai 20000

Erinnerungen

Hab mich an Erinnerungen sattgesehen
Als ich schlafen sollte
An die Erinnerungen gedacht
Als ich lernen sollte
Die Erinnerungen aus meinem Herz geholt
Als es hätte kalt sein sollen

Und hab mich gelabt
Am süssen Schmerz
Und liess mich tragen
Auf samtenen Schwingen
Rauf zum Himmel
Und weiter noch

So tat ich es oft
Und es erinnerte mich auch daran
Dass ich nur ein Mensch
Und Erinnerungen
Nur flüchtige, schöne Gespenster sind

22. Mai 2000

Träne

Als hätte ich nicht schlafen können
So lag ich da
Und lauschte dem Wind
Und den Bäumen

Als hätte ich nicht schlafen können
So lag ich da
Und betrachtete die Sterne
Ein weiches Kissen unter meinem Kopf

Als hätte ich nicht schlafen können
So lag ich da
Und dachte
An nichts

Als hätte ich nicht schlafen können
So lag ich da
Und schlief ein
Und eine Träne
Versank langsam zwischen weichen Daunen

22. Mai 2000

An eine, die sich selbst in Ketten legt

Leg dich nicht selbst in Ketten
Geniesse dein Leben
Du hast nur dieses eine!

Geniessen den Wind in deinem Haar
Er wird den Blättern der Bäume von dir erzählen
Fühle das Wasser auf deiner Haut
Es kommt vom Himmel, nur für dich
Spüre das Feuer brennen
Es entzündet den Geist in dir
Rieche in der Luft
Die Geschichten von überall

Mach dir jeden Menschen den du triffst zum Freund
Und jeden Mann zum Liebhaber
Hasse
Wie du lieben kannst
Und verzweifle immer wieder an dieser Welt

Schreite hinaus mit hocherhobenem Kopf
Denn wer nur auf seine Füsse schaut
Wird nie mehr als Gras sehen
Erkenne die Blumen darin

Pflücke ein Feld leer
Suche die Freundschaft eines Tieres
Suche die Schönheit
In den Augen der Blinden
Den Worten der Stummen

Kenne keine Grenze
Sei immer du selbst
Und wachse über die selbst hinaus
Werde gross und schön
Und sprenge die Ketten
Mach dir die Welt untertan

Lebe intensiv und schnell
Töte deine Seele in den Abgründen
Erstehe wie ein brennender Phönix
Erkenne, niemand sonst hat Macht über dich
Sprenge deine Ketten
Dein Gefängnis ist deine Angst

Du kannst alles erreichen!

Ich hoffe es…

23. April 2001

Die Löwin jagt

Die Löwin ist endlich
Nach langem Schlummer
Aus ihren Träumen erwacht

Sie ist hungrig
Spürt die Steife in ihren Gliedern
Unruhig ist sie
Zu lange war ihr Schlaf

Die Löwin blickt auf zum Mond
Geheime Rufe haben sie geweckt
Nun ist die Zeit der Sicherheit vorbei
Die Löwin macht sich auf zur Jagd

Stolz ist sie
Und schön
Und ihr Fell funkelt in der Morgensonne

Die Tiere in der Steppe erwachen
Und fliehen
Die Löwin jagt wieder
Sie ist nun kraftvoll
Und tödlich ist ihr Blick

20. April 2001

Engeltränen

Weine, kleiner Engel
Und küsse deinen Tod
Er hat so süsse Lippen
Seine Liebe
Bedeutet dein Ende Lass deine Tränen zu Boden fallen
Benetzen das durst’ge Land
Niemand kann dir
Deine Sehnsucht nehmen

Kleiner Engel
Mit blutigen Schwingen
Schwebe durch die Himmel
Singe deine Lieder
Dein Geliebter begleitet dich
Wie eine dunkle Erinnerung

Küsse den mächtigen Herrscher
Gebier deine Kreatur
Wir sind nur Wind in der Zeit
Euer Verlangen zerstört
Was schwach ist
Und voller Zweifel

Ich sehne mich
In deine Augen
Verschlingen soll mich
Was ihr nie Liebe nanntet
Zerstören soll mich
Mein Leben

Weine, kleiner Engel
Weine um mich

8. April 2001

Ei

Ich bin aus einem Ei geschlüpft
Es wurde Erde genannt
Und verwundert
Sah ich mich leben

Ich lief jeden Tag auf dem Ei herum
Jagte fremden Zielen hinterher
Liess andere jagen
Und suchte oft nach dem Sinn

Manchmal
In tiefen Nächten
Fühlte ich mich erinnert an mein Ei
Und Sehnsucht raubte mir den Schlaf

Das Denken bereitete mir Mühe
Alles war so verworren
Nicht nur Weiss und Gelb
Meine Seele verlor wohl ihre Unschuld

Ich sah andere wieder im Ei verschwinden
Der Priester sagte, Staub werde wieder zu Staub
Tränen fielen auf die Gräber
Doch ich beneidete sie nur

Zurück, zurück ins Ei, ich will zurück!

8. April 2001