Verlust

27.11.2006

Der Mann in den Schatten lehnte gegen einen Baum, die dunklen Haare fielen ihm ins Gesicht. Nur seine pechschwarzen Augen glänzten in den letzten Strahlen der Sonne, die sich mühsam durch den Nebel kämpften.

„Du musst müde sein“, sprach ich ihn an, nicht sicher, ob ich besser hätte die Flucht ergreifen sollen. Doch wo wäre ich schon sicher? Selbst am helligen Tag gab es Schatten, und wenn sie sich nur unter meinen Schuhsohlen versteckten. Der Mann nickte nur.

„Was hast du aufgegeben in deinem Leben?“

„Die Gnade, geliebt zu werden.“

Der Kurs III

26.11.2006

„Annabelle?“. Als ich mich suchend umdrehte, kam Annabelle mit unseren Taschen auf uns zu. „Ich weiss nicht wie es euch geht, aber ich will hier weg. Das ist kein sehr sicherer Ort, falls ein Erdbeben stattfindet, oder Meteoriten runterkommen.“ „Sollten wir dann nicht lieber einen Luftschutzkeller aufsuchen?“, warf ich fragend ein. „Oder eine Kirche?“, ergänzte Beat. Ich sah ihn strafend an. „Wir wollen jetzt nicht melodramatisch werden, mein Lieber“, tadelte ich ihn. „Na du als Atheistin hast es gut, du wirst ja eh nix davon mitkriegen, aber ich werde bald gerichtet werden!“, erwiderte Beat. „Hier wird niemand gerichtet! Zumindest nicht, wenn ich es verhindern kann“, mischte sich Annabelle wieder ein und drückte uns unsere Taschen in die Hände. Mir war zwar nicht klar, was die uns nützen sollten, doch ich wollte ihr nicht widersprechen. Sie hatte ein gefährliches Blitzen in den Augen. „Was schlägst du vor, wo wir hingehen sollen?“, fragte ich sie. „Ich bin heute mit dem Auto hier und hab es im Parkhaus da vorne abgestellt. Mein Gefühl sagt mir, wir sollten aufs Land fahren.“ Ich nickte nur und legte der knienden Hanna meine Hand auf die Schulter. Sie zuckte zusammen, blickte dann zu mir auf. „Komm Hanna, wir müssen weg von hier“, erklärte ich ihr, und zog sie auf die Füsse. Wie in Trance liess sie sich von mir leiten. „Wieso nimmst du sie mit?“, zischte mir Beat zu. „Sie kennt offenbar die Bibel genau. Kann nicht schaden, so jemanden dabei zu haben“, erwiderte ich.

Als Annabelle zu den Automaten eilte, um das Ticket zu zahlen, musste ich lachen. „Bist du sicher, dass die überhaupt funktionieren? Oder die Schranken?“, fragte ich sie. „Du hast Recht“, stimmte sie mir zu. Wortlos erklommen wir die Treppen in die dritte Parkebene und setzten uns in ihr Auto. In den Nachrichten hatten wir ja gehört, dass Fahrzeuge, die nicht auf Strom angewiesen waren, offenbar noch funktionierten.

Als wir uns der Schranke näherten, trat Annabelle härter aufs Gas. Wie in einem Abenteuerfilm rasten wir durch sie durch, und das dünne Holz zersprang in alle Richtungen. Beat hatte neben Annabelle Platz genommen, und ich musste mir hinten Hannas gemurmelte Gebete anhören. Zum Glück konnte ich kaum etwas verstehen. Sie hätte mich sonst vom Denken abgelenkt. Als wir das Parkhaus verliessen, konnten wir Zeichen am Himmel entdecken. Ich beugte mich vor, um sie besser sehen zu können.

„Was ist das?“, fragte Beat erstaunt. „Das sind Engelszeichen“, antwortete ich. „Engelszeichen? Machst du Witze? Woran erkennst du das?“ Seine Stimme hatte schon wieder einen unangenehmen Unterton. Ich hoffte, dass er nicht durchdrehen würde. „Die Zeichen sehen ein wenig wie Runen aus, haben aber an den Enden aller Striche einen kleinen Kreis. Ich hab sie das erste Mal in einem Film gesehen, „God’s Army“ heisst der. Später sah ich sie auch in einem Buch über Engel.“ „Du kennst dich mit Engel aus?“, hauchte Hanna. „Auskennen kann man das nicht nennen. Ich weiss ein wenig über sie, aber nur Bruchstücke. Oh du meine Güte!“ „Was? Was ist?“ Beats Stimme war nun seine Panik deutlich anzuhören. „Das sind die Zeichen der Erzengel! Die werden doch jetzt wohl nicht die Erzengel auf uns loslassen? Ist das überhaupt so geplant? Hanna?“, fragend wandte ich mich ihr zu. Pflichtbewusst unterbrach sie ihr Gebet und begann zu rezitieren:

„Danach sah ich vier Engel stehen an den vier Ecken der Erde, die hielten die vier Winde der Erde fest, damit kein Wind über die Erde blase noch über das Meer noch über irgendeinen Baum. Und ich sah einen andern Engel aufsteigen vom Aufgang der Sonne her, der hatte das Siegel des lebendigen Gottes und rief mit großer Stimme zu den vier Engeln, denen Macht gegeben war, der Erde und dem Meer Schaden zu tun: Tut der Erde und dem Meer und den Bäumen keinen Schaden, bis wir versiegeln die Knechte unseres Gottes an ihren Stirnen.
Und ich hörte die Zahl derer, die versiegelt wurden: hundertvierundvierzigtausend, die versiegelt waren aus allen Stämmen Israels.“

Ich war verwirrt. Offenbar wurde gerade die Ankunft der Erzengel angekündigt, doch von denen war nicht die Rede in diesem Text. Andererseits hatte sich auch der erste Teil dieser seltsamen Apokalypse nicht sehr genau ans Drehbuch gehalten. Ob hier auch andere Glaubensrichtungen einflossen? „Was haben die vor mit uns, Anna. Wieso schickt Gott uns seine mächtigsten Engel?“, fragte Beat flehentlich. Woher sollte ich das bloss wissen? Ich beschloss, ihn mit etwas Engels-Fachwissen abzulenken.

„Keine Angst, das sind nicht die mächtigsten Engel. Die Erzengel sind nur die bekanntesten. Die Engel sind in neun Chöre aufgeteilt, die aus drei Triaden bestehen. Die Erzengel gehören mit den gewöhnlichen Engeln und den Fürstentümern zur untersten Triade. Zur Mittleren gehören die Herrschaften, Mächte und Gewalten. Frag mich nicht, wieso die so heissen. Die oberste Triade bilden die Throne, die Cherubim und die Seraphim. Falls wirklich Engel erscheinen, haben wir es wahrscheinlich mit solchen aus der untersten Triade zu tun. Die Seraphim sind zum Beispiel die ganze Zeit damit beschäftigt, um den Thron Gottes zu kreisen und ein heiliges Loblied zu singen. Insofern macht es Sinn, dass dort oben Erzengelzeichen stehen.“ „Erkennst du welche davon?“ „Buh, es ist schon ziemlich lange her, dass ich mir den Film angesehen habe, und in meinem Buch sind die Zeichen nicht abgebildet. Wenn ich mich richtig erinnere, ist das komische da oben rechts…“, ich versuchte, darauf zu zeigen, „… das Zeichen von Michael. Wenn ich mich richtig erinnere, bedeutet sein Name „Wer ist wie Gott“, und er war nach Jesus und Luzifer der drittliebste Engel Gottes.“ „Jesus und Luzifer waren Engel?“ Beat sah mich schockiert an. „Das über Jesus hatte ich in diesem Buch gelesen, kann ich also nicht beschwören, aber zu Luzifer sag ich nur: Beat, wie hast dus in dieses Studium geschafft? Das gehört nun wirklich zur Allgemeinbildung.“ Er schien sich meinen Tadel zu Herzen zu nehmen, also fuhr ich fort: „Das Zeichen dort drüben könnte „Gabriel“ darstellen. Was mich etwas überrascht. Sie war es, die Maria die Geburt Jesu ankündigte.“ „Sie?“ „Ja, gemäss manchen Theorien ist Gabriel ein weiblicher Engel. Und nein, ich weiss nicht mehr, wieso man darauf gekommen ist. Wenn wir das hier überleben, geb ich dir mal mein Buch. Weiter, das da unten sieht nach Uriel aus. Schlecht für uns. Uriel ist der Engel, der das Paradies mit seinem Flammenschwert bewacht, und gilt auch als der Engel mit den schärfsten Augen. Das Zeichen links davon ist wahrscheinlich „Metatron“.“ „Metatron? Wie der Engel aus dem Film „Dogma“?“ Ich rollte mit den Augen. Manche Leute hatten ihre Bildung offensichtlich aus dem Fernsehn. „Ja, genau der. Die anderen Zeichen kenne ich nicht. Also wenn ihr mich fragt, wenn diese Kerle tatsächlich auftauchen, ist die Kacke hier auf Erden wirklich am dampfen.“

Schweigen fuhren wir weiter, offenem Land entgegen.

Da Capo

26.11.2006

“Hallo Emanuel”, sprach ich ihn an. Das war sicher nicht die einfallreichste Einleitung, aber verdammt, es ging auch nicht darum, einen Nobelpreis in Rhetorik zu gewinnen. „Hei Anna. Wie geht’s?“ Toll, ich war einfach der Oberverlierer. Völlig ungeeignet für solche Gespräche. Mir fiel nicht mal ein, mich nach seinem Befinden zu erkundigen. „Danke, gut. Du, ich wollte dich was fragen.“ Nun war ich wirklich kurz davor, auf den Tisch zu kotzen. Das würde sicher total viel Eindruck machen. Einen schlechten natürlich. Tolle Geschichte für meine Enkel: „Tja meine Lieben, euer Opa und ich, wir sind uns näher gekommen, nachdem ich mich an der Uni über ihn übergeben habe. So war das damals. Ja ja, die guten alten Zeiten.”

Einen Moment war ich irritiert, schon so weit zu denken, dann fiel mir wieder ein, dass ich im Jetzt und Hier war und ihn fragen musste. Emanuel sah mich bereits wartend an. Okay, tief Luft holen: „Hast du am Freitag schon was vor?“ “Ähm, ich muss am Vormittag arbeiten, und am Nachmittag ist ja das Proseminar…” Na super, er hatte offenbar keine Lust. Kein Mensch, beantwortet eine so offensichtliche Frage, die garantiert nicht auf seine Tagespläne, sondern auf den Abend abzielte, so bescheuert. „…warum?“ Oh. Er hat gefragt, warum… „Naja, am Freitag ist ja die Psychoparty, und ich hab mich gefragt, ob du Lust hast, mit mir da hin zu gehen – falls du nicht schon eine Begleitung hast?“ Falls ja, würde ich sie finden und töten müssen. Nachdem ich mich endlich getraut hatte, ihn zu fragen, musste er einfach mit mir gehen. Dahin meine ich natürlich.

„Das ist eine gute Idee! Ich hatte letztes Jahr ein total schlechtes Gewissen, dass ich wegen dieser lächerlichen Sache nicht zusagen konnte. Jetzt haben wir ja nochmal eine Chance. Ich freu mich, wann treffen wir uns wo?“ „Die letzte Vorlesung am Freitag ist ja um 19 Uhr fertig. Da lohnt es sich für mich nicht, nochmal nach Hause zu fahren. Ich warte also hier und bin ab dann verfügbar.“ „Wie wäre es dann mit Abendessen? Ich könnte uns was kochen. Magst du Pizza?“ „Ich liebe Pizza! Soll ich was mitbringen? Eine Flasche Wein?“ „Das wäre perfekt. Dann also Abendessen und Psychoparty am Freitag.“ Ich sah ihn strahlend an. „Super! Ok, wir sehen uns ja noch, ich muss nun in die Mensa, Annabelle und Beat wollen nochmal das Kovariationsprinzip durchgehen. Bis später.“ „Ja, bis später.“ Emanuel erwiederte mein Strahlen.

Auf dem Weg zur Mensa begann ich zu befürchten, dass meine Gesichtsmuskulatur bis Freitag vollständig gelähmt wäre. Als ich bei Annabelle und Beat ankam, reiche ein Blick: „Er hat ja gesagt!“, stellte Annabelle mit einem begeisterten Tonfall fest. „Hat er! Ja, hat er wirklich! Oh du meine Güte, ich kann es einfach nicht glauben, er hat ja gesagt! Und mich erst noch zum Abendessen bei sich eingeladen! Ich glaub ich sterbe!“ „Kein guter Zeitpunkt, das solltest du auf Samstag verschieben“, kommentierte Beat grinsend meinen kleinen Freudesausbruch. „Gute Idee. Meine Oma hatte doch Recht“, stiess ich atemlos hervor. „Womit denn?“, wollte Annabelle wissen. „Meine Oma sagte immer: „Gut Ding will Weile haben. Obwohl ich ein Jahr für eine verdammt lange Zeit halte. Aber ich will mich nicht beklagen. Abendessen!“ Das Leben ist wundervoll!

Der Psychiater

26.11.2006

„Manchmal bin ich einfach nur fürchterlich müde. Ich möchte mich ins Bett legen, die Decke über den Kopf ziehen und tagelang schlafen. Vielleicht sogar mein ganzes Leben verschlafen.“
„Sind Sie körperlich müde, oder ist es eher eine…“, er stockte einen Moment. Später würde ich mich fragen, warum er diese kleine Pause gemacht hatte. Er musste doch jeden Tag mit Leuten wie mir zu tun haben, wieso viel ihm diese Frage so schwer? „Ist es vielleicht eher eine Lebensmüdigkeit?“ Er sah mir mit einem alles durchdringenden Blick in die Augen. Achtete auf jede Bewegung, auf jedes Gefühl, dass sich auf meinem Gesicht zeigen konnte.

Der Psychiater hatte meerblaue Augen. Manchmal glaubte ich zu sehen, wie sich die Farbe langsam bewegte, als würden sich Wellen in seiner Iris bewegen. Seine Stimme war sanft und seltsam einlullend. Als wollte er mich in Sicherheit wiegen und in eine Trance reden, damit ich ihm noch mehr von mir offenbaren konnte.

Ich starrte auf einen roten Punkt im Muster des Teppichs zwischen uns. Was sollte ich nur auf diese Frage antworten? Mein Gehirn schien mir verlangsamt zu arbeiten. Ich hatte keine Lust, seine Frage zu analysieren, zu hinterfragen, ob dies auf mich zutraf, ob ich wirklich nur erschöpft oder tatsächlich lebensmüde war. Ich hatte keine Lust, mit ihm zu reden. Ich wollte ihn einfach nur ansehen, seine meerblauen Augen beobachten und dabei still sitzen.

Seine Frage hing tot zwischen uns. Während ich mühsam nachzudenken versuchte, war sie plötzlich verdorrt wie ein Schössling an einem zu heissen Tag.

Der Psychiater sah durch mich durch und starrte die Wand an. Nun waren wir also gefangen, wegen einer einzigen Frage verdammt, hier zu sein und hier zu bleiben. Ohne zu wissen, was die Tage uns bringen würden.

TV

23.11.2006

„Kommen wir nun zum Kovariations- und Konfigurationsprinzip von Kelley.“
Ich war irritiert. Seit wann beschäftigten sich die japanischen Ninjakinder aus meiner derzeitigen Lieblings-Trickfilmserie mit Attributionstheorien? Verwirrt schüttelte ich den Kopf. War ich auf dem Sofa eingeschlafen? Naruto regte sich gerade mal wieder über Sasuke an und war bereits zum Sprung bereit. Gleich würde er angreifen. Sasuke nahm eine Defensivhaltung ein. Böse Blicke wurden getauscht.
„Beim Kovariationsprinzip benötigen wir jeweils drei Informationen!“, stiess Naruto hervor und rannte los. Er griff in seine am rechten Oberschenkel befestigten Tasche und holte einige Wurfmesser hervor.
„Nämlich Konsens, Distinktheit und Konsistenz.“
Machte irgendwie Sinn. Die Attribution wäre… mal sehen. Konsens: Nur Naruto greift Sasuke an. Distinktheit: Naruto greift sonst niemanden an. Konsistenz: Naruto hat Sasuke schon früher angegriffen. Macht: N/H/H. Mist, nicht auf der Liste.

Als ich erwachte, lief gerade der Abspann der Serie. Die ganzen Folien zum Thema Attribution waren mir aus der Hand gefallen und hatten sich auf dem Boden verteilt. Mist. Echt jetzt.

Wunden

23.11.2006

„Glaubst du, dass alle Wunden heilen können?“ Beat sah mich mit einem seltsamen Gesichtsausdruck an. Die Frage schien ihm peinlich zu sein.
„Ich denke nicht. Meist heilen sie, aber manchmal auch nicht. Wenn der Körper zu schwach ist, oder eine Entzündung die Heilung verhindert. Und manche Wunden hinterlassen Narben. Ob man das wirklich geheilt nennen kann? Schliesslich bleibt immer eine Erinnerung an die Verletzung.“
„Ich meine nicht körperliche Wunden. Es geht mir um die seelischen.“
„Hm, dann muss ich als gute Psychologin wahrscheinlich ja sagen.“ Beat sah mich verblüfft an.
„Wieso das?“
„Wenn ich nicht glaube, dass man jeden von seinen Verletzungen heilen kann, werde ich vielleicht den Mut verlieren, wenn jemand mit einer unglaublich schlimmen Geschichte kommt. Wenn ich denke, dass ich ihm helfen kann, werde ich mein Bestes tun.“
„Und was ist mit den Selbstmördern?“
„Die haben doch nicht alle Wunden! Manche verlässt vielleicht einfach der Lebensmut. Dann ist keine Verletzung da.“
„Aber bei Vielen ist es doch so, dass…“
„Sorry, aber ich muss jetzt in meine nächste Vorlesung. Diskutier doch mit Annabelle weiter.“
Erleichtert flüchtete ich vor diesem Gespräch. Ob alle Wunden heilen können? Was hatte er vor, dass mir von der Frage der Schädel platzte?

Die Richtung, aus der der Wind weht

23.11.2006

Verzweifelt versuchte ich, ruhiger zu Atmen. Meine Kehle fühlte sich wund an, und ich hatte den Geschmack von Blut im Mund. Mein Atem kam stossweise, verzweifelt rang ich nach Luft. „Ruhig. Atme ruhig.“

Es war mal wieder einer jener Tage, an denen ich für alles drei Minuten zu spät war. So hatte ich in Rekordzeit zum Bus rennen müssen. Und zahlte nun den Preis. Heute Abend würde der Husten anfangen, der jedesmal folgte, wenn ich mich von Null auf 100 so anstrengte. „Leider war keine Zeit führ Dehnübungen“, dachte ich sarkastisch.

Der Bus überquerte die Stadtgrenze und fuhr gemächlich übers Land. Ich steckte mir Kopfhörer in die Ohren und genoss das Ambiente. Draussen herrschte Endzeitstimmung. Der Himmel war bewölkt. Alles hatte eine seltsame Klarheit. Das Gras auf den Feldern begann bereits zu verdorren, und die ersten Blätter wurden gelb. Auf den Wiesen weideten Kühe und Schafe, und einmal fuhren wir an einem Bauern vorbei, der sein Feld pflügte.

Ich musste wohl eingenickt sein, denn als der Busfahrer die letzte Haltestelle ansagte, schreckte ich hoch. Endlich da.

Ich stieg aus. Die automatische Tür schloss sich hinter mir. Der Bus gab ein Zischen von sich, und fuhr dann weg. Ich liess die Umgebung auf mich wirken.

Der Hügel war breit und fiel nur leicht ab. Er fügte sich so harmonisch in die Landschaft ein. Ein Wind riss an meinen Haaren, und es roch nach Freiheit. In der Ferne konnte ich eine mächtige Eiche sehen, deren Äste sich unwillig wiegten. „Zeit, sich auf den Weg zu machen“, dachte ich mir, und lief los.

Anfangs hatte mich noch Gedanken unterhalten. Doch je länger ich unterwegs war, je grösser die Zahl der Schritte wurde, die ich ging, desto mehr fielen sie von mir ab, wie Blätter von einem Baum im Herbst. Ich spürte plöztlich meinen Körper, der mit der ungewohnten Anstrengung und der und schon lange andauernden Bewegung fertig zu werden versuchte. „Bin halt ein Bürogummi“, huschte es mir durch den Kopf. Ich gab mich keinen Illusionen hin: Der Weg war noch weit.

Der Wind kam immer wieder in Stössen und zerrte wie ein ungeduldiger Liebhaber an meiner Kleidung und meinem Haar. Er flüsterte durch die Blätter der Bäume, an denen ich ab und zu vorbeikam und schien sich unter Steinen zu verstecken.

Als meine Hüften zu schmerzen begannen, versuchte ich mich mit der Frage abzulenken, warum ich dieses Wetter so genoss. Ob dies vielleicht eine tief in meinen Genen verankerte Erinnerung war? Das Gefühl, dass die Zeitsteinmenschen hatten, wenn sie von einem Ort zum anderen zogen, oder gar auf der Jagd waren?

Plötzlich trieb der Wind einen weissen Plastiksack vor mir her. Ich konnte nicht erkennen, woher er kam. Das feine Material blähte sich auf und wurde dicht über den Boden gerissen. Ich schenkte meiner Umgebung wieder mehr Beachtung und versuchte mich zu orientieren. Zum Glück war der Plastiksack aufgetaucht. Ich musste nun meine Richtung ändern.

Vor mir ragte in der Ferne ein Berg auf. Erleichtert mobilisierte ich nochmal meinen Körper und ging frisch beschwingt weiter. Das Ziel vor Augen war dieser Marsch um einiges einfacher.

Als ich näher kam, konnte ich ihn entdecken. Anfangs war er nur ein kleiner Punkt. Doch ich wusste, wonach ich suchen musste. Langsam wurde der Punkt zu einer Gestalt. Es stand hoch oben, am Rand eines steilen Abhangs, der viele hundert Meter in die Tiefe führte. Bald konnte ich erkennen, dass der Wind auch an ihm riss. Dort oben musste er noch stärker sein als hier unten. Sein T-Shirt flatterte wild an seinem Körper. Ich nahm die Kopfhörer aus den Ohren, es war Zeit.

Er sprang.

Rückgrat

22.11.2006

„Oah, mein Rücken tut weh! Das darf doch einfach nicht wahr sein, verdammt! Dieser beschissene Rücken!… Verdammt!“, stöhnend liess ich mich in den Stuhl neben Beat fallen, allerdings nicht, ohne noch kurz vor Schmerz zusammen zu zucken. „Was ist denn mit dir los?“, fragte der mich völlig entsetzt, „Du siehst ziemlich Sch….. lecht aus.“ „Ich fühl mich auch so. Mein Rücken mal wieder. Gestern Abend wollte ich die Futterschalen meiner Katzen aufheben, um sie abzuwaschen, und da ist plötzlich ein mächtiger Stromstoss durch meinen Rücken gejagt. Ich hab wieder mal Hexenschuss.“ „Und wieso kommst du dann?“ Die Frage war natürlich berechtigt, die Antwort allerdings auch sonnenklar: „Weil wir hier anwesenheitspflichtig sind vielleicht?“ Ich versuchte, möglichst viel Sarkasmus in meine rhetorische Frage einfliessen zu lassen. „Ach komm schon, dieses eine Mal ist doch kein Problem! Wir haben zwölf Wochen Vorlesungen, zwei können wir entschuldigt und zwei unentschuldigt fehlen. Du hast bisher noch nie gefehlt.“ „Ja, okay, das stimmt. Also um ehrlich zu sein, ich will unbedingt den einen Vortrag heute hören. „Marilyn Manson – Musiker oder Monster?“, ich meine, nur schon für den Titel würde ich der Frau eine gute Note geben. „Ich gebe ja zu, das Thema ist interessant, aber du solltest wirklich nicht deine Gesundheit aufs Spiel setzen.“ „Wieso setzt Anna ihre Gesundheit aufs Spiel?“ Annabelle war gerade durch die Tür gerauscht und hatte natürlich die letzten Worte von Beat aufgeschnappt. Ich sah ihn böse an. „Ich hab mal wieder Hexenschuss, will aber heute den einen Vortrag unbedingt hören“, antwortete ich ihr pflichtschuldig. „Ach so ist das. Dann hab ich das war für dich.“ Annabelle begann in ihrer Tasche rum zu kramen und holte ihren berüchtigten Kulturbeutel hervor. Das „Reise-Necessaire“, wie wir es auf gut Schweizerdeutsch nannten. Das Ding sah völlig harmlos aus: Durchsichtige Plastikfolie, die von einem pinkfarbigen Band eingefasst war. Doch wenn Annabelle den Reissverschluss öffnete, entpuppte sich der Beutel als schwarzes Loch. Ich schwöre, Annabelle könnte darin eine Leiche verstecken! Tatsächlich schleppte sie darin ungefähr folgenden Inhalt mit sich:

– Kopfwehtabletten in drei verschiedenen Stärken
– Drei Lippenstifte, je einen in braun, hellbraun und rot
– Ein kleines Fläschchen Parfum
– Ein Fläschchen mit Augentropfen
– Einen Kugelschreiber
– Ein Feuerzeug (Annabelle war Nichtraucherin)
– Eine Reservepackung der Verhütungspille
– Lidschatten in dunkelbraun und dunkelrot mit Glitzer
– Einen kleinen Kosmetikspiegel
– Lingualtabletten gegen Übelkeit

Dies war zumindest alles, was ich bisher davon gesehen hatte. Wie gesagt, das Ding schien keinen Boden zu haben.

„Hier“, sagte sie, und hielt mir eine Tablette hin. Ich beäugte sie misstrauisch. Das chemische Zeug hatte eine geradezu übelkeiterregende grüne Farbe. Wahrscheinlich waren dafür die Lingualtabletten. „Was ist das?“, fragte ich nun skeptisch nach. Eigentlich hatte ich gehofft, das Problem „Rücken“ ohne Medikamente in den Griff bekommen zu können. Gerade sitzen, eine professionelle Massage und eine Heizdecke in der Nacht sowie zwei Tage Bettruhe hatten das letzte Mal Wunder gewirkt. „Das ist Requiam. Ist ein Schmerz- und Muskelentspannungsmittel. Wird dir helfen“, antwortete sie lapidar. „Requiam? Wie von Requiem? Was soll das bedeuten, dass ich tot umfalle, wenn ich das Zeug schlucke?“ „Von der Farbe her würde ich der Pilla das zutrauen“, warf Beat einen wenig konstruktiven Beitrag ein. „Nun hab dich nicht so. Die Farbe ist vielleicht hässlich, aber das Zeug hilft wirklich! Hier, runterschlucken!“ Sprachs und hielt mir ihre Wasserflasche hin.

Wie ein hilfloser Patient im Krankenhaus nahm ich die Tablette und die Flasche entgegen und schluckte das Teufelszeug runter.
„Ach ja, nur so als Vorwarnung: Das Zeug fährt ziemlich ein. Falls du plötzlich bunte Kreise siehst oder dich high fühlst, ist das ganz normal.“
Ich starrte Annabelle einen Moment entsetzt an und überlegte dann, ob ich auf die Toilette rennen und die Pille wieder rauswürgen sollte. In dem Moment kam unser Seminarleiter herein.

Im Nachhinein denke ich, dass Marilyn Manson wahrscheinlich gar kein so spannender und ausgeflippter Kerl ist, wie es mir damals während es Vortrags vorkam. Wobei, er ist eigentlich doch seeeehr ausgeflippt… Aber glaubt mir Leute: Jurisprudenz ist keine wertlose Wissenschaft!