Schnee

16.12.2006

Es war fürchterlich Kalt in meinem Traum. Stü fragte mich die ganze Zeit, wann denn endlich wieder die Sonne scheinen würde. Ich wunderte mich, seit wann er diese buschigen Augenbrauen hatte. Umpf trug ein Paar blaue Schwingen mit sich herum. „Umpf, woher hast du diese Flügel?“, fragte ich ihn. „Ich bin ein Engel“, antwortete er mir und flog davon.

Ich schlug die Augen auf und schnappte nach Luft. Draussen tobte ein Schneesturm. Ich stand auf und schloss das gekippte Fenster. Dann schrieb ich eine kurze Nachricht an mich selbst. „Umpf und Stü mal wieder treffen!“ Trotz der Kälte schlief ich gleich wieder ein.

Gleichgewicht

15.12.2006

„Hei Anna, wie geht’s?“ flüsterte mir Stü ins Ohr und schlug mir mit seiner behandschuhten Hand auf die Schulter, dass ich beinahe meinen Kaffee in Annabelles Gesicht spuckte. „Stü, du Rüpel!“, rügte ich ihn. Er grinste breit und setzte sich neben Annabelle. Umpf fläzte sich in den Stuhl neben mir. Fast augenblicklich begann er, mit dem Stuhl zu wippen. Das war eine dumme Angewohnheit von ihm, doch wunderbarerweise war er noch nie umgekippt.

Stü und Umpf waren mit Abstand die seltsamsten Studenten, die unsere Uni zu bieten hatte. Angeblich belegten sie Informatik, doch ich hielt das für ein Gerücht. Stü war einfach zu paranoid und phobisch, um mit anderen Leuten einen Computer zu teilen. Er hatte seinen Arbeitgeber gebeten, ihm sein Gehalt bar auszuzahlen. So was war heute natürlich aufgrund der Buchhaltung kaum noch möglich. Also besass Stü ein Bankkonto, von dem er seinen gesamten Lohn jeweils am gleichen Tag der Auszahlung abhob. Wohlgemerkt, immer an einem anderen Bankomat. Angeblich war er mal zwei Stunden Zug gefahren dafür.

Stü verzichtete seiner Anonymität zuliebe auf die Annehmlichkeiten des modernen Lebens und die Vergünstigungen durch Rabattkarten. Wenn er mit dem Zug unterwegs war, zahlte er das Ticket immer bar. Seine Rechnungen liefen ebenfalls über Poststellen im ganzen Land. Stü trug permanent Handschuhe, aus Angst sich mit Bakterien zu infizieren oder Fingerabdrücke zu hinterlassen. Er benutzte ausschliesslich Plastikgeschirr in der Mensa, dass er anschliessend nach Hause nahm, um es in seinem Hinterhof zu verbrennen.

Trotzdem konnte er nicht vom Internet lassen. Im Keller des Hauses, dass er von seinen Eltern abbezahlt geerbt hatte, standen mehrere Server, die ihm ein anonymes, spurenloses surfen ermöglichten. Stü hielt sich fern von Drogen aller Art, veränderte regelmässig sein Aussehen und sprach stehts, als würde er befürchten, belauscht zu werden. Beat vermutete, dass Stü früher für einen Geheimdienst gearbeitet hatte.

Umpf war das komplette Gegenteil: Laut, ehrlich, unbekümmert. Mir war es völlig unerklärlich, wie die zwei sich so gut verstehen konnten. Beats Theorie dazu war, dass Stü neben Umpf nicht mehr so auffiel. Tatsächlich vergassen wir manchmal, dass Stü noch da war, wenn Umpf eine lustige Geschichte erzählte und dazu wiehernd am lautesten lachte. Zu der Agententheorie passte auch, dass Stü offenbar ziemlich stark war. Er fasste selten andere Menschen an, was gut war: Mit seinem Händedruck konnte er Steine knacken.

„Stü, Umpf, schön euch zu sehen. Wie läuft es bei euch Informatikern? Noch niemandem ein Wasserkopf gewachsen?“, fragte ich unschuldig, nachdem ich Annabelle meine Serviette gereicht hatte. Umpf lachte schallend los und fiel dann mit dem Stuhl nach hinten um.

Die Brille

02.12.2006

„… das Kovariationsprinzip ist also…“ „Ich brauch eine neue Brille!“, rief ich unvermittelt aus. Die vergangenen fünf Minuten hatte ich abwechslungsweise das rechte, dann das linke, dann wieder das rechte Auge zusammengekniffen. Mein linkes Auge war deutlich schlechter als mein rechtes. Ausserdem hätte ich beinahe Emanuel nicht erkannt, als er an unserem Tisch vorbei lief. Beat sah mich böse an. „Kann es sein, dass du mir gerade nicht zugehört hast?“, fragte er eisig. Ups. „Ich würde dir ein schwarzes Hornbrillengestell empfehlen. Die sind ja im Moment total in, und die würde dir sicher gut stehen“, meinte er in einem etwas versöhnlicheren Ton und fuhr dann weiter, mir das Skript vorzulesen. Ich kniff das linke Auge zusammen.

Der Kurs IV

01.12.2006

Wir fuhren schweigend. Das Licht vom Höllenschlund am Himmel tauchte die Umgebung in ein gespenstisches Rot. „Als wäre alles in Blut getränkt“, dachte ich still bei mir. Wir kamen erstaunlich schnell voran. Auf der Autobahn musste Annabelle immer wieder verlassenen Wagen ausweichen. Bei manchen waren noch die Scheinwerfer eingestellt, und erleuchteten die verlassene Strasse. Vielleicht waren die Fahrer alle vom Militär oder dem Zivilschutz eingesammelt worden. Oder etwas hatte sie so erschreckt, dass sie fluchtartig ihre Autos stehen gelassen hatten und kopflos davon gestürmt waren.

Einmal musste Annabelle einen Wagen mit ihrem weiterschieben, um an zwei nebeneinander vlerassenen Autos vorbei zu kommen. Der Fahrer hatte zum Glück die Handbremse nicht angezogen, die Fahrertür stand sogar noch offen.

Je weiter wir kamen, desto seltener mussten wir langsam fahren. Nach ungefähr einer Stunde begann es dann: Die Sterne fielen zur Erde.

Sie fielen langsam, so als hätten sie es nicht eilig, und als würde sie die Erdanziehungskraft nicht sonderlich beeindrucken. Sie fielen lautlos und als sie auf dem Boden auftrafen, hüpften sie noch ein paarmal auf und ab, als könnten sie noch gar nicht glauben, wirklich aus dem Himmel verbannt worden zu sein. Wie weisse Perlen lagen sie am Boden und glänzten intensiv. Ich war froh, im Auto zu sitzen, denn ich verspürte keine Lust, diese seltsamen Dinger zu berühren. „Schon komisch“, meinte Beat plötzlich, und vor Schreck hätte ich mich selbst beinahe durch das Dach katapultiert, „die Geister gehen rauf zu diesem roten Licht, und die Sterne kommen herunter. Beide weiss. Als müssten sie ein Gleichgewicht wieder herstellen.“ Ich sah aus dem Fenster und beobachtete, wie Millionen von Sternen auf die Erde fielen wie radioaktiv verseuchter Schnee.

Wahrheit

30.11.2006

„Niemand wird kommen, um dich zu retten Süsse, das ist dir doch klar, oder?“ Ich starrte ihn verdutzt an. Er hatte es tatsächlich gewagt, mich „Süsse“ zu nennen, als wären wir ein Paar oder so vertrau, dass er das Recht hatte, mir Ratschläge zu geben. Ich kämpfte gegen das dringende Bedürfnis an, ihm meinen Wein ins Gesicht zu schütten. Stattdessen schlang ich meine Finger enger um den dünnen Stil des Glases und nahm einen weiteren Schluck. Als ich die Flüssigkeit in meinem Mund spürte, war ich erstaunt, nicht alles verschüttet zu haben. Das innere Zittern schien sich noch nicht äusserlich manifestiert zu haben.

„Denkst du, das weiss ich nicht?“, baffte ich ihn an. Wie konnte er es nur wagen? Er blieb ruhig. „Dass du es weisst ist mir schon klar, aber fühlst du es auch so?“ Ich begann interessiert das Muster der Tischplatte zu betrachten und Stossgebete gegen den Himmel zu schicken. Beherrschung, ich flehte um Beherrschung. „Carsten, bist du neuerdings unter die Psychoanalytiker gegangen? Was soll dieser Mist mit „fühlst du es auch so“? Hälst du mich für bescheuert? Denkst du, ich warte auf den Ritter in schwarzer Rüstung, der auf seinem Ross vorbeigaloppiert und mich aus meinem Leben befreit? Nein, ich fühle es nicht so, aber ich weiss es, und das ist alles, was zählt!“

Draussen schlug eine Kirchenglocke viermal.

Menschenfresser

27.11.2006

„Sie ist eine richtige Maneaterin, sag ich euch!“, zischte Andrea uns böse zu. Gerade ging ihre ärgste Rivalin an unserem Tisch vorbei. „Eine Männerfresserin?“, fragte ich verwundert. „Menschen-Fresserin! Das wird mit a, nicht mit e geschrieben“, belehrte mich Andrea. Ups. Wie dumm von mir. „Ach so“, murmelte ich, und schlürfte weiter meinen Kaffee.

Tagebuch V

27.11.2006

Liebes Tagebuch

Seit Tagen höre ich immer wieder dasselbe Lied:
Breaking The Habit von Linkin Park

Memories consume
Like opening the wound
I’m picking me apart again
You all assume
I’m safe here in my room
(Unless I try to start again)

I don’t want to be the one
The battles always choose
Cuz inside I realize
That I’m the one confused

I don’t know what’s worth fighting for
Or what I have to scream
I don’t know why I instigate
And say what I don’t mean
I don’t know how I got this way
I know it’s not alright
So I’m breaking the habit…
I’m breaking the habit tonight

Clutching my cure
I tightly lock the door
I try to catch my breath again
I hurt much more
Than anytime before
I had no options left again

I don’t want to be the one
The battles always choose
Cuz inside I realize
That I’m the one confused

I’ll paint it on the walls
Cuz I’m the one at fault
I’ll never fight again
And this is how it ends

Ich weiss auch nicht, wofür es sich zu kämpfen lohnt. Ich weiss nicht, warum ich schreien möchte und so unglaublich wütend bin. Früher, als ich noch jünger war, dachte ich, es sei einfach die Jugend, die Pubertät, die natürliche Entwicklung. Doch nun sind schon so viele Jahre vergangen, und ich bin immer noch wütend. Unendlich wütend, und ich weiss nicht auf wen, worauf, weshalb…

Ich wünschte, ich könnte Zorn empfinden. Eines Tages habe ich die Bedeutung der zwei Wörter nachgeschlagen. Im Studium haben wir den Unterschied zwischen Angst und Frucht gelernt. Furcht bezieht sich auf etwas Konkretes. Sie ist rational begründbar und angebracht. Die Angst ist diffus. Phobien sind Ängste. Irrational, unerklärbar.

Der Zorn ist wie die Furcht immer auf etwas gerichtet. Normalerweise auf eine Person oder eine Gruppe. Die Wut kann nach allen Seiten explodieren und ist schwerer zu beherrschen. Ein unterdrücken der Wut kann zu ähnlichen Krankheitsbildern wie Stress führen. Es gibt verschiedene Theorien zur Entstehung von Wut. Zum angemessenen Ausdruck oder zur Kanalisation der Wut werden unter anderem Gespräche, kreativer Ausdruck, Sport und Enspannungsmethoden empfohlen.

Ich will keine Schlachten mehr kämpfen, die ich nicht gewinnen kann. Ich möchte so geliebt werden, wie ich wirklich bin. Ich habe genug davon, alleine und verwirrt zu sein. Ich möchte nicht mehr in Angst leben. Ich möchte den Kreis zerbrechen, in dem ich mich drehe, Tag um Tag um Tag, Stunde um Stunde, Minute um Minute.

In meinen Träumen falle ich. Falle tief, immer tiefer, falle in die Dunkelheit. Und sie dringt in mich ein, drückt durch jede Körperöffnung in mich rein. Ich spüre die Schwärze, wie sie wie Teer durch meine Tränenkanäle in meinen Mund kriecht. Wie sie meine Augen blendet und wie meine Ohren taub werden. Sie ströhmt durch meine Blase und meinen Darm, schwimmt mit dem Blut, das mein treues Herz in jeden Körperteil pumpt, nistet sich in jeder Zelle ein. Und dann am Ende, dann, wenn ich kaum mehr atmen kann und mir meine Zeit verrinnt, dann erreicht sie mein Gehirn, und alles ist vorbei.

Und so wird es dann tatsächlich enden.

Anna

Ich schenke dir…

27.11.2006

„Wusstest du, dass man mit nur einer Niere überleben kann? Wenn man also bei einem Unfall eine verliert, braucht man nicht unbedingt eine Spenderniere.“
Ich starrte einen Moment Cora an, dann in meine Spaghetti, schliesslich entschied ich, dass der Verlust eines Organes nicht mein bevorzugtes Thema war, während ich Spaghetti mit Tomatensauce und Artischocken ass.
„Nein, wusste ich nicht. Muss man da nicht zur Dialyse? Oder reicht eine Niere für die ganze Körperentgiftung?“
„Wenn ich also beide Nieren verlieren würde, dann könntest du mir eine spenden, und wir könnten beide weiterleben. Würdest du mir eine spenden?“
Ich sah meine beste Freundin an und fragte mich, ob sie den Verstand verloren hatte. Offenbar hatten die neuen Schmerzmittel gegen den verkrampften Muskel in ihrem Rücken Nebenwirkungen, von denen ich noch nichts wusste. Andererseits war das durchaus eine gute Frage.
„Naja, wir sind nicht verwandt, also ist die Wahrscheinlichkeit, dass du meine Niere verträgst relativ gering. Aber wenn ich eine spenden würde, dann dir“, antwortete ich diplomatisch.
„Gut“, erwiderte Cora und widmete sich wieder der Vernichtung ihrer Spaghetti mit Carbonara-Sauce.
Ich sah sie noch einen Moment an und wusste, dass ich die Wahrheit gesagt hatte. Mochten alle Götter, der Himmel, das Schicksal und wer auch immer die Finger in unserem Lebensverlauf hatte, verhüten, dass sie wirklich eines Tages meine Niere brauchen würde.

whoami?

27.11.2006

„Du bist ziemlich computersüchtig, wie?“
Ich machte mir nicht die Mühe, aufzublicken. Ich mochte es nicht, bei der Arbeit am Computer gestört zu werden, schon gar nicht mit abfälligen Bermerkungen über PCs, Internet, Server oder allem anderen, was damit zusammen hängt.
„Hallo? Hast du mich gehört? Anna?“
„Hm“, grunzte ich nur. Der Kerl soll endlich verschwinden.
„Wieso hängst du ständig an deiner Kiste? Das ist doch nicht normal? Bist du so pervers oder einsam?“
Nun blickte ich doch auf und versuchte, den Kerl mit meinem Blick zu töten.
„Zu deiner Information“, stiess ich eisig hervor, „ich arbeite gerade an einem Projekt für mein Studium. Also lass mich gefälligst in Ruhe!“
„Ups. Sorry, ich wollte dich nicht beleidigen.“
„Das habst du aber. Also geh weg!“ Ich starrte konzentriert in den Bildschirm und hoffte, er würde nun endlich verschwinden. Doch das Schicksal meinte es an diesem Tag nicht gut mit mir.
„Gehörst du etwa zu den Leuten, die den Computer verehren?“
Ich stöhnte innerlich auf. Ein religiöser Computergegner war genau das, was mir heute noch gefehlt hatte.
„Genau“, antwortete ich ihm deshalb. Er stutzte wohl einen Moment.
„Und wieso das?“
„Weil mir UNIX auf meine Frage, wer ich bin, eine klare Antwort geben kann. Kann das dein Gott auch?“

Der Kerl sprach mich nie mehr an.